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Moderne Sklaverei – Wie Hausmädchen von ihren Arbeitgebern ausgebeutet werden

Ein Mädchen fegt vor dem Haus. Viele Kinder müssen als Haushaltshilfe arbeiten. |  Bild: Child Labour - Little African Girl Cleaning © Riccardo Lennart Niels Mayer [Royalty Free]  - Dreamstime

Ein Mädchen fegt vor dem Haus. Viele Kinder müssen als Haushaltshilfe arbeiten. | Bild: Child Labour - Little African Girl Cleaning © Riccardo Lennart Niels Mayer [Royalty Free] - Dreamstime

Hausarbeit kann viel Zeit in Anspruch nehmen, daher greifen wohlhabende Menschen gerne auf Haushaltshilfen zurück, besonders in Indien und Pakistan, aber auch in vielen afrikanischen Ländern ist diese Art von Dienstleistung weit verbreitet. Dabei kommt es zu Menschenhandel, sklavenartigen Beschäftigungsverhältnissen und der Ausbeutung Minderjähriger.

Neu Delhi, Indien, April 2012. Ein Mädchen wird von einem Balkon eines Hauses in einem der besten Viertel der Stadt gerettet. Sechs Tage lang musste sie ohne Nahrung im Haus ausharren, bis sie begann verzweifelt um Hilfe zu schreien. Warum das 13-jährige Mädchen aus Jharkhand, einem der ärmsten Bundesstaaten Indiens, im Haus eingesperrt war, konnte schnell festgestellt werden. Sie war dort von einem Ehepaar als Hausmädchen beschäftigt worden. Als dieses in Thailand Urlaub machte, ließ es das Mädchen einfach ohne Nahrung im Haus zurück. Davor hatten sie es vermutlich auch schlecht behandelt, worauf Blutergüsse auf ihrem Körper hindeuteten. Dieser Extremfall beruht auf dem strukturellen Problem vieler Länder mit Dienstmädchen. 1)

In ganz Indien gibt es mehrere hunderttausend, teils minderjährige Hausmädchen, welche unter unwürdigen Bedingungen zur Arbeit gezwungen werden. Doch das Problem besteht nicht nur dort – auch andere Länder sind davon betroffen, unter anderem Pakistan, Madagaskar und der Libanon. Mit zunehmendem Wohlstand bekommen Teile der Bevölkerung die Möglichkeit Haushälterinnen anzustellen. Diese verbringen dann meist mehrere Jahre bei der Familie, die sie angestellt hat und stehen 24 Stunden täglich zur Verfügung. Dabei arbeiten sie teilweise weit unter dem Mindestlohn in fast sklavenähnlichen Verhältnissen. Sie werden von ihren Arbeitgebern, welche eher den Stand eines Besitzers haben, geschlagen, misshandelt und missbraucht. Besonders das Schlagen der Mädchen ist weit verbreitet, vor allem als Züchtigungsmaßnahme. Die Behörden unternehmen in derartigen Fällen fast nie rechtliche Schritte. Im Gegenteil – nicht selten kommt es auch zu Anzeigen durch die Arbeitgeber, beispielsweise als Reaktion auf Lohnforderungen. Das Schema dabei ist fast immer das Gleiche: Die Mädchen fordern ihren Lohn oder beklagen sich über die schlechten Arbeitsbedingungen. Daraufhin erstatten die Dienstherren Anzeige gegen die Mädchen, um sich die Lohnkosten zu sparen. Oft unterstellen sie ihnen Wertsachen oder Bargeld gestohlen zu haben. Die Polizei steht dann in den meisten Fällen auf der Seite der Familien. Die Mädchen verlieren ihren Job, erhalten für bereits geleistete Arbeit keinen Lohn und erwarten ein Verfahren vor Gericht, das aufgrund mangelnder Beweise meist zugunsten der Familie urteilt. 2)3)1)

 

