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Chrom im Leder vergiftet Kinderarbeiter und Endverbraucher

Kinder arbeiten in der Lederproduktion |  Bild: Die Lebenserwartung von Menschen die in Gerbereien arbeiten liegt bei etwa 50 Jahren. © Kutredrigm [Royalty Free]  - dreamstime.comKinder arbeiten in der Lederproduktion

| Bild: Die Lebenserwartung von Menschen die in Gerbereien arbeiten liegt bei etwa 50 Jahren. © Kutredrigm [Royalty Free] - dreamstime.com

Ridoy ist 12 Jahre alt und lebt mit seinen Eltern und seinen drei Geschwistern in Dhaka, Bangladesh, im Stadtteil Hazaribagh. Der Bezirk wurde im Jahr 2013 von der amerikanischen NGO Blacksmith Institute als fünftbelastetster Standort der Welt eingestuft, da dort 90 Prozent der Ledergerbereien des ganzen Landes angesiedelt sind. Jeden Tag werden tausende Liter Chemikalien, welche zur Behandlung von Leder genutzt werden, in den Fluss Dhaka gekippt, der durch die Region fließt. Ridoy arbeitet seit zwei Jahren in der Lederfabrik. Die Arbeit ist mühselig und die Umgebung ist extrem verschmutzt. Damit gefährdet er seine Gesundheit. Er geht nicht zur Schule, hat weder Zeit noch Geld für die Ausbildung. Tagtäglich wäscht er mit Chemikalien behandelte Tierhäute, welche weltweit exportiert werden. Daraus werden dann Kleider, Taschen, Fußbälle oder Schuhe hergestellt. Er selbst wird so etwas nie besitzen. 1)2)

In Hazaribagh sind rund 270 Gerbereien ansässig. Umweltaktivisten ist der Standort seit Jahren ein Dorn im Auge. 2017 sollten die Gerbereien auf Aufforderung des Obersten Gerichtshofs von Bangladesch geschlossen werden. Somit wurden zwar einige der Fabriken 25 Kilometer nach Norden verlagert, die schrecklichen ökologischen und sozialen Bedingungen sind jedoch weiterhin vorhanden. Die Menschen dort leben zwischen der verschmutzten Luft der Gerbereien und der verrußten Luft der Ziegeleien. Zusätzlich kommt der Geruch von Tierkadavern und dem vermüllten Fluss hinzu. Die Lebenserwartung der Bewohner liegt bei knapp 50 Jahren. Sie leiden unter Krebs, Hautkrankheiten, Atemwegsproblemen und Durchfallerkrankungen, da sie in der Arbeit mit giftigen Chemikalien in Berührung kommen und ständig der verschmutzten Luft, dem dreckigen Wasser und dem verseuchten Boden ausgesetzt sind. 2)3) Weltweit werden etwa 90 Prozent der Tierhäute mit giftigen Chemikalien wie Chrom konserviert. Dies schadet nicht nur den Arbeitern, die ohne Schutzkleidung direkt damit in Berührung kommen. Wenn die Produkte fertig bei uns in Deutschland ankommen, sind sie laut Verbrauchermagazinen wie Stiftung Warentest oder Öko-Test oft immer noch mit dem giftigen Chrom belastet. 4)

Vor neun Jahren gingen Bilder um die Welt, in denen die eingestürzte Textilfabrik Rana Plaza nahe Dhaka für Furore sorgte. Konsumenten wurden sich der schlechten Arbeitsbedingungen bewusst und die Regierung musste daraufhin die Sicherheitsstandards erhöhen. Die Lieferketten für Leder blieben von dieser Neuerung aber weitestgehend unberührt. Unternehmen zeigen sich wenig daran interessiert, Kinderarbeit zu verhindern. Produktionsstätten sind immer mehr an Standorten aufzufinden, wo Wohnen für die Arbeiter unerschwinglich ist. Deshalb müssen sie oft schon um fünf Uhr früh aufstehen, um den Bus zur Fabrik zu nehmen. Manchmal kommen sie erst um 12 Ihr nachts wieder zurück. Dabei reichen Zwölfstundentage oft nicht, um den Lebensunterhalt zu finanzieren. 5)

Ein weiteres Problem ist die fehlende Festanstellung und die fehlenden Arbeitsverträge. Vielen Arbeitern wird nur nach Bedarf Arbeit gegeben. Hinzu kommt dass es oft keine Sozial- oder Krankenversicherungen gibt. Falls es zur Krankheit kommt und man deshalb nicht zu Arbeit erscheinen kann, verdient man kein Geld. Da die Hauptproduzenten den unter Vertrag stehenden kleineren Produzenten jeden Monat andere Preise pro Stück zahlen, hängt der Profit der Hersteller jeden Monat davon ab, wie schnell gearbeitet wird. Somit werden die Arbeiter von ihren Vorgesetzten oft gedrängt, immer noch schneller zu arbeiten. 6)

Ridoy trifft eines Tages einen Vertreter der humanitären Vereinigung Sohay. Ihm wird angeboten, pro Tag eine Stunde an einem Workshop teilzunehmen, um Buchstaben und Zahlen zu erlernen. Durch das Schreiben und Mathematik beginnt er, sich seine Zukunft auszumalen. In dieser sieht er sich nicht als Arbeiter in einer Gerberei, sondern als Polizist, der für Recht und Ordnung sorgt. 2)

  1. Das Erste: Ridoy – Kinderarbeit für Fußballschuhe; 17.05.2021
  2. Education21: Ridoy – Kinderarbeit für Fußballschuhe; 05.08.2020
  3. Suedwind.at: Beschäftigungs- und Arbeitsbedingungen in der Lederindustrie von Bangladesch; Juni 2022
  4. Presseportal: Leiden für Leder: Kinderarbeit, Tierleid und hochgiftige Produktionsprozesse – PETA und Dokumentarfilmer Manfred Karremann zeigen Realität globaler Lederwirtschaft; 08.10.2013
  5. Der Standard: Leder und Leid: Schmutzige Geschäfte hinter billigen Schuhen; 24.06.2022
  6. Südwind: Valuable as Leather?; 27.10.2021

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