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Zinn – ein oft vergessenes Konfliktmaterial aus Kinderarbeit

Lanschaftsverwüstung durch ZinnminenAuch legale Zinnminen verwüsten die Umwelt |  Bild: Tin mine © The EITI [CC BY-SA 2.0]  - flickrLanschaftsverwüstung durch Zinnminen

Auch legale Zinnminen verwüsten die Umwelt | Bild: Tin mine © The EITI [CC BY-SA 2.0] - flickr

Zinn ist eines der am längsten vom Menschen benutzten Metalle. Schon vor 6500 Jahren verarbeiteten Menschen Kupfer und Zinn zu Bronze,  zuerst nur für Schmuck, später aber auch für Gefäße, Waffen und Werkzeuge. Die Verwendung von Zinn erlahmte nie vollständig, auch heute ist es noch ein wichtiger Rohstoff. Während Bronze nur noch spezielle Anwendungen hat, wird Zinn vor allem beim Löten verwendet und ist somit in jedem elektronischem Gerät enthalten. Ebenfalls viel Zinn wird in Konservendosen verarbeitet oder landet über die chemische Industrie in zahlreichen weiteren Anwendungen. Zinn ist also ein Alltagsprodukt, ohne das unsere Welt so nicht funktionieren würde. Trotzdem sind wir extrem abhängig von Importen. Abgebaut wird Zinn nämlich nur zu geringen Teilen in Europa, sondern hauptsächlich in Fernasien und Südamerika. China ist mit rund 40 Prozent der weltweiten Förderung klarer Spitzenreiter. Darauf folgen Indonesien, Myanmar und Brasilien, aber auch in der D.R. Kongo wird Zinn gefördert.1)

Zinn wird dabei hauptsächlich aus dem Zinnerz Kassiterit gewonnen, welches bergmännisch abgebaut wird. Gerade in den ärmsten der vorhin genannten Staaten müssen dabei häufig auch Kinder schuften. Allerdings gibt es speziell zu Zinn relativ wenige Untersuchungen. Meist wird er mit anderen Rohstoffen zusammen aufgeführt, die in einer ähnlichen Region produziert werden. In der sehr rohstoffreichen Demokratischen Republik Kongo beispielsweise, wo alle möglichen Ressourcen unter horrenden Bedingungen abgebaut werden, liegt das Augenmerk meist weniger auf Zinn als auf Gold oder Kobalt. Allerdings kann davon ausgegangen werden, dass in den Zinnminen ähnliche Verhältnisse herrschen wie bei der Suche nach anderen Metallen. Das heißt, dass Kinderarbeit hauptsächlich in meist inoffiziellen Kleinminen stattfindet. In der Regel sind die Kinder dort nicht angestellt, sondern graben auf eigenes Risiko und verdienen somit nur bei erfolgreicher Suche. Viele Kinder, gerade die ganz kleinen, arbeiten auch als Träger oder reinigen das geförderte Erz soweit, dass es an Zwischenhändler weiterverkauft werden kann. Diese diktieren die Preise und stecken mit Beamten, Milizen und den großen Firmen unter einer Decke, um die Herkunft des Metalls zu verschleiern. Oft beschlagnahmen die korrupten Beamten auch Teile der Ausbeute für die eigene Tasche. Vom Kongo aus wird das Erz (meist auch über möglichst undurchsichtige Pfade) exportiert, häufig nach Fernasien, um dort zu verwertbarem Zinn weitererarbeitet zu werden.
Für viele Menschen ist die Arbeit in den Minen die einzige Möglichkeit ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Zudem werden viele von der Hoffnung auf den großen Fund getrieben, der ihnen aus der Armut helfen könnte. Da sich mit der Kontrolle der Minen durchaus Geld verdienen lässt, versuchen häufig auch Milizen diese zu erlangen, um daraus weitere Waffen zu finanzieren. Deswegen gilt Zinn auch als Konfliktrohstoff. In diesen Konflikten werden Kinder häufig auch als Soldaten eingesetzt.
Da in den Minen hautsächlich Männer arbeiten, sind die Regionen meist sehr männerdominiert. Als Folge daraus floriert die Prostitution. Oft arbeiten in den Bordellen auch minderjährige Mädchen, teilweise gewaltsam dazu gezwungen. Durch die Prostitution, die vielen Unglücke, in denen auch Väter sterben, und da viele der Arbeiter ihre Ehefrauen in der Heimat verlassen, wachsen viele Kinder ohne den Vater als Hauptverdiener auf. Sie leben meist in noch schlechteren Verhältnissen als der Rest und  liefern somit immer neue billige Arbeitskraft für die Minen.2)3)4)5)6)7)

