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Die Verantwortung des deutschen Konsumenten

Jeder Deutsche besitzt im Durchschnitt 95 Kleidungsstücke. |  Bild: © Marco Scala [CC BY-NC-ND 2.0]  - Flickr Jeder Deutsche besitzt im Durchschnitt 95 Kleidungsstücke.

| Bild: © Marco Scala [CC BY-NC-ND 2.0] - Flickr

Deutschland ist der zweitgrößte Textilimporteur weltweit. Etwa 90 Prozent unserer Textilien werden aus dem außereuropäischen Ausland importiert. Ein Grund hierfür ist, dass die Textilproduktion seit über 20 Jahren verstärkt aus Deutschland nach Asien und Osteuropa verlagert wurde. Rund 24 Prozent unserer Kleidung kommt aus China, 16 Prozent aus Bangladesch und 10 Prozent aus der Türkei. Die Hälfte der nach Deutschland importierten Textilien stammt also aus nur drei Ländern.1)

Unter den wichtigsten Exportländern ist der Mindestlohn für Produktionsmitarbeiter in der Türkei am höchsten. Dort verdienen Mitarbeiter monatlich mindestens 340 US Dollar. In China liegt der monatliche Mindestlohn eines Textilarbeiters etwas darunter bei 326 US Dollar. Arbeiter in Bangladesch erhalten im Monat mindestens 95 US Dollar. In jedem dieser Länder ist außerdem davon auszugehen, dass Kinderarbeitern ein geringerer bzw. teilweise sogar gar kein Lohn zusteht.

Als zweitgrößter Textilimporteur könnte die deutsche Politik durchaus einen bedeutenden Einfluss auf die zukünftigen Entwicklungen der Bekleidungsindustrie haben. Insbesondere die Bekämpfung der Kinderarbeit in weiten Teilen des Textilsektors könnte Deutschland vorantreiben. Dies setzt allerdings voraus, dass endlich effektive Maßnahmen ergriffen werden. Leider ist das leichter gesagt als getan. Eine häufig diskutierte Möglichkeit ist das Ende des Outsourcings und damit eine Rückverlagerung der Textilproduktion nach Europa. Ein positiver Effekt dabei wären die verkürzten Lieferwege. Da die Textilindustrie eine der umweltschädlichsten Produktionszweige der Welt ist, wäre das eine Option den CO2-Ausstoß zu verringern. Ein wichtiger negativer Aspekt eines Rückzugs der Produktion aus Billiglohnländern ist, dass tausende Arbeitsplätze vor Ort wegfallen würden und die Armut in der Bevölkerung stark ansteigen würde. Länder wie Bangladesch oder Myanmar sind jedoch wirtschaftlich auf die europäischen Investitionen angewiesen. Das Outsourcing hat ihnen die Chance gegeben, am globalen Wettbewerb teilzunehmen. Außerdem bekommen insbesondere Frauen ohne Ausbildung in der Textilbranche die Möglichkeit einen eigenen Lebensunterhalt zu verdienen.2)

Dass politische Regulierungen für eine nachhaltige Bekleidungsindustrie dringend nötig sind, steht außer Frage. Trotzdem muss gleichzeitig ein Umdenken bei den deutschen Konsumenten stattfinden. Ein erwachsener Mensch in Deutschland besitzt im Durchschnitt 95 Kleidungsstücke. Jedes Jahr kauft er zusätzlich durchschnittlich 60 neue Teile. Das entspricht etwa 15 Kilogramm Kleidung. (Zum Vergleich: Der weltweite Mittelwert liegt bei 8 Kilogramm.) 60 Prozent davon werden bereits nach einem Jahr wieder entsorgt. Jedes Fünfte Kleidungsstück wird fast nie getragen. Kurz gesagt: Wir besitzen zu viel Kleidung, die uns nichtmal gefällt.3)

Der Kleidungskonsum wird von dem Geschlecht, der Herkunft, der Bildung und dem Einkommen einer Person beeinflusst. Je höher der Bildungsstand und das Einkommen eines Individuums, umso mehr Kleidung besitzt es. Das ist die sogenannte „Attitude-Behavior-Gap“. Es beschreibt das Paradox, wenn Menschen über die ökologischen und sozialen Auswirkungen der Herstellung und des Konsums von Bekleidung informiert sind und trotzdem einen hohen Konsum aufweisen. Dieses Phänomen verdeutlicht, dass Individuen den Strukturen des Konsums ausgeliefert sind. Würde nun jeder umweltbewusste Konsument auch tatsächlich umweltbewusst einkaufen, dann würde idealerweise die Menge der nach Deutschland importierten Bekleidungsstücke sowie die Textilproduktion generell zurückgehen.4)3)

Letztlich bleibt der Appell an die deutsche Politik: Als zweitgrößter Textilimporteur der Welt muss Deutschland als Vorbild voran gehen und sich unter anderem dafür einsetzen, dass Kinderarbeit endgültig abgeschafft wird. Ein positives Beispiel für eine politische Initiative ist der Grüne Knopf.

  1. BMZ: Nachhaltige Textilien; Publikation von 2019 []
  2. Mode Fair Arbeiten: Lehren einer Reise; https://modefairarbeiten.de/lehren-einer-reise-maries-blick-auf-bangladesch-und-unsere-verantwortung-fuer-eine-gerechte-weltwirtschaft/#more-1857 []
  3. Greenpeace: Wegwerfware Kleidung; https://www.greenpeace.de/sites/www.greenpeace.de/files/publications/20151123_greenpeace_modekonsum_flyer.pdf [] []
  4. Netzwerk Verbraucherforschung: Wider „besseres“ Wissen?; https://www.netzwerk-verbraucherforschung.de/NVF/SharedDocs/Downloads/DE/2017-Konferenzbeitrag-Weller.pdf?__blob=publicationFile&v=2: []

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