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Talibés im Senegal werden zum Betteln gezwungen

Zwangsbettelei |  Bild: Allein im Senegal werden schätzungsweise 100 000 Kinder zur Zwangsbettelei eingesetzt. © Stockimage123 [Royalty Free]  - Dreamstime.comZwangsbettelei

| Bild: Allein im Senegal werden schätzungsweise 100 000 Kinder zur Zwangsbettelei eingesetzt. © Stockimage123 [Royalty Free] - Dreamstime.com

„Jeden Tag versuche ich, nicht zu weinen. Jeden Tag versuche ich, nicht zu schreien. Ich kann nicht schlafen. Ich mache nur die Augen zu und versuche mir vorzustellen, ich sei woanders. Ich kenne meine Familie nicht, ich weiß nur, dass ich nicht hierher gehöre.“ So äußert sich ein Junge, der im senegalesischen Dakar zum Betteln gezwungen wird. 1)

Im Senegal teilen rund 100 000 Kinder sein Schicksal. Sie werden als Talibés bezeichnet. Eigentlich sollten sie an Koranschulen, den sogenannten Daaras, eine schulische und religiöse Ausbildung durch einen „Marabout“, einen Gelehrten des Islams, erhalten. Viele Familien schicken ihre Kinder dorthin, auch weil sie sie so nicht mehr zuhause durchfüttern müssen. Andere tun das aus religiösen Gründen oder in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft für ihre Kinder. Die Koranschulen sind zudem kostenlos, was sie vor allem für arme Familien attraktiv macht. Doch nicht alle Daaras sind seriös. In der Realität ist das Leben in einigen Koranschulen die Hölle für die Talibés. 1)2)3)4)

Im Senegal gibt es keine festen Vorschriften für die Eröffnung einer Daara und die Bezeichnung Marabout. Folglich kann sich jeder Mann als solcher bezeichnen. Aus diesem Grund gibt es vielerorts Marabouts, die kein Interesse am Unterrichten von Kindern haben, sondern sie nur ausbeuten. Diese Kinder werden häufig zur Zwangsbettelei eingesetzt. Unterricht gibt es, wenn überhaupt, nur früh morgens oder spät abends. Die Kinder kommen nicht nur aus dem Senegal, sondern auch aus Nachbarländern wie Mauretanien, Guinea, Mali, Gambia und Guinea-Bissau. 5)6)7)

Der Alltag der Talibés ist von Vernachlässigung, Grausamkeiten und Gefahren geprägt. Täglich müssen sie auf der Straße betteln. Meistens wird den Kindern eine Summe vorgegeben, die sie abends ihrem Marabout übergeben müssen. Wenn sie das nicht schaffen, werden sie streng bestraft. Oft müssen die Kinder auch ihr eigenes Essen erbetteln, da sie in der Daara keinerlei Verpflegung erhalten. Auch sonst sind ihre Lebensbedingungen unmenschlich. Die Talibés müssen auf dem blanken Fußboden schlafen. Außerdem haben sie zumeist keinen Zugang zu fließendem Wasser, Strom und sanitären Einrichtungen. 8)4)

Die Folgen für die Betroffenen sind fatal. Viele wurden schon mit vier oder fünf Jahren von ihren Familien getrennt und leben seither unter der Willkür ihres Marabouts. Um die Kinder gefügig zu machen und ihren Willen zu brechen, greifen diese teilweise zu drakonischen Mitteln. Die Talibés werden verprügelt, bis sie von blutenden Wunden übersät sind. Andere werden angekettet oder sexuell missbraucht. Durch diese dauerhaften Misshandlungen haben viele der Kinder mit körperlichen Folgen zu kämpfen, unter anderem mit Narben, Wachstums- und Rückenproblemen, Infektionen und Traumata. Außerdem grassieren in den Daaras Krankheiten wie Malaria, Gelbfieber oder Cholera, bedingt durch mangelnde Hygiene und fehlende Moskitonetze. Da die Betroffenen meistens keine adäquate medizinische Versorgung erhalten, sterben viele an den genannten Krankheiten oder tragen Spätfolgen davon. Auch leiden die Kinder häufig an Unterernährung. 8)2)1)

Dem Senegal gelingt es bisher nicht, effektiv gegen das Problem vorzugehen. Zwar ist Betteln unter Zwang seit 2005 verboten, das Gesetz wird allerdings kaum beachtet. Es gibt weitere Gesetzentwürfe, um Talibés zu schützen und Ausbeutung zu verhindern. Zudem haben verschiedene politische Parteien die Abschaffung von Zwangsbettelei zum Ziel erklärt. Entsprechenden Ankündigungen sind bisher aber keine Taten gefolgt. 3)  7)6)

  1. Neue Züricher Zeitung: Betteln und Beten: Talibé in Senegal; 20.06.2016
  2. Deutschlandfunk: Das Leid der Talibés; 09.07.2016
  3. Human Rights Watch: “These Children Don’t Belong in the Streets”; 16.12.2019
  4. Humanium: Die Talibé-Kinder; 03.09.2014
  5. Taliberté: Wer sind die Talibés-Kinder?; Stand 27.09.2022
  6. Radio France Internationale: La lutte difficile du Sénégal pour retirer les enfants talibés des rues; 03.01.2017
  7. Human Rights Watch: “There Is Enormous Suffering”; 11.06.2019
  8. Harvard Human Rights Journal: The Plight of Talibé Children in Senegal; 2022

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