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ILO verkündet das Ende systematischer Kinderarbeit in Usbekistan

Baumwollfeld in UsbekistanEin Baumwollfeld in der Nähe der usbekischen Hauptstadt Taschkent |  Bild: Baumwollgetreide in Taskent, Uzbekistan © (c) Enrico01 [Royalty Free]  - dreamstime.comBaumwollfeld in Usbekistan

Ein Baumwollfeld in der Nähe der usbekischen Hauptstadt Taschkent | Bild: Baumwollgetreide in Taskent, Uzbekistan © (c) Enrico01 [Royalty Free] - dreamstime.com

Die Modebranche ist für den Konsumenten der wohlhabenden Industrienationen ein nur mühevoll zu navigierendes System, insbesondere wenn einem der Sinn nach kinderarbeitsfreier Bekleidung steht. Aber gerade die schiere Masse an Herstellern, die angesichts des gewandelten Nachhaltigkeits- und Fairnessbewusstseins in weiten Teilen der Kundschaft immer nachdrücklicher mit transparenten und anständigen Lieferketten werben, gestalten es als schwieriges Unterfangen den Überblick zu wahren. Denn obwohl mittlerweile ein großer Teil der Textilunternehmen regelmäßige Kontrollen in ihren Produktionsstätten durch interne wie externe Instanzen (beispielsweise Fair Wear Foundation oder die Fair Labor Association) durchführen lassen, um Kinderarbeit effektiv einzudämmen, sind diese suggerierten Fortschritte trügerischer Natur. Vielmehr existieren weiterhin enorme Probleme hinsichtlich der Gewinnung von Baumwolle – dem essenziellsten Rohmaterial der Textilindustrie. Die Auswertung der stichprobenartigen Untersuchung des amerikanischen „department of labor“ konnte alleine im Jahr 2020 in 15 verschiedenen Herkunftsländern des begehrten Rohstoffes den Einsatz minderjähriger Arbeitskräfte nachweisen. Bleibt einem also nichts anderes übrig, als grundsätzlich davon auszugehen, dass in praktisch allen Baumwollprodukten Kinderarbeit steckt? 1)

Fakt ist, dass die Textilbranche noch einen weiten Weg vor sich hat, um wirklich vollends faire und nachhaltige Produkte in ihren Filialen präsentieren zu können. Trotz  dieser düsteren Erkenntnis gibt es allerdings berechtigte Hoffnung auf Verbesserung. Ein besonderer Grund für Zuversicht etwa lässt sich ganz aktuell beobachten: Die erfolgreiche Eindämmung der systematischen Ausbeutung von Kindern und Jugendlichen in Usbekistan, welche die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) vor einigen Wochen offiziell verkündete. Die zentralasiatische Republik mit ihren rund 35 Millionen Einwohnern galt lange Zeit als besonders rücksichtlos in Bezug auf Zwangs- und Kinderarbeit bei der Ernte von Baumwolle. Bis 2013 waren auch Kinder Teil der landesweiten Mobilisierung für die Ernte des für die nationale Wirtschaft essenziellen Exportmaterials – ein Relikt aus der Zeit als sowjetische Teilrepublik. Aber auch viele erwachsene Arbeitskräfte waren dem staatlich gelenkten Wirtschaftssystem über viele Jahre hinweg schutzlos ausgeliefert. Seitdem hat das Land unter neuer politischer Führung weitreichende Anstrengungen unternommen und diverse landwirtschaftliche Reformen implementiert und mit tatkräftiger Unterstützung der ILO versucht, sowohl legislativ als auch zivilgesellschaftlich grundlegende Veränderungen zu erwirken. Im Zuge der Kriminalisierung und sorgfältiger Kontrollen ist dabei sowohl Kinderarbeit als auch auf sonstige Weise erzwungene Arbeit nachweislich zurückgegangen, während die Löhne für Baumwollarbeiter insgesamt signifikant angestiegen sind. Besonders für die vulnerabelsten und abhängigsten Gruppen dieser Wertschöpfungskette ist das Engagement der neuen politischen Führung deutlich spürbar. Rund zwei Millionen Kinder seien laut der ILO seit Beginn der Maßnahmen vor rund 10 Jahren aus den ausbeuterischen und moralisch höchst fragwürdigen Strukturen der lokalen Industrie befreit worden – ein Resultat der transparenten Zusammenarbeit verschiedenster lokaler Interessensgruppen und unter Mithilfe der ILO. 2)3)4)

