Corona-Pandemie: Schokoladenkonsum steigt weiter an

KakaobohnenKakaobohnen |  Bild: Schokoladenbohnen © Sean Soh [Royalty Free]  - DreamstimeKakaobohnen

Kakaobohnen | Bild: Schokoladenbohnen © Sean Soh [Royalty Free] - Dreamstime

Ob an Weihnachten, Ostern oder am Valentinstag: Schokolade ist fester Bestandteil unserer Konsumkultur geworden. Besonders im deutschsprachigen Raum genießen die auf Kakaobohnen basierenden Erzeugnisse enorme Beliebtheit.

Neue Beobachtungen offenbaren zusätzlich eine steigende Tendenz. Über die vergangenen Jahre bis in die Gegenwart hinein ist der Schokoladenkonsum nachweislich – vermutlich durch die Corona-Pandemie – zusätzlich angestiegen, wie unter anderem die steigenden Umsatzzahlen marktführender Unternehmen sowie die kürzlich veröffentlichten Daten des Bundesverbands der Deutschen Süßwarenindustrie erkennbar machen. 1)2)

Aktuellen Erhebungen zufolge konsumiert der deutsche Verbraucher gegenwärtig rund neun Kilogramm der Süßware pro Jahr – gemeinsamer Spitzenwert mit Staaten wie der Schweiz und Österreich. Im Vergleich: Vor knapp 50 Jahren beliefen sich die Zahlen gerade einmal auf knapp fünf Kilogramm pro Kopf. 3)

Doch obwohl gerade in den vergangenen Jahren ein ausgeprägteres Bewusstsein für fair gehandelte Produkte entstanden ist – ein Viertel der Befragten gab vergangenes Jahr an, regelmäßig fair gehandelte Produkte zu erwerben, wobei der Verzicht auf Kinderarbeit überwiegend als entscheidender Grund für den Erwerb des betreffenden Produkts angegeben wurde – bleibt die Nutzung minderjähriger Arbeitskräfte gängige Praxis in diesem Sektor. 4)

Die ILO ging 2016 von geschätzten 72 Millionen Kinderarbeitern in Afrika aus. Rund zwei Millionen von ihnen sollen zufolge neuerer Studien alleine auf den Kakaoplantagen in Ghana und der Elfenbeinküste beschäftigt sein. 5)6)

Um diesen problematischen Praktiken gezielt entgegenzuwirken, existieren zum einen eine Reihe ausgearbeiteter Richtlinien für Firmen und Unternehmen, wie etwa von der WBCSD (Weltwirtschaftsrat für nachhaltige Entwicklung) und UNICEF sowie diverse Fairtrade-Gütesiegel. Zum anderen setzen einzelne Unternehmen zusätzlich auf eigene Initiativen, um sich von der Konkurrenz abzusetzen und diese unter Druck zu setzen. 7)

Vor allem letztere sind allerdings mit Vorsicht zu genießen. Oftmals gestaltet es sich als durchaus schwierig festzustellen, ob die von den Unternehmen selbst auferlegten Philosophien authentisch sind, oder ausschließlich aus strategischer Abwägung kommuniziert sind, um vom präsenten Zeitgeist zu profitieren. Genauere Untersuchungen der Liefer- und Produktionsketten offenbaren letztendlich nämlich häufig, dass ebenjene Unternehmen im selben Maße auf Kinderarbeit zurückgreifen und von ihr profitieren.

Als wohl prägnantestes Beispiel in der jüngeren Vergangenheit dafür kann das niederländische Unternehmen “Tony´s Chocolonely” genannt werden. Der Anspruch des 2005 gegründeten Unternehmens umfasst dabei die mittelfristige Transformation der Schokoladenbranche zugunsten der Kakaofarmerinnen und –farmer. Fundamentaler Bestandteil dessen soll unter anderem die Tilgung von Kinderarbeit sein, indem die strukturelle Armut, bedingt durch die Abhängigkeit vom Exportpreis auf dem Weltmarkt, kontinuierlich vermindert wird. Dies soll unter anderem durch gesteigerte Transparenz, höhere Löhne sowie die Unterstützung bei der Optimierung der Plantagenwirtschaft und die Schaffung von Partizipationsmöglichkeiten für die ansässigen Bäuerinnen und Bauern geschehen. 8)

