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Energiewende als Chance für faire Arbeitsbedingungen im Bergbau

Kinderarbeiterinnen |  Bild: © ILO Asia-Pacific [CC BY-NC-ND 2.0]  - flickrKinderarbeiterinnen

| Bild: © ILO Asia-Pacific [CC BY-NC-ND 2.0] - flickr

Laut Aussage des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) sei es das Ziel der Energiewende, „eine sichere, wirtschaftliche und umweltverträgliche Energieversorgung zu realisieren“. Hierbei wir jedoch ein wichtiger Aspekt außer Acht gelassen: Woher stammen die benötigten Rohstoffe und unter welchen Bedingungen werden diese abgebaut? Wie kann die Energiewende sozial verantwortlich und fair gestaltet werden?1)

 

Kinder sind im Bergbau der größten Gefahr ausgesetzt

In den letzten Jahrzehnten hat sich neben der Menge auch die Anzahl der abgebauten Rohstoffe stark erhöht. Die erhöhte Nachfrage führte dazu, dass sich der Trend des zunehmenden Bergbaus fortsetzte und immer mehr, aber vor allem auch abgelegenere Regionen in Bergbaugebiete umgewandelt wurden und werden. Ein Großteil der – für die Energiewende erforderlichen – Rohstoffe und Materialien stammt aus Entwicklungs- und Schwellenländern. Die Regierungen – der oftmals politisch instabilen Staaten – können das Durchsetzen von Sozial- und Umweltstandards nur bedingt gewährleisten, weshalb der Abbau der Bodenschätze oftmals mit sozial und ökologisch negativen Folgen einhergeht. Besonders der – in Entwicklungsländern eine wichtige Rolle spielende – Kleinbergbau findet an abgelegenen Orten sowie informell statt und entzieht sich mithin staatlicher Kontrolle. Es ist somit wenig verwunderlich, dass der Rohstoffabbau laut UN-Menschenrechtsrat der Wirtschaftssektor mit den meisten Menschenrechtsproblemen ist. In zahlreichen weiteren Studien werden Vertreibungen, der Verlust von Land, die Verschlechterung der Ernährungssituation, die Ausbeutung von Kindern und Erwachsenen, bewaffnete Konflikte sowie die Verseuchung und Verwüstung ganzer Regionen mit dem Bergbau in Verbindung gebracht. Die staatliche Infrastruktur in Form von Gesundheitsversorgung, Bildungswesen etc. erreicht die abgelegenen Regionen meist nur sehr spärlich. Eine Verbesserung der Lebenssituation gestaltet sich somit als äußerst schwierig.

Der Bergbau und die oftmals damit einhergehenden Missstände sind besonders für Heranwachsende in vielerlei Hinsicht problematisch: Die Kombination aus Profitgier und dem Fehlen einer übergeordneten Kontrollinstanz führt dazu, dass Kinder als billige Arbeitskräfte in den Minen eingesetzt werden. Die Arbeit im Bergbau gehört gemäß der ILO-Konvention 182 zu den schlimmsten Formen der Kinderarbeit. Die Heranwachsenden werden im Bergbau schwer verletzt oder sterben bei Arbeitsunfällen. Der ständige Kontakt mit gesundheitsschädlichen Stoffen führt zu Atemwegs-, Haut und Augenerkrankungen. Die Kinder sind der Willkür ihrer Kolleg*innen sowie Arbeitgeber*innen ausgesetzt und liegen meist außerhalb des Geltungsbereichs von Bestimmungen und Gesetzen. Dies führt dazu, dass Kinder zwischen fünf und siebzehn Jahren im Bergbau mit einer Todesrate von 32 pro 100.000 Vollzeitarbeitskontingenten der größten Gefahr ausgesetzt sind. Der Wirtschaftssektor Rohstoffabbau bedient sich jedoch nicht nur an Strukturen, die auf Kinderarbeit zurückgreifen, sondern ist teilweise für das Entstehen entsprechender Strukturen verantwortlich: Im Vergleich zu anderen Landesteilen herrschen in den Bergbaugebieten schlechte Lebensbedingungen. Es mangelt an Trinkwasser und Nahrung, die Gesundheitsversorgung ist schlecht und der Zugang zu Bildungseinrichtungen und anderen Dienstleistungen nur sehr beschränkt möglich. Das Nichtvorhandensein der Bildungseinrichtungen nimmt den Kindern die Chance, mittels Bildung den Ausstieg aus dem Teufelskreis zu schaffen. Ohne jegliche Qualifikationen bleiben den Heranwachsenden meist nur ungesicherte und schlecht bezahlte Tagelöhner-Jobs. Besonders der inoffizielle Kleinbergbau ist für Korruption und Steuerhinterziehung anfällig und führt – für den Ausbau der Infrastruktur erforderliche – Gelder am Fiskus vorbei, weshalb Investitionen in die Infrastruktur und somit auch die Verbesserung der Lebensbedingungen ausbleiben. Da das Betreiben der Minen mit einem enormen Platz- und Ressourcenbedarf einhergeht und schädliche Stoffe in die Umwelt gelangen, verlieren ansässige Familien ihr Land und somit auch die Fähigkeit, sich selbstständig ernähren und einer Tätigkeit in einem anderen Bereich nachgehen zu können. Ihnen bleibt dementsprechend häufig nur die Möglichkeit, im Bergbausektor unter schlechten Bedingungen für wenig Geld zu arbeiten. Um trotzdem finanziell über die Runden zu kommen, müssen die Eltern den eigenen Nachwuchs arbeiten schicken. In Zeiten des florierenden Rohstoffabbaus wird der Bergbau von der Regierung stark gefördert. Andere Bereiche bleiben jedoch auf der Strecke und verkümmern – nicht zuletzt aufgrund der Verpestung des umliegenden Landes. Besonders problematisch wird es für die ansässige Bevölkerung dann, wenn die Rohstoffe verbraucht sind und der Bergbau eingestellt wird, da neben dem Bergbau keine berufliche Perspektive besteht. In einer solchen Situation bleibt meist nur die Migration in eine andere Region beziehungsweise ein anderes Land oder das Beginnen einer kriminellen Laufbahn als Ausweg.2)3)4)5)6)7)8)9)10)11)