Diese umfangreiche Kooperation ist dabei letztlich hauptverantwortlich für die optimistische Einschätzung der ILO, welche dem Land Anfang März 2022 die Beseitigung von systematischer Kinder- und Zwangsarbeit im Baumwollsektor attestierte. Im Zuge dessen verkündete auch die „Cotton Campaign“, eine Koalition zahlreicher internationaler Akteure und Unternehmen, basierend auf den Überprüfungen des „Uzbek Forum for Human Rights“ die Beendigung des seit 2011 andauernden Boykotts gegen usbekische Baumwolle. Die Entscheidungen zur Aufhebung der geltenden Beschränkungen sind von enormer Bedeutung für den Binnenstaat, denn die langfristige Stabilität des politischen Systems in Taschkent – und damit auch die der von ihm verabschiedeten Maßnahmen – wird vermutlich in weiten Teilen von der wirtschaftlichen Entwicklung der kommenden Jahre abhängen. Besonders das Ende der erzwungenen Isolation der usbekischen Baumwollindustrie auf dem Weltmarkt eröffnet zahlreichen Unternehmen die Möglichkeit für umfangreiche Investitionen und könnte dazu beitragen, den Wohlstand der einheimischen Bevölkerung dauerhaft zu verbessern. Gerade die Notwendigkeit für viele Familien ihre Kinder zum Arbeiten zu veranlassen, könnte durch geschicktes und entschlossenes Handeln der politischen Entscheidungsträger in den kommenden Jahren verhindert werden. Denn auch wenn Kinderarbeit auf Usbekistans Baumwollplantagen vielleicht nicht mehr unmittelbar sichtbar ist, so existiert sich doch weiterhin in vielen Regionen des Landes. Einige Kontrolleure dokumentierten unabhängig voneinander diverse Einzelfälle, in denen Kinder auf den Feldern anzutreffen waren, um alleine oder gemeinsam mit ihren Eltern dringend benötigtes Geld zu verdienen. Kinderarbeit ist also vielmehr eingedämmt als tatsächlich „besiegt“. 4)5)6)7)

Wie ist die Situation nun also einzuschätzen? Die kommenden Monate werden enorm aufschlussreich darüber sein, wie positiv die aktuellen Ereignisse zu bewerten sind. Eine entscheidende Rolle dabei wird neben der usbekischen Regierung vor allem die Herangehensweise der ausländischen Unternehmen spielen. Werden die Verantwortlichen innerhalb der politischen Führung weiterhin gewissenhaft in Richtung einer liberalen Wirtschaftspolitik steuern, die ihre Bevölkerung durch ein ausgeklügeltes Regel- und Kontrollsystem vor der Ausbeutung als billige Arbeitskräfte für die westlichen Unternehmen schützt? Oder bedeutet das Erreichen dieses über lange Jahre angestrebten Ziels, dass das Engagement und damit einhergehend auch die bisherigen Standards wieder fallen werden? Alles in allem kann momentan höchstens spekuliert werden, daher gilt es vorerst abzuwarten anstatt übereilig zu urteilen – sowohl positiv als auch negativ. In der Zwischenzeit kann man sich aber durchaus schon einmal darauf einstellen, dass das nächste T-Shirt vielleicht aus usbekischer Baumwolle besteht.

  1. dol.gov: 2020 list of goods produced by child labor or forced labor; September 2020
  2. ilo.org: Uzbek cotton is free from systemic child labour and forced labour; Artikel vom 01.03.2022
  3. emerging-europe.com: How Uzbekistan´s cotton industry cleaned up its act; Artikel vom 05.02.2021
  4. uzbekforum.org: A turning point in Uzbekistan´s cotton harvest; zuletzt aufgerufen am 07.04.2022
  5. ilo.org: ILO welcomes lifting of Cotton Campaign boycott of Uzbekistan; Artikel vom 14.03.2022
  6. ilo.org: 2020 third-party monitoring of child labour and forced labour during the cotton harvest in Uzbekistan; zuletzt aufgerufen am 07.04.2022
  7. thediplomat.com: The Boycott of Uzbek Cotton Is Over; Artikel vom 10.03.2022

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