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Wie die Dürre & Armut Kinder in Afghanistan zurück in die Arbeit zwingen

Dorf in der Nähe von Bala Murghab in der Provinz Badghis, Afghanistan. Ein junger Mann und ein Junge verkaufen in diesem abgelegenen Dorf im Westen Afghanistans Obst aus Schubkarren. Zwei Jahre nach der Machtübernahme der Taliban breitet sich die Kinderarbeit wieder im ganzen Land aus. |  Bild: Verkauf von Obst in einem Dorf in der Nähe von Bala Murghab in der Provinz Badghis, Afghanistan © Jonathan Wilson | Dreamstime.com [Royalty Free]  - DreamstimeDorf in der Nähe von Bala Murghab in der Provinz Badghis, Afghanistan. Ein junger Mann und ein Junge verkaufen in diesem abgelegenen Dorf im Westen Afghanistans Obst aus Schubkarren.

Zwei Jahre nach der Machtübernahme der Taliban breitet sich die Kinderarbeit wieder im ganzen Land aus. | Bild: Verkauf von Obst in einem Dorf in der Nähe von Bala Murghab in der Provinz Badghis, Afghanistan © Jonathan Wilson | Dreamstime.com [Royalty Free] - Dreamstime

Die „schlimmste humanitäre Krise der Welt“, so bezeichnet der Generalsekretär der Vereinten Nationen Antonio Guterres die Lage in Afghanistan. Und wirklich, seit die Taliban im Sommer 2021 nach 20 Jahren Krieg die Kontrolle über die 40 Millionen Einwohner wiedererlangten, befindet sich das Land im Fiberwahn. 1)

Das Land ist wirtschaftlich am Boden, die schlimmste Dürre seit 30 Jahren verdorrt die Felder, dazu kommen noch die Pandemie und eine Reihe verheerender Erdbeben. Die Bürger sind ausgelaugt nach zwei Generation des Krieges, Zwei-Drittel sind heute auf humanitäre Hilfe angewiesen, ganze 97 Prozent leben von weniger als 2,16 US-Dollar am Tag und neun aus zehn Familien haben nicht ausreichend zu Essen. Seit zwei Jahren herrscht zudem der Religiöse-Totalitarismus der Taliban, der besonders Frauen und Mädchen systematisch die Luft zum Atmen abdrückt. Die Verzweiflung ist riesig in der Bevölkerung, immer wieder müssen Menschen die eigenen Organe oder sogar die eigenen Kinder verkaufen, um zu überleben. 2) 3) 4) 5) 6)

Dieser Sturm sich gegenseitig anheizender Krisen schadet vor allem einen: den Kindern. Jeder zweite Einwohner Afghanistans ist minderjährig, 42 Prozent sogar jünger als 14. Sie treffen die schlimmsten Schäden aus Hunger, Armut und Krieg. 800 000 Kinder unter fünf sind unterernährt, 15,2 Millionen sind abhängig von humanitärer Hilfe und – auch die Kinderarbeit ist wieder auf dem Vormarsch. Geschlossene und zerbombte Schulen haben eine Leere ohne Perspektive aufgerissen. Die Kinder haben keine Chance mehr auf Aufstieg durch Bildung, selbst die kostenlose Schulmahlzeit fällt weg; für die Familien bleibt so oft keine Wahl: Die Kinder müssen arbeiten. 6)

Genaue Zahlen zur Kinderarbeit in Afghanistan gibt es nicht. Die Schätzungen reichen von 12 Prozent der Kinder (US-Arbeitsministerium) bis hin zu 38,4 Prozent (Save the Children). Fest steht: Es werden mehr. Dürre, Hunger und Armut haben dabei eine wichtige Rolle, doch auch die Taliban helfen mit ihrer frauenfeindlichen Politik kräftig nach: Seit der Machtübernahme dürfen Mädchen nicht länger als bis zur sechsten Klasse in die Schule gehen. Vielen bleibt nichts übrig außer die eigene Arbeitskraft zu verkaufen. Frauen dürfen außerdem nicht mehr in internationalen Organisationen wie der WHO arbeiten, 10 000 Menschen haben so ihre Einkommen verloren – Einkommen, die irgendwie wieder erwirtschaftet werden müssen. Mit dem Geld verschwindet auch wichtiges Personal; Lehrerinnen, Psychologinnen und Entwicklungshelferinnen haben früher Kinder geschützt und aufgefangen – heute fehlen sie im System. 6) 2) 7)

