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Sackgasse statt Fortschritt: Die Textilindustrie begünstigt weiterhin Kinderarbeit

Jugendliche Arbeiterin mit NähmaschineViele junge Arbeitskräfte sind in den Produktionsstätten westlicher Mode-Unternehmen tätig |  Bild: Bangladesch, Stadt Tangail: Jugendliche im traditionellen bunten Kostüm mit Kopfschmuck, soll mit einer Nähmaschine des alten Sängers arbeiten Viele bangladeschischen Frauen sind Näherin und können billige Kleidung für Westbekleidungsindustrie produzieren © Sjors737 [Royalty Free]  - dreamstime.comJugendliche Arbeiterin mit Nähmaschine

Viele junge Arbeitskräfte sind in den Produktionsstätten westlicher Mode-Unternehmen tätig | Bild: Bangladesch, Stadt Tangail: Jugendliche im traditionellen bunten Kostüm mit Kopfschmuck, soll mit einer Nähmaschine des alten Sängers arbeiten Viele bangladeschischen Frauen sind Näherin und können billige Kleidung für Westbekleidungsindustrie produzieren © Sjors737 [Royalty Free] - dreamstime.com

Egal ob regionales Klamotten-Start-Up oder globaler Modegigant, beinahe jedes Unternehmen aus der Textil- und Bekleidungsindustrie, das sich den Trends des digitalen Zeitalters angenommen hat, konstruiert auf seinen Internetseiten – neben den aufdringlichen Hinweisen zu unschlagbaren Sonderangeboten – stets ein makelloses Image von Nachhaltigkeit und Fairness. Betont werden neben ambitionierten Zielen vor allem die eigenen Errungenschaften in Bezug auf ökologische und soziale Veränderungen zugunsten der Bevölkerung in den Produktionsländern. Ein Großteil der Unternehmen lässt sich diese Bemühungen dabei öffentlichkeitswirksam durch verschiedene Siegel und Auszeichnungen von Institutionen wie etwa „Fairtrade“ oder der WFTO (World Fair Trade Organisation) bezeugen. Speziell in der Textilbranche suggeriert die Kooperation eines Unternehmens mit Initiativen wie der „Fair Wear Foundation“ oder der „Sustainable Apparel Coalition“ ein ausgewogenes Verhältnis zwischen kommerziellen Interessen und moralischen Standpunkten. Oft werden diese Bekenntnisse dabei auch sehr ausführlich im Verhaltenskodex der Firmen präsentiert, worin vor allem die unternehmerische Verantwortung hinsichtlich ethischer Praktiken in Bezug auf ausbeuterischer Arbeitsverhältnisse und Kinderarbeit betont wird. Aber wie glaubwürdig sind solche Imagekampagnen?

Ein Blick in die Realität lässt vermuten, dass es mit der delikaten Balance zwischen wirtschaftlichen Interessen und philanthropischen Bestimmungen nicht besonders rosig aussieht. Aktuellster Indikator dafür ist der jüngst vollzogene Austritt der „Kampagne für Saubere Kleidung“ aus dem vielschichtigen „Bündnis für nachhaltige Textilien“. Diese Entscheidung begründete die Organisation damit, dass man keine nennenswerten Fortschritte hinsichtlich der ausgerufenen Ziele bei den meisten der 70 Mitgliedsunternehmen identifizieren haben könne. Vielmehr habe die anhaltende Zahnlosigkeit der Institution die Unternehmen darin bekräftigt, die ohnehin wenig verbindlichen Anforderungen weiter aufzuweichen. Dadurch sei der ursprüngliche Zweck – die nachhaltige Verbesserung der Arbeitsstandards vor Ort – weder ein realistisches noch glaubwürdiges Resultat in naher Zukunft. 1)