Die Arbeitsbedingungen in Indonesien sind ähnlich schlecht wie im Kongo. Auch hier fehlen Sicherheitsvorkehrungen teilweise oder vollständig. Allerdings ist die politische Lage etwas stabiler und es herrscht kein Krieg um die Rohstoffe. Trotzdem grassiert die Kinderarbeit, vor allem im inoffiziellen Zinnabbau. 2014 wurde in diesem Sektor in der Provinz Kepulauan Bangka Belitung eine Studie durchgeführt, nach der 5Prozent der 5-17 Jährigen Kinder arbeiten, davon fast die Hälfte in informellen Zinnminen. Während das Durchschnittskind mit einer Wahrscheinlichkeit von 75 Prozent in die Schule geht, ist das bei den Kinderarbeitern in Zinnminen nur bei ca. einem Viertel der Fall. Das liegt auch daran, dass die Mehrzahl der über 12-jährigen Kinderarbeiter über 40 Stunden in der Woche in den Minen arbeitet.

Allerdings sind der Kongo und Indonesien nicht die einzigen Länder, in denen Kinder für unsere Elektroprodukte und Konservendosen in den Minen nach Zinn graben müssen. Das US-Arbeitsministerium gibt zudem noch Bolivien für Kinderarbeit im Zinnabbau an. Auch in Myanmar, dem drittgrößten Zinnerz-Produzenten, müssen wohl Kinder in dieser Branche arbeiten. Dort herrschen zudem politische Zustände, die an den Kongo heranreichen, weshalb auch hier Teile des Zinns als Konfliktrohstoff gelten. Zudem gibt es Länder, in denen zwar nichts über Kinderarbeit im Zinnbergbau speziell berichtet wird, allerdings ansonsten in vielen Bereichen vorkommt, weswegen der Verdacht sehr naheliegt, dass auch in der Produktion von Zinn Kinder zum Einsatz kommen könnten. Beispiele hierfür wären Vietnam und Brasilien.1)8)9)10)11)12)

Bei der Arbeit in den Stollen und der Reinigung sind die Kinder verschiedenen gesundheitlichen Gefahren ausgesetzt. Zum einen besteht in den schlecht gesicherten und unprofessionell gegrabenen Minen akute Einsturz- und damit auch Verletzungs- oder Lebensgefahr. Auch die Arbeit mit unter Hochdruck stehendem Wasser ist riskant. Verletzungsgefahr besteht auch durch die Dunkelheit in den Engen und unübersichtlichen Minen. Für die meisten (Kinder-)Arbeiter treten die Folgen aber erst über die Zeit auf: Lungenkrankheiten durch die permanente Aussetzung gegenüber Staub. Die Arbeitstage sind lang. Die gleichförmige Arbeit nutzt ihre Körper schnell ab, vor allem die der Kinder. Diese leiden auch besonders unter der Schwere der Arbeit, z.B. können sie durch das Tragen zu schwerer Gewichte in ihrem Wachstum gestört werden. Dadurch dass die Kinder viel Zeit in den Minen verbringen, leidet bei den meisten Schul- und Sozialleben. Gerade die mangelnde Bildung kann ihnen in ihrem Weg sämtliche Perspektiven blockieren. Zur Wahrheit gehört in vielen dieser Regionen aber auch, dass man selbst mit Bildung nur schlechte Aussichten auf eine nennenswerte Verbesserung der Lebensumstände hat. Auch viele, die nicht schon als Kinder in den Minen gearbeitet haben, landen dort als Erwachsene. Dies bewahrt sie allerdings vor den schlimmsten gesundheitlichen Schäden, da ihre Körper der Belastung besser standhalten können. In Einzelfällen fördert die Kinderarbeit in den Minen sogar Bildung, da die Kinder aus den ärmsten Familien somit nach Schulende ihren Schulbesuch finanzieren, der im globalen Süden leider meist kostenpflichtig ist.13)12)6)14)5)

