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Kinder als Internetstars – Chance oder Ausbeutung?

Kinderinfluencer sind höchst erfolgreich auf YouTube und Co. |  Bild: Junge asiatische Influencer-Mutter verkauft Kinderkleidung per Live-Streaming zu Hause, während sie ihr Kleinkind betreut. © Akarawut Lohacharoenvanich | Dreamstime.com [Royalty Free]  - Dreamstime

Kinderinfluencer sind höchst erfolgreich auf YouTube und Co. | Bild: Junge asiatische Influencer-Mutter verkauft Kinderkleidung per Live-Streaming zu Hause, während sie ihr Kleinkind betreut. © Akarawut Lohacharoenvanich | Dreamstime.com [Royalty Free] - Dreamstime

Fröhlich lachend spielen sie mit Bauklötzen, zeigen Schminktipps und halten Produkte in die Kamera. Kinderinfluencer sind hoch erfolgreich auf YouTube, Instagram und Co, mit teilweise gerade einmal acht oder neun Jahren erreichen ihre Videos Hunderttausende im Netz. Es gibt hunderte solcher Kidfluencer in der Welt, auch hier in Deutschland. Die gezeigten Inhalte sind dabei höchst unterschiedlich, es gibt alles von Spielzeugtests bis Lifestyle-Videos. Minderjährige im Netz sind dabei vor allem eins: Hochprofitabel. Kinderinfluencer sind ein Glücksgriff für die Werbeindustrie, sie öffnen die Tore zur jüngsten Zielgruppe überhaupt, anderen Kindern. Werbung die sich gezielt an Kinder richtet, ist in Deutschland verboten; Influencer aber unterlaufen diese Regelung: Sie sprechen keine direkte Kaufempfehlung aus, sondern platzieren Produkte in ihren Inhalten und nutzen ihre Vorbildfunktion um sie zu verkaufen. Werbetreibende sind bereit, sehr viel dafür zuzahlen, auch deshalb gibt es so viele solcher Kanäle.1)2)3)4)5)6)7)

Ist das schon Kinderarbeit? – Ja, tatsächlich. Nach der Definition des Kinderhilfswerks zählt jede Aktivität von Kindern als Kinderarbeit, die zum Familieneinkommen beiträgt. Illegal ist die Arbeit von Kinderinfluencern trotzdem nicht. Es gibt in Deutschland einige Sonderregeln und Ausnahmen vom Verbot der Kinderarbeit, so zum Beispiel für Kinderschauspieler. Kinder zwischen 3 und 6 Jahren dürfen zum Beispiel höchstens 2 Stunden am Tag zwischen 8 und 17 Uhr arbeiten und Schulkinder höchstens 3 zwischen 8 und 22 Uhr. Dazu kommt noch eine Reihe an Einverständniserklärungen von den Eltern, einem Arzte, der Schule und den Behörden. In der Theorie gilt das auch für Internet und Social Media – faktisch ist das Netz aber Rechtsfreier Raum. Es gibt ein akutes Umsetzungsdefizit, fast kein Kanal hält sich an die Auflagen oder hat die nötigen Genehmigungen. Kinderinfluencer sind natürlich nicht mit Kinderarbeit in Minen oder der Landwirtschaft vergleichbar – Schaden kann es den Kindern aber trotzdem.2)3)7)6)5)

Im März 2023 meldeten sich mehrere mittlerweile Erwachsene Kidfluencer in der teenVogue zu Wort: Sie berichteten von gestörten Verhältnissen zu ihren Eltern und einer vergifteten Familienatmosphäre. Jeder Moment als Kind sei gefilmt und gepostet worden, Kindergeburtstage, Weihnachten, Krankheiten und Unfälle. Wie in der Truman Show konnte man ihnen beim Aufwachsen zuschauen, von Beginn an und ohne ihr Einverständnis. Dabei ist das Veröffentlichen solcher Aufnahmen mitunter nicht nur fragwürdig, sondern auch strafrechtlich relevant: Bis zum siebten Lebensjahr liegt das Recht am Bild des Kindes treuhänderisch bei den Eltern, sollten trotzdem Aufnahmen, die besonders Intim oder peinlich sind, öffentlich gemacht werden, ist das illegal. Als intim zählen dabei auch Videos aus dem Kinderzimmer oder dem Schwimmbad, genau wie Tränen und Krankheiten.8)2)9)10)5)

Das Internet aber ist voll von solchen Aufnahmen. Wenn jedes Ereignis in der Familie und jedes Geheimnis in erster Linie Content und das Kinderzimmer Arbeitsplatz ist, dann schlägt das auf die Psyche des Kindes. Auch in der Schule kann das zum Problem werden. Ist der gesamte bisherige Lebensweg für alle einsehbar im Netz erhältlich, bietet das eine Steilvorlage für Mobbing und Ausgrenzung.8)9)2)10)11)5)

