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Kinderarbeit steigt erstmals seit zwei Jahrzehnten wieder an 

Die Corona-Pandemie zwang viele weitere Kinder zur ArbeitDie Corona-Pandemie zwang viele weitere Kinder zur Arbeit |  Bild: Nepalese girl works to support her family © ILO Asia-Pacific [CC BY-NC-ND 2.0]  - flickrDie Corona-Pandemie zwang viele weitere Kinder zur Arbeit

Die Corona-Pandemie zwang viele weitere Kinder zur Arbeit | Bild: Nepalese girl works to support her family © ILO Asia-Pacific [CC BY-NC-ND 2.0] - flickr

Pünktlich zum Welttag gegen Kinderarbeit am 12. Juni erscheint der gemeinsame Bericht „Kinderarbeit: Globale Schätzungen 2020, Trends und der Weg in die Zukunft” der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) und dem Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen UNICEF. Er zeigt: Die weltweite Zahl an Kinderarbeitern stieg nun auf mittlerweile 160 Millionen – in den letzten vier Jahren kamen allein 8,4 Millionen dazu. Eine schockierende Nachricht angesichts der Tatsache, dass sich der Trend im Zeitraum von 2000 bis 2016 eigentlich umkehrte. Damals sank die Zahl um 94 Millionen.

Anfang 2020 waren es bereits wieder 63 Millionen Mädchen und 97 Millionen Jungen im Arbeitssektor. Das ist weltweit gesehen rund jedes zehnte Kind. Etwas mehr als die Hälfte stellen dabei Kinder im Alter von fünf bis elf Jahren dar. Die Altersgruppe von fünf bis 17 Jahren, die besonders gefährliche Arbeit verrichtet – also Tätigkeiten, die eine Bedrohung ihrer körperlichen und psychischer Gesundheit darstellen – stieg ebenfalls deutlich auf 79 Millionen an.

Doch was führte nun dazu, dass die Fortschritte erstmals seit 20 Jahren wieder ins Stocken geraten? Während die Zahlen in Asien und Lateinamerika sanken, verzeichnet Afrika und die Subsahara den größten Anstieg. Eine entscheidende Rolle spielen dabei ein starkes Bevölkerungswachstum, wiederkehrende Krisen und unzureichende soziale Basisschutzmaßnahmen, die in den letzten vier Jahren weitere 16,6 Millionen Mädchen und Jungen in die Kinderarbeit führten.1)

Covid-19 führte weltweit zu einer zusätzlichen Gefährdung von Kindern

Die Corona-Pandemie bietet jedoch seit letztem Jahr wieder weltweit Grund zur Sorge mit Blick auf ohnehin gefährdete Minderjährige. Selbst Regionen, die zuletzt Fortschritte machten, so zum Beispiel die Pazifik-Regionen, lateinamerikanische Länder und die Karibik, verzeichneten zuletzt wieder mehr Fälle. Kinder aus einkommensschwachen Familien mussten ihre Eltern aufgrund von Arbeitsplatz- und Einkommensverlusten so häufig wie selten finanziell unterstützen. Für viele ist Kinderarbeit die einzige Bewältigungsstrategie, wenn Mahlzeiten wegfallen oder das Geld für lebenswichtige Dinge nicht mehr ausreicht. Die weltweiten Schulschließungen trugen ebenfalls ihren Teil dazu bei. Wenn der Besuch des Unterrichts keine Option mehr ist, erhöht sich das Risiko für gefährdete Kinder, einer Beschäftigung nachzugehen und Ausbeutung zu erfahren. Öffnen die Schulen wieder, ist es meist schwierig für Kinder, zur schulischen Ausbildung zurückzukehren. Nach einer Umfrage der Organisation Human Rights Watch, die Aussagen von 81 Kindern aus Ghana, Nepal und Uganda sammelte, die kürzlich in die Kinderarbeit gedrängt wurden, gaben viele an, dass ihre Familien nicht mehr genug zu essen hätten und sie ihre Eltern bei der Arbeit unterstützen müssten, um ausreichend Lebensmittel für alle zu bekommen. Häufig gaben sie an, mindestens zehn Stunden am Tag arbeiten zu müssen – bei manchen waren es bis zu 16 Stunden täglich. Diejenigen, die einer Beschäftigung bereits vor der Krise nachgingen, sagen, die Arbeit falle noch beschwerlicher und länger aus. Die Vereinten Nationen warnen: Ohne sofortige Abhilfemaßnahmen werden bis Ende 2022 wahrscheinlich 8,9 Millionen Kinder mehr in die Kinderarbeit abrutschen.1)2)