Doch diese vereinzelten Lichtblicke (die trotzdem immer noch ausbeuterische Kinderarbeit sind) helfen nicht gegen die Tatsache, dass die Zinnproduktion ein riesengroßes Problem mit Kinderarbeit hat. Hauptsächlich verursacht wird dieses einerseits durch die historisch ohnehin schon armen Gegenden, in denen Zinn abgebaut werden kann, andererseits durch die ausbeuterisch niedrigen Rohstoffpreise, die nur Konsumenten und den großen Firmen in großen Schwellen- und Industrieländern nutzen. Trotzdem ist Zinn ein unverzichtbares Metall, das in jedem unsere Elektrogeräte steckt, die unsere moderne Welt erst ermöglichen. Die wohl beste Lösung dieses Problems wären faire Verhältnisse im Zinnhandel. Diese jedoch sind enorm schwer zu erreichen, da die Lieferketten bewusst äußerst komplex und undurchsichtig sind, um involvierte Kinderarbeit und Konfliktunterstützung zu verschleiern. Während die verarbeitenden Schmelzhütten oft noch zu ermitteln sind, wird es darüber hinaus schwierig. Auch gibt es weltweit nur eine einzige Zinnmine, die von ICMM zertifiziert ist, einer Initiative, die sich für Nachhaltigkeit in der Metallbranche einsetzt. Die Firma Tamura Elsold bietet dieses unter der Marke FairSn an. Zudem gibt es die Initiative FairLötet, die zusammen mit der Firma Stannol einen möglichst fairen Lötdraht aus Recyclingzinn anbietet. Dieser wird auch in der Fairen Computermaus von Nager-IT verwendet. Trotzdem gibt es kein wirkliches Siegel für faires Zinn und die Initiativen in diese Richtung sind denkbar klein. Es könnte mehr recyceltes Material verwendet werden, das jedoch immer noch zu Unrecht einen schlechten Ruf hat. Blechdosen könnten zudem besser recycelt werden, gerade was das Zinn betrifft. Es besteht also noch sehr viel Handlungsbedarf, was die Konfliktfreiheit und die menschengerechten Arbeitsbedingungen in der Zinnbranche angeht. Als Verbraucher können Sie z.B. bei Blechdosen auf gute Mülltrennung achten. Ebenso hilft es, Elektrogeräte möglichst lang zu benutzen und danach fachgerecht zu entsorgen. Auch Initiativen wie Fairphone oder die faire Computermaus sind unterstützenswert, allerdings können nur die großen Firmen wirklich etwas verändern.1)6)15)16)17)18)19)

  1. Institut für seltene Erden und strategische Metalle: Zinn; Seite Stand 18.11.21 [] [] []
  2. Dyllan O’Driscoll (SIPRI): Overview of child labour in the artisanal and small-scale mining sector in Asia and Africa; Studie vom 4.10.17 []
  3. Cruxnow: Congo struggling in fight to keep children out of mining industry; Artikel vom 20.7.20 []
  4. Equal Times: As incremental efforts to end child labour by 2025 persist, Congo’s child miners – exhausted and exploited – ask the world to “pray for us”; Artikel vom 16.10.20 []
  5. National Geographic: Kongo – Ton, Steine, Sterben; Artikel vom Oktober 2013 [] []
  6. FinnWatch: Connecting components, dividing communities, Tin Production for Consumer Electronics in the DR Congo and Indonesia; Studie vom Dezember 2007 [] [] []
  7. U.S. Department of Labor: Child Labor and Forced Labor Reports, Congo, Democratic Republic of the (DRC); Bericht Stand 18.11.21 []
  8. Friedrich-Ebert-Stiftung: No time to play: child workers in the global economy; Studie Stand 18.11.21 []
  9. Verisk Maplecroft: Myanmar’s tainted tin is entering company supply chains; 10.10.17 []
  10. Child Labor Coalition: Nearly 1 million children work full time in Bolivia’s tin mines, in cemeteries, on buses, or in the markets; 10.11.10 []
  11. U.S. Department of Labor: List of Goods Produced by Child Labor or Forced Labor; Stand 18.11.21 []
  12. ILO: Sectoral survey of child labour in informal tin mining in Kepulauan Bangka Belitung Province, Indonesia 2014; Studie vom 9.12.15 [] []
  13. Verité: Countries Where Coltan, Tungsten, & Tin are Reportedly Produced with Forced Labor and/or Child Labor; Stand 18.11.21 []
  14. WELT: Sklaverei im Kongo – Arbeiten, wo der Teufel wohnt; 30.3.12 []
  15. Tamura Elsold: Nachhaltige Lotprodukte 2021; Stand 18.11.21 []
  16. fairlötet.de; verschiedene Seiten Stand 18.11.21 []
  17. Stannol: Fairtin; Stand 18.11.21 []
  18. nager-IT: Lieferkette; Stand 18.11.21 []
  19. fairphone: Fair Materials Sourcing Roadmap 2023; February 2021 []

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