Die Rolle als Internetbekanntheit ist eine Gefahr für die mentale Gesundheit von Kindern, gleichzeitig ist sie enorm profitabel. 2019 war der meistverdienendste YouTuber der Welt gerade einmal acht Jahre alt. Es ist durchaus möglich, dass so die Kinder alleine den Lebensunterhalt einer ganzen Familie bestreiten, die Eltern ihre Stellen kündigen und zu Managern ihres Kindes werden. Solche Situationen sind besonders schädlich, auf den Kindern lastet ein enormer Druck. Sie können nicht mehr einfach aufhören, ohne das Einkommen der gesamten Familie zu gefährden.2)12)3)

Auch neben dem psychischen Druck kann die Veröffentlichungswut mancher Eltern zur Gefahr für ihre Kinder werden. Oft wird in Familienblogs und Kinderkanälen sehr sorglos mit sensiblen Daten umgegangen. Ohne viel Aufwand lässt sich so teilweise herausfinden, wo ein Kind wohnt, wo es zur Schule geht, wie es heißt und wann es Geburtstag hat. Die Privatsphäre wird so noch weiter eingeschränkt und die Gefahr von Stalking steigt.7)2)5)3)

Das Phänomen erinnert an die Lage von Kinderschauspielern. Die sind heute gut erforscht und leiden zum Beispiel öfter an Depressionen, Angststörungen und Substanzabhängigkeiten. Einen wichtigen Unterschied zu jungen Influencern gibt es aber. Bei Kinderschauspielern sind die Eltern die Anwälte des Kindes, sie sind mit am Set und passen auf, dass seine Interessen gewahrt werden. Bei Kinderinfluencern sind die Eltern die Arbeitgeber des Kindes, so kommt es nur zu leicht zu Interessenskonflikten.12)7)

Sicherlich wollen die Eltern nur das Beste für ihr Kind und die meisten jungen Influencer fangen in erster Linie an, weil es ihnen Spaß macht – trotzdem ist es wichtig klare Regeln für die Branche zu schaffen. Deutschland kann dabei einiges vom Ausland lernen: In mehreren US-Staaten und Frankreich gibt es neue Gesetze eigens für den Schutz junger Internetfiguren. Die Eltern müssen zum Beispiel, einen Teil der Einnahmen des Kindes auf ein Treuhandkonto einzahlen, das das Kind ab einem bestimmten Alter verwalten darf. Auch das Recht auf Vergessen soll auf den großen Plattformen gelten, Kinderinfluencer können so verlangen, das alle Inhalte mit ihnen gelöscht werden müssen. Frankreich hat das bisher weitreichendste Gesetz: Hier müssen auch alle Firmen, die mit den Kindern werben wollen, vorher eine Genehmigung der Behörden einholen. Sonst machen sie sich strafbar. Auch Deutschland muss nachziehen, es kann nicht sein, dass der Kinderschutz beim Internet aufhört.13)11)14)

 

 

  1. Deutsches Kinderhilfswerk: Kinder und Influencing in sozialen Medien; stand 09.01.2024
  2. Deutsches Kinderhilfswerk: Zwischen Spielzeug, Kamera und YouTube; stand 09.01.2024
  3. Schau Hin: Kinder-InfluencerInnen: Social-Media-Erfolg aus dem Kinderzimmer; stand 09.01.2024
  4. BRISANT: KINDER BESTREITEN FAMILIENEINKOMMEN – MINI-INFLUENCER – WIEVIEL ARBEIT IST FÜR KINDER ERLAUBT?; vom 06.03.2023
  5. Alicia Joe: Familienblogger: Wenn Unterhaltung Jugendschutz gefährdet…; vom 29.04.2021
  6. WDR: Minderjährige Tiktok-Stars – So hart ist das Business | WDR Doku; vom 25.11.2021
  7. Alicia Joe: Kinderinfluencer: Zu jung, zu fame, zu freizügig?; vom 13.06.2021
  8. teenVogue: Influencer Parents and The Kids Who Had Their Childhood Made Into Content; vom 10.03.2023
  9. Deutsches Kinderhilfswerk: Deutsches Kinderhilfswerk veröffentlicht Online-Dossier „Zwischen Spielzeug, Kamera und YouTube – Wenn Kinder zu Influencern (gemacht) werden“; vom 07.05.2020
  10. Focus: Die Glamour-Welt der Influencer-Kinder: „Werden nie normal sein“; vom 19.06.2023
  11. teenVogue“Right to Be Forgotten“ Bill to Be Introduced in Maryland to Protect Children of Influencers; vom 15.12.2023
  12. MrWissen2go: Das Geschäft mit Kinder-Influencern auf Youtube | MrWissen2go EXKLUSIV; vom 23.10.2019
  13. teenVogue: Child Influencers Could Gain a Major Legal Protection in California; vom 21.12.2021
  14. W&W: Wie Frankreich Kinder-Influencer schützt; vom 08.10.2020



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