Wie viele Hausmädchen es in Indien oder auch weltweit gibt, ist unklar. Die indische Regierung gab jedoch an, dass alleine 2011 rund 125.000 Kinder aus Zwangsarbeit befreit wurden. Allein in Neu Delhi gibt es mehr als 2300 Vermittlungsagenturen für Haushaltshilfen. Im ganzen Land sind es also entsprechend mehr. Diese Zahl bezieht sich jedoch auch nur auf Schätzungen der Menschenrechtsorganisation Action Aid. Es wird von einer hohen Dunkelziffer ausgegangen. Von diesen Agenturen sind jedoch gerade einmal rund 20 Prozent registriert. Der Rest hält sich meist nicht an gesetzliche Vorgaben, beispielsweise zum Lohn, der Arbeitszeit und dem Alter der beschäftigten Kinder. Dazu kommen Untergrundorganisationen, die Menschenhandel betreiben. Das Problem ist also von fast unvorstellbarer Größe. Die Menschenhändler arbeiten oft mit den Agenturen zusammen und werden von diesen auch bezahlt. In Indien, wie auch in den meisten Ländern, wird den Mädchen ein besseres Leben, teilweise sogar ein Studienplatz an einer Universität, versprochen. Die Realität sieht jedoch ganz anders aus und die Mädchen werden zu reinen Gebrauchsgegenständen oder Sklaven degradiert. Für die Agenturen ist dies ein äußerst lukratives Geschäft, da sie hohe Provisionen von den „Käufern“ verlangen und teilweise auch mehrere Monatsgehälter der Mädchen einbehalten. Die Agenturen wiederum zahlen Geld an die Vermittler der Mädchen. Oft sind das sogar Verwandte oder Nachbarn der Mädchen, die dieses an die Agenturen übergeben. Hohe Provisionen ziehen auch Menschenhändler an, die die Mädchen ihren Familien praktisch abkaufen oder sie entführen. So oder so erwartet sie jedoch oftmals ein schlechtes Leben, da sie 24 Stunden am Tag für ihre Arbeitgeber zur Verfügung stehen müssen, was in keinem der Länder zulässig ist. Sie wohnen in Garagen oder Abstellräumen und haben keinerlei Privatsphäre. Die Behörden sehen trotzdem in den meisten Fällen weg. Das Problem ist zu verbreitet und für Ermittlungen fehlen oft die Ressourcen wie auch das öffentliche Interesse. 1)

 

 

Wurden die Mädchen erst einmal vermittelt, haben sie oft keine Möglichkeit mehr, zu ihren Familien zurückzukehren. Ihnen werden oft auch die Pässe abgenommen, um sie an das Haus zu binden. Telefongespräche werden ihnen auch oft untersagt. Das Haus dürfen sie in den meisten Fällen nur mit Erlaubnis, beziehungsweise auf Anweisung hin verlassen. Im ersten halben Jahr ist es oft auch üblich, den Hausmädchen keinen Kontakt mit der Öffentlichkeit zu erlauben, um eine mögliche Flucht zu vermeiden. Auch im Haus stehen die Mädchen in der Anfangszeit immer unter Beobachtung. Verlassen die Bewohner das Haus, schließen sie sie meistens ein. So abgeschottet sollen sich die Mädchen an ihre Lage und an die neue Umgebung gewöhnen. Sollte es dennoch Probleme mit den Mädchen geben, ist es Gang und Gebe sie zu schlagen. Die Mädchen müssen das über sich ergehen lassen. Sollte dies auch nicht funktionieren, greifen die „Besitzer“, wie man sie nennen könnte, gerne darauf zurück, die Mädchen wegen Diebstahl ungerechtfertigt anzuzeigen. Mit dieser Methodik umgehen sie auch die Auszahlung von noch nicht gezahlten Gehälter. Die Mädchen stehen dann ohne Lebensgrundlage auf der Straße.  4)1)

 

 

Der Grund, warum Mädchen teilweise freiwillig derartige Beschäftigungsverhältnisse eingehen oder von ihren Familien dazu gezwungen werden, ist sehr oft die Versorgung der Familie. Vor allem verarmte Menschen aus ländlichen Regionen schicken ihre Kinder zur Arbeit in die Stadt, um Geld für die Familie zu verdienen. Umso schlimmer ist es dann also auch, wenn die Mädchen für ihre Arbeit keinen Lohn erhalten. Sie müssen sich dann eine neue Arbeit suchen. Eine Rückkehr in Schande zu ihren Familien ist keine Option.

Ein weiterer Beweggrund für die jungen Mädchen kann sein, dass diese überhaupt keine Familie haben. Besonders diese Mädchen sind beliebt, da sie seltener flüchten und ihre Arbeitgeber als neue Familie akzeptieren.

Die Verantwortung, die Ausbeutung der Mädchen zu beenden, liegt untern anderem bei den Regierungen der Länder. Diese sehen aber größtenteils keinerlei Notwendigkeit, die Beschäftigung von Hausmädchen weiter zu reglementieren oder die Einhaltung der Regeln verstärkt zu kontrollieren. Erst ein Eingreifen durch die Regierung könnte die notwendigen Veränderungen bringen, die das Leben der Mädchen verbessern würde. 4)

  1. DW: Das Leid der Hausmädchen in Indien; 09.01.2013
  2. Tribune: Child labour: Maids or more?; 24.02.2014
  3. Deutschlandfunk Kultur: Der Handel mit den Hausmädchen; 23.01.2020
  4. Deutschlandfunk Kultur: Dienstmädchen ohne Rechte; 05.05.2020

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