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Wenn Plastikabfall überlebenswichtig wird: Manilas Müllkinder

Manilas MüllkinderManilas Müllkinder |  Bild: Climate Risk and Resilience: Securing the Region’s Future © Asian Development Bank [CC BY-NC-ND 2.0]  - flickrManilas Müllkinder

Manilas Müllkinder | Bild: Climate Risk and Resilience: Securing the Region’s Future © Asian Development Bank [CC BY-NC-ND 2.0] - flickr

Rund 70.000 Menschen leben in der Siedlung aus Wellblech, Pappe und Holz. Der Slum Vita im Bezirk Tondo ist das Zuhause vieler Geschäfte und Familien, die abseits des Zentrums um ihr tägliches Überleben kämpfen. Jeden Tag steigen die Kinder des Slums erneut ins Wasser, um wiederverwertbare Gegenstände oder Plastikmüll aus der Bucht zu fischen, die den Abfall der Stadt direkt vor ihre Hütten spült. 9.3 Millionen Kilogramm pro Tag wird laut dem Umweltministerium in den Städten und Vororten produziert. Das meiste landet jedoch nicht in Mülltonnen oder Containern, sondern im Wasser und direkt am Rand von Manila. 

Der Abfall der einen ist die Einkommensquelle der anderen

Die 13-jährige Wenie Mahiya lebt hier mit ihrer Familie und ihren Geschwistern. Sie watet durch das verunreinigte Wasser, fischt Plastikreste heraus und sammelt sie in ihrem Beutel. Mit ein paar anderen Kindern zusammen wird sie diesen an einen der sogenannten “Junkshops” oder Recyclinghöfe zur Wiederverwertung verkaufen. Pro Tag verdient sie so rund 50 philippinische Pesos, umgerechnet knapp 80 Cent. Doch das ist genug, um sich fast ein Kilo Reis zu kaufen. Genug, um ihrer Familie zu helfen, sich über Wasser zu halten, denn ohne ihre Hilfe hätte sie kaum genug zu essen.  

Etwa die Hälfte der im Slum lebenden Menschen sind Kinder. Und für sie alle sieht der Alltag so ähnlich aus wie der von Wenie. Sie steigen täglich in das Wasser, in dem sich Bakterien und Viren sammeln und setzen sich so einem hohen Risiko von Krankheiten und Verletzungen aus. Doch dieses Übel scheint relativ gering, wenn die einzige Alternative der Hunger ist. Die Kinderarbeit ist eigentlich verboten, doch in den Armenvierteln der Stadt interessiert das kaum einen mehr.1)2) 

Kein Krieg gegen Armut

Die Müllberge sind mittlerweile ein Symbol der Ungleichheit in der Stadt. Während fast ein Drittel der Bevölkerung Manilas in Slums lebt, wohnt der Rest zu großem Teil in sogenannten “Gated Communities”. Also Siedlungen, umgeben von Zäunen, Mauern und Wachpersonal. Immer mehr Teile der Landbevölkerung zieht es mit der Hoffnung auf Wohlstand in die Metropole, doch was sie meist erwartet, ist das Leben zwischen Wellblechhütten und Plastikabfällen. Die Bemühungen der philippinischen Regierung, die Armut zu bekämpfen, halten sich in Grenzen. Anstatt die Lebensqualität der Slumbewohner zu verbessern, versucht sie die Menschen aus Tondo zu vertreiben. 1995 rückten zahlreiche Bulldozer und Polizisten an, um das Gebiet schließlich offiziell zu räumen. Dabei verloren tausende Menschen ihr Zuhause sowie ihre Einkommensquelle.  Das Problem wurde dadurch aber nicht beseitigt, sondern verlagerte sich lediglich in andere Teile der Städte.3)4)

Südostasien – die Müllkippe der Welt

Und die Weltgemeinschaft? Auch sie zieht sich aus der Verantwortung. Egal ob USA, Deutschland oder Japan – sie alle schicken ihren Müll nach Asien. Seitdem China entschied, kein gebrauchtes Plastik mehr aus anderen Ländern zu verarbeiten, um die eigene Umweltbilanz zu verbessern, wandern etwa 800 Tausend Tonnen jährlich von Industrienationen nach Südostasien. Und die Müllexporte werden zukünftig sogar noch steigen. Der Plastikverbrauch erklomm in den letzten Jahren utopische Höhen und lässt sich kaum mehr damit relativieren, dass man hierzulande auch am meisten Recycling betreibt. Denn der Anteil unseres Plastikmülls, der tatsächlich recycelt wird, beschränkt sich lediglich auf rund ein Viertel. Und davon wandert der Großteil in Länder wie Malaysia, Indonesien oder den Philippinen. Ihnen fehlt es meist an Infrastruktur, um den Abfall tatsächlich verarbeiten zu können. Die Folge: Er landet auf riesigen unkontrollierten Mülldeponien und stellt eine große Gefahr für Mensch und Umwelt dar.5)6)7)

Nur ungern wollte Wenies Mutter Mary May die Stadt verlassen – es ist eben doch ihr Zuhause, wo auch Familienangehörige und Freunde wohnen. Doch um ihre Tochter vor Drogen und Missbrauch in Tondo zu schützen, entschloss sie sich, dem Slum den Rücken zu kehren. Heute lebt die Familie in einem Haus in der Provinz in den Bergen von Banawang Bagac. Wenie kann sich nun dem widmen, was ihr Spaß macht: Zu lernen anstatt in der Bucht von Manila nach Plastikresten zu fischen.8)

  1. Der SPIEGEL: Philippinen: Die Müllkinder von Manila; Artikel vom 14.06.2020 []
  2. ZDF: Die Kinder aus dem Wasserslum; Video vom 08.12.2018 []
  3. sag was: Leben im Müll; Artikel vom 24.07.2019 []
  4. xPlicit Asia: Slums in Manila – Leben zwischen Müll und Verstorbenen; Artikel vom 25.10.2019 []
  5. the nu company: Was passiert mit unserem Plastikmüll?; Artikel vom 18.08.2020 []
  6. Missio: Philippinen: Im Meer aus Müll; Artikel vom März/April 2020 []
  7. Deutsche Welle: Luxusgut saubere Umwelt – Manilas Kampf gegen den Müll; Artikel vom 27.12.2006 []
  8. Der SPIEGEL: Philippinen: Die Müllkinder von Manila; Artikel vom 14.06.2020 []

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