Die meiste Kinderarbeit findet in der Landwirtschaft statt

Der Bereich, in dem der Großteil der arbeitenden Kinder beschäftigt ist, ist der Agrarsektor. Dies trifft auf rund 70 Prozent der Mädchen und Jungen (112 Millionen) zu. Im Dienstleistungssektor sind es 20 Prozent (31,4 Millionen), gefolgt von der Industrie mit zehn Prozent (16,5 Millionen). In ländlichen Regionen, wo die Subsistenz- und Kleinbauernwirtschaft sowie andere Formen der kommerziellen Landwirtschaft stattfinden, ist Kinderarbeit fast dreimal so stark verbreitet wie in städtischen Gebieten. Hand in Hand geht diese dabei meist mit einer niedrigen Einschulungsrate. Beinahe 28 Prozent der Kinder im Alter von 12 bis 14 Jahren, die Kinderarbeit leisten, sind nicht in der Schule. Ursache dafür sind oft der erschwerte Zugang zu Bildung aufgrund fehlender Verkehrsanbindungen und die geringere Dichte von Schulen auf dem Land. Kommt der Schulbesuch gar nicht erst infrage, steigt auch das Risiko, in die Kinderarbeit abzurutschen. Die Arbeit im Agrarsektor ist am weitesten verbreitet, ob auf Plantagen, in der Fangfischerei oder der Forstwirtschaft. Die Liste der permanenten Gefahren, die sich schwer auf ihre Gesundheit auswirken können, ist lang: der Umgang mit anorganischen Düngemitteln, Pestiziden und anderen gefährlichen Agrochemikalien, körperlich anstrengende Arbeiten wie das Tragen schwerer Lasten, langes Stehen, Bücken und Beugen, extreme Temperaturen, die Verwendung gefährlicher Schneidewerkzeuge wie Macheten und Sensen sowie die Verwendung von und der Umgang mit landwirtschaftlichen Fahrzeugen und schweren Landmaschinen. Viele von ihnen leiden ihr Leben lang unter den Folgeschäden.1)2)

Keine Welt ohne Kinderarbeit ohne existenzsichernde Löhne

„Wir verlieren im Kampf gegen Kinderarbeit an Boden, und das letzte Jahr hat diesen Kampf nicht einfacher gemacht“, sagte UNICEF-Exekutivdirektorin Henrietta Fore. „Jetzt, im bereits zweiten Jahr mit weltweiten Lockdowns, Schulschließungen, wirtschaftlichen Krisen sowie schrumpfenden Staatshaushalten, sind viele Familien gezwungen, tragische Entscheidungen zu treffen. Wir fordern Regierungen und internationale Entwicklungsbanken auf, vorrangig in Programme zu investieren, die Kinder aus Kinderarbeit herausholen und wieder in die Schule bringen können, sowie in soziale Schutzprogramme, die Familien helfen können, diese Entscheidung gar nicht erst zu treffen.“1) Die Umstände, die Kinder in den letzten Jahren zur Arbeit zwangen, können wir zwar nicht rückgängig machen, dennoch besteht nach den zahlreichen Warnsignalen, die sich im letzten Jahr häuften, die Möglichkeit, Kindern bessere Lebensumstände zu ermöglichen. Der Zugang zu Bildung und existenzsichernde Löhne für arbeitende Eltern müssen feste Bestandteile einer Agenda werden, die versucht, gegen Kinderarbeit vorzugehen. Eine effektive Kontrolle und Regulierung derer, die weltweit für ausbeuterische Arbeitsverhältnisse sorgen, wäre ein erster Schritt in die richtige Richtung.

  1. UNICEF: Weltweite Kinderarbeit steigt auf 160 Millionen; Artikel vom 10.06.2021 [] [] [] []
  2. UNICEF Data: Child Labour: Global estimates 2020, trends and the road forward; Bericht von Juni 2021 [] []

2 Gedanken zu „Kinderarbeit steigt erstmals seit zwei Jahrzehnten wieder an “

    1. Bernhard / earthlink

      Siegel und Zertifikate sind eine Möglichkeit. Es gibt davon schon zahlreiche – sowohl branchenübergreifende wie auch branchenspezifische.
      Um Unternehmen zu verdeutlichen, dass die Verbraucher:innen Produkte ohne Kinderarbeit möchten, kann jede:r unserer Firmenliste zu Rate ziehen und sich beim Einkauf daran orientieren. Wir überarbeiten die Liste laufend und planen einen Feedback-Button einzurichten, mit dem Konsument:innen Lob und Kritik direkt an die jeweiligen Firmen senden können.
      Spenden sind hierfür sehr willkommen!

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