Heute sind Kinder in jedem Teil der afghanischen Wirtschaft zu finden. Sie sitzen an übergroßen Webstühlen und fertigen stundenlang Teppiche, bei jedem Wetter formen sie Ziegelsteine aus Lehmbrocken, verkaufen bis spät in die Nacht Waren in den Straßen Kabuls; sie sind Hausdiener, Minenarbeiter und sogar Schmuggler an der Grenze zu Pakistan. Kurz: Kinder arbeiten überall, wo es die Aussicht auf Lohn und Brot gibt, und sei sie noch so gering. Der Preis, mit dem sie sich den mageren Lohn zahlen ist, aber hoch: Oft arbeiten Kinder zehn Stunden und mehr, sie verpassen den wenigen Unterricht der noch stadtfindet. Viele der Arbeiten sind dazu noch gefährlich, Minderjährige schleppen schwere Lasten, hantieren mit scharfen Werkzeugen oder verbringen ihre Schichten inmitten giftiger Chemikalien. Kinder fangen oft schon mit sechs Jahren an zu arbeiten – und verlieren zwischen dem Rattern der Webstühle oder der Hitze der Schmelztiegel ihre Kindheit. 7) 3) 6)1)

Es klingt zynisch, aber als Kind in einer Ziegelei oder als Straßenverkäufer hat man fast noch so etwas wie „Glück“. Denn in Afghanistan sind auch die schlimmsten Formen der Kinderarbeit verbreitet. Schuldknechtschaft und Zwangsarbeit kommen häufig vor, genau wie Menschenhandel und Prostitution. Gerade kleine Mädchen werden oft an ältere Männer verkauft, wo sie als Ehefrauen dienen und Zwangsarbeit im Haushalt übernehmen. Auch Zwangsrekrutierungen sind im kriegsversehrten Afghanistan noch bekannt, immer wieder rekrutieren Milizen und Terrorgruppen Jungen und bilden sie zu Soldaten und Selbstmordattentätern aus. 6) 7)

Die Lage für Kinder ist schlimm in Afghanistan, das war sie für die letzten 20, vielleicht sogar 40 Jahre. Doch vor der Machtübernahme der Taliban federte die Flut an ausländischem Geld zumindest die schlimmsten Folgen ab. 75 Prozent des afghanischen Haushalts bestand aus Hilfszahlungen – heute ist nur noch wenig davon übrig. Viele humanitäre Organisationen haben das Land verlassen und viele westliche Staaten ihre Hilfe herunter geschraubt. Was bleibt ist ein großes Loch in den Finanzen: 4,6 Milliarden US-Dollar Nothilfe braucht es laut UN für das Jahr 2023, gerade einmal 259 Millionen standen im Juni zur Verfügung, 39 davon aus dem Auswärtigen Amt. Auch das Welt Ernährungs Programm muss sein Engagement im Land wegen fehlendem Geld zurückschrauben. 8) 1) 9) 7)

Die Lage in Afghanistan ist verzweifelt, das Land und seine Bürger liegen am Boden, ausgezehrt von 2 Generationen des Krieges. Die Kämpfe sind zwar mittlerweile vorbei, die Krise geht aber weiter. 2021 war das Land noch in Talkshows und Titelseiten – heute droht Afghanistan hinter dem Mahlstrom der Krisen der letzten Jahre zu verschwinden und am Ende vergessen zu werden.

  1. ZDF-heute: NGO: Kinderarmut in Afghanistan nimmt zu; vom 15.08.2023
  2. Save The Children: More than a third of children surveyed in Afghanistan pushed into child labour, as country marks two years of taliban Rule; vom 15.08.2023
  3. Al Jazeera: Photos: Poverty pushes Afgahn children to work at brick kilns; vom 26.09.2022
  4. Terre des Hommes: Kinderarbeitsreport 2023 – Ausbeutung von Kindern in Afghanistan; vom Juni 2023
  5. Stern: Sie arbeiten in Kohleminen oder als Schuhputzer: Verlorene Kindheit in Afghanistan; vom 20.11.2022
  6. US-Department of Labor: Child Labor and Forced Labor Report – Afghanistan; stand 21.11.2023
  7. Terre des Hommes: Kinderarbeitsreport 2023 – Ausbeutung von Kindern in Afghanistan; vom Juni 2023
  8. Presseportal: Zum Welttag gegen Kinderarbeit am 12. Juni: Humanitäre Krise zwingt 1,6 Millionen Kinder in Afghanistan in ausbeuterische Arbeit; vom 09.06.2023
  9. Save The Children: More than a third of children surveyed in Afghanistan pushed into child labour, as country marks two years of taliban Rule; vom 15.08.2023



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