Gerade solche Ereignisse verdeutlichen eine tiefgreifende Problematik innerhalb des Textil- und Bekleidungssektors, über den auch zahlreiche Zertifikate und aufwendig gestaltete Websites mit ansprechenden Grafiken und Bildern nicht hinwegtäuschen können. Hinter der verantwortungsbewussten Fassade lauert auch heute noch eine unbezwingbare Profitgier, die gerade bei den Giganten der Branche besonders ausgeprägt hervortritt. Unternehmen wie beispielsweise H&M oder adidas, die im Rahmen der Stellungnahme der „Kampagne für saubere Kleidung bereits konkret kritisiert wurden, werden durch die Befunde jüngerer Untersuchungen hinsichtlich ihrer Geschäftspraktiken in der Zusammenarbeit mit Lieferanten umfassend belastet. Speziell die Nachforschungen der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) und der entsprechenden Arbeitsgruppe des Europäischen Parlaments offenbaren weitreichende Abhängigkeitsverhältnisse in den Lieferketten der Textilindustrie, die sich die westlichen Unternehmen zu Nutze machen. Die Befunde zeigen, dass die hohe Verfügbarkeit an billigen Arbeitskräften und Produktionsstätten ihnen enorme Flexibilität bei der Auswahl ihrer Lieferanten ermöglicht, während diese sich in Anbetracht der beträchtlichen Anzahl an Konkurrenten genötigt sehen, besonders kosteneffiziente Angebote zu präsentieren. Häufig sind diese gar so attraktiv für die Abnehmer gestaltet, dass die Produzenten vor Ort sogar Verlustgeschäfte machen, in der Hoffnung sich so künftige Aufträge zu sichern und potenziell langfristigen Gewinn zu erzielen. Das Resultat des Ganzen ist dabei häufig ein sogenanntes „race to the bottom“, bei dem sich die Lieferanten immer drastischer gegenseitig unterbieten. Das geschieht dabei allerdings letztendlich auf Kosten der Arbeiter die das schwächste Glied in der Kette darstellen, da die Einsparungen zumeist im Bereich der Löhne oder Arbeitsstandards stattfinden. Besonders in Myanmar, dem neuen Niedriglohnparadies für die Modeindustrie, erhielten die Textilarbeitskräfte keine existenzsichernden Löhne. Befragte berichteten zudem, dass diesbezügliche Forderungen häufig in Kündigungen resultieren würden – eine lupenreine systematische Ausbeutung also. Nicht viel besser geht es den Arbeitern in Indien und Bangladesch. Hier halten sich die Arbeitgeber zwar häufig an den gesetzlich vorgeschriebenen Mindestlohn, dieser ist aber so niedrig, dass er nicht einmal annähernd die durchschnittlichen Lebenserhaltungskosten deckt. Ein Umstand, der besonders für Familien fatal ist. Denn wer sich selbst schon kaum mit dem mageren Entgelt, das in der Textilindustrie gang und gäbe ist, versorgen kann, sieht sich meist früher oder später genötigt, auch seine Kinder zum Arbeiten zu schicken. Da diese in der Folge allerdings nicht zwingend im selben Betrieb wie die Eltern oder gar in derselben Branche aktiv sind, fällt es den Unternehmen generell leicht, sich geschickt aus der Affäre zu ziehen. Mitverantwortlich für Kinderarbeit sind sie angesichts der Aufrechterhaltung dieser systematischen Ausbeutungsstrategie allerdings zweifellos – auch wenn die Fälle von gesetzeswidriger Kinderarbeit nicht unbedingt in ihrem Betrieb auftauchen. 1)2)3)4)5)6)

Dennoch bleibt es unwahrscheinlich, dass die Unternehmen diese Problematik adäquat adressieren oder ihre Geschäftspraktiken nachhaltig transformieren, denn ein genauer Blick auf die angeblich „sauberen Lieferketten“ offenbart wie schlichtweg heuchlerisch die meisten von ihnen agieren. So fanden die Nachforschungen unter anderem heraus, dass speziell die besonders großen und einflussreichen Akteure der Branche zwar einen Anstieg des Mindestlohnes in Staaten wie Bangladesch oder Kambodscha erwirkten, aber im Gegenzug häufig nicht (oder nur verzögert) bereit waren die ausgleichenden Preiserhöhungen der Lieferanten zu akzeptieren. Außerdem forderten die Abnehmer zwar konstant die Einhaltung des von ihnen diktierten Verhaltenskodex von ihren Lieferanten, häufig allerdings ohne die Bereitschaft die Fabrikbetreiber im angemessenen Maße zu unterstützen oder mindestens finanziell zu kompensieren. Vielmehr sind letztere eher auf sich selbst gestellt, die vorgegebenen Standards auf eigene Kosten zu implementieren. In den meisten Fällen scheint der Preis also doch eine übergeordnete Rolle im Vergleich zu Arbeitsbedingungen und Sicherheitsstandards zu spielen. 2)3)