Trotz dieser im Kern lobenswerten Ansätze sieht die Realität anders aus. In der Produktionskette des Unternehmens wurden im vergangenen Jahr laut eigenen Angaben über 1700 Fälle von Kinderarbeit identifiziert, eine fragwürdige Entwicklung hinsichtlich der definierten Ansprüche. Während das Unternehmen seine Kooperation mit neuen Partnern im Zuge der Ausweitung der Kapazitäten für den raketenhaften Anstieg der Zahlen verantwortlich macht – im Jahr 2020 waren gemäß den Angaben von Tony´s Chocolonely rund 400 Kinderarbeiter an der Kreation seiner Schokolade beteiligt – verlor es dennoch seinen angestammten Platz auf der “Slave Free Chocolate” Liste. 9)10)

Das betroffene Unternehmen rechtfertigt, dass es sich dabei um ebenso notwendige wie bedauernswerte Rahmenbedingungen der eingeschlagenen Entwicklungsstrategie handle, welche letztendlich einen tiefgreifenden Wandel der Geschäftspraktiken in der Industrie herbeiführen werde. Angesichts dieser zweifelhaften Strategie bleibt Skepsis weiterhin angebracht. So lässt sich keineswegs glaubwürdig argumentieren, dass die Ausbeutung von Kindern ein Mittel zum Zweck darstellt, um das grundlegende Problem effektiv zu bekämpfen.

Auf die Firmen selbst sollte man sich daher beim Kauf von Schokolade nicht verlassen, vielmehr verdeutlichen Fälle wie Tony´s Chocolonely, dass der Zertifizierung als “faire” Produkte durch die entsprechenden Institutionen – ob doch auch diese von Problemen geplagt sind – weiterhin übergeordnete Bedeutung gegenüber den Kampagnen aus der Wirtschaft beizumessen ist. Denn obwohl die Beteiligung von Kinderarbeit dadurch nicht vollkommen ausgeschlossen ist – in vielen Branchen wie der Kakaoproduktion ist das beinahe unmöglich feststellbar – so garantieren Fairtrade-Siegel jedoch mindestens einen zwanzig prozentigen Anteil an fair gehandelten Zutaten im Endprodukt, welches man käuflich erwerben kann. Das ermöglicht tatsächlich, langfristige Veränderungen in den lokalen Strukturen zu erwirken, ohne dass vorrangig ausländische Unternehmen als Nutznießer hervortreten.

  1. tagesschau.de: “Nervennahrung” gegen das Virus; Artikel vom 18.01.2022
  2. Bundesverband der deutschen Süßwarenindustrie: Einfuhr von Süßwaren gesamt 2021; Artikel vom Januar 2022
  3. faz.net: Deutschland hat in der Pandemie noch mehr Lust auf Schokolade; Artikel vom 17.12.2021
  4. forum-fairer-handel.de: Verbraucher*innenbefragung zum fairen Handel; Artikel vom 29.09.2021
  5. ilo.org: Child Labour in Africa; Stand: 07.03.2022
  6. swrfernsehen.de: Bitter statt süß: Wie viel Kinderarbeit steckt in Schokolade?; Artikel vom 18.11.2020
  7. wbcsd.org: UNICEF and WBCSD launch guidance for business leaders on how to step up efforts to eliminate child labor; Stand: 07.03.2022
  8. tonyschocolonely.com: Unsere Mission; Stand: 07.03.2022
  9. logisticsmanager.com: More than 1,700 child workers involved in production of ‘slave-free’ Tony’s Chocolonely; Artikel vom 07.02.2022
  10. foodnavigator.com: Tony´s Chocolonely axed from Slave Free Chocolate list, defends ties with Barry Callebaut; Artikel vom 16.02.2021

Leave a Reply

Your email address will not be published.