Dieses zögerliche Engagement zeugt nicht gerade von dem nach außen kommunizierten Willen, tatsächlich etwas zu Gunsten der ansässigen Arbeitskräfte verändern zu wollen. Vielmehr setzen die Unternehmen offensichtlich auf kurzlebige Partnerschaften, die von der Ausbeutung der lokalen Arbeitskraft profitieren und beendet werden, sobald sich rentablere Optionen vonseiten der Konkurrenz anbieten. Die geringe Wertschätzung vieler westlicher Firmen für ihre Produzenten wurde dabei besonders während der COVID-19-Pandemie deutlich. Aufgrund der gesunkenen Nachfrage angesichts der herrschenden Einschränkungen spielten viele von ihnen ihre vorteilhafte Verhandlungsposition aus und terminierten kurzerhand ihre laufenden Verträge. Kompensiert wurden die Lieferanten in den seltensten Fällen. Die Konsequenzen dafür trugen – wie so oft – die Arbeitskräfte, denen vielerorts nur mit enormer zeitlicher Verzögerung ihre Löhne ausgezahlt wurden – wenn überhaupt. Auch ansonsten sind Kontrollen in den Produktionseinrichtungen häufig lasch und schlampig, sowohl die unternehmerischen Auditoren wie auch die staatlichen Kontrolleure haben häufig kein Interesse daran, die immer wieder auftretende Kinderarbeit tatsächlich aufzudecken oder wirksame Konsequenzen zu ziehen. Insgesamt scheint es also, als seien Geschäftspartner austauschbar, Arbeitskräfte verschleißbar und Kinderarbeit ein unglückerweise auftretendes aber zu tolerierendes Phänomen. 2)7)

Bei näherer Betrachtung ist der Austritt der „Kampagne für Saubere Kleidung“ also keineswegs überraschend. Im Gegenteil, vielmehr verwundert die kontinuierliche Tatenlosigkeit anderer Organisationen mit derselben Mission angesichts dieser fragwürdigen Praktiken. Denn aktuell sonnen sich die wohlhabenden Mode-Unternehmen der westlichen Welt im Lichte derer universal bekannten Siegel und Zertifikate, die sie deutlich sichtbar auf ihren Produkten platzieren. Einerseits lässt sich zwar argumentieren, dass somit immerhin die Einhaltung von Mindeststandards gesichert werden kann, andererseits sollten sie ihre Ziele und Forderungen vermutlich mit mehr Nachdruck verfolgen. Denn unter den Konsumenten in den USA und der EU besteht nachweislich die Bereitschaft mehr für das Endprodukt zu bezahlen, wenn damit faire Löhne und ein sicheres Arbeitsumfeld garantiert werden können. Als Verbraucher ist es daher ratsam, beim Kauf von Kleidungsstücken auf Firmen zu setzen, welche ihre Lieferkette vollständig und transparent dokumentieren. Dafür bieten sich besonders kleinere Unternehmen an, die aufgrund ihrer geringen Abnahmemengen besser kontrollieren können, wie und wo ihre Produkte entstehen. Nur so lässt sich ein nachhaltiger Wandel bewerkstelligen, der auch die Giganten der Branche früher oder später dazu zwingt, ihre ausbeuterischen Strukturen genauer unter die Lupe zu nehmen. 2)

  1. epo.de: Mangels Erfolgen: Kampagne für Saubere Kleidung verlässt Textilbündnis; Artikel vom 16.03.2022
  2. europarl.europa.eu: Textile workers in developing countries and the European fashion industry. Towards sustainability?; Artikel von Juli 2020
  3. ilo.org: Purchasing practices and working conditions in global supply chains: Global survey results; Artikel von Juni 2017
  4. cleanclothes.org: Breakdown of costs of a t-shirt; zuletzt aufgerufen am 28.03.2022
  5. lowestwagechallenge.com: State of The Industry: Lowest Wages to Living Wages; zuletzt aufgerufen am 28.03.2022
  6. institut-fuer-menschenrechte.de: Bringing Human Rights into Fashion; Artikel von Dezember 2018
  7. somo.nl: Fact Sheet Child labour in the textile & garment industry; zuletzt aufgerufen am 28.03.2022

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