 

Energiewende: Mehr als das Austauschen der Energiequellen

Angesichts des Klimawandels und der damit einhergehenden globalen Bedrohung ist der Ausbau erneuerbarer Energien von entscheidender Bedeutung. Um die Energiewende zu vollziehen und bis 2050 unsere Energieversorgung durch erneuerbare Energien zu gewährleisten, müssen zahlreiche Windkrafträder, Photovoltaikanlagen und Elektroautos gebaut werden. Hierfür ist ein immenser Bedarf an Rohstoffen zu decken, der bei bestimmten Materialien laut World Bank um bis zu 500 Prozent steigen wird. Mit Rohstoffen wie Eisen, Stahl, Silber, Kobalt und Seltenerdmetallen handelt es sich besonders um Materialien aus dem Bergbau. In der Vorstellung vieler Menschen stehen erneuerbare Energien für eine umweltfreundliche und gerechte Welt. Laut Alber Recknagel – dem Vorstandssprecher von terre des hommes – „kümmern sich große Unternehmen [jedoch] nicht ausreichend darum, zu überprüfen, wo ihre Rohstoffe herkommen und ob dabei Kinder ausgebeutet werden“. Um durch das Vollziehen der Energiewende tatsächlich eine umweltfreundliche und gerechte Welt zu schaffen, hat mehr als ein bloßes Austauschen der Energiequellen zu erfolgen. Die Energiewende kann nur dann gelingen, wenn in den Branchen der erneuerbaren Energie sowie der Zuliefererbetriebe faire Arbeitsbedingungen durchgesetzt und Entscheidungen getroffen werden, die im Einklang mit einer nachhaltigen Entwicklung der Bergbauregionen stehen. Die Sorgfaltspflicht obliegt hierbei nicht nur den Bergbaukonzernen und den Betreiber*innen der Minen, sondern auch den Unternehmen entlang der gesamten Wertschöpfungskette sowie der Politik. Das sozial und ökologisch nachhaltige Vollziehen der Energiewende kann nur durch gemeinsame Bemühungen erreicht werden: Die Politik hat auf internationaler Ebene Gesetze zu beschließen und deren Umsetzung zu kontrollieren. Die Gesetze sollen nicht nur dem Wohl der Minenarbeiter*innen dienen, sondern auch eine nachhaltige Entwicklung der Bergbauregion zum Ziel haben, damit neben dem Bergbau weitere berufliche Perspektiven geschaffen werden und bestehen bleiben. Wir Konsument*innen haben die Aufgabe, bei jeder Konsumentscheidung ein Zeichen für eine ökologisch und sozial nachhaltige Energiewende zu setzen, indem wir uns bewusst ausschließlich für Produkte entscheiden, die nachweislich nicht mit Menschenrechtsverletzungen einhergehen oder für diese als ursächlich anzusehen sind. Um den Wertschöpfungsprozess sowie die vorherrschenden Arbeits- und Lebensbedingungen für die Konsument*innen möglichst transparent zu gestalten, ist es Aufgabe der Unternehmen und Politik, entsprechende Labels und Zertifikate zu erstellen, die Photovoltaikanlagen, Energiesparlampen, Elektroautos und Co. neben der ökologischen auch die soziale Nachhaltigkeit attestieren.4)6)7)12)13)

  1. BMBF: Energiewende; aufgerufen am 09.03.2021 []
  2. Amnesty International: Corruption and child labour have no place in the energy transition; Artikel vom 26.02.2021 []
  3. Welt: Bundesregierung kann Kinderarbeit für Elektroautos nicht ausschließen; Artikel vom 13.07.2019 []
  4. MISEREOR: Rohstoffe für die Energiewende; aufgerufen am 09.03.2021 [] []
  5. energiezukunft: Gerechte Lieferketten für die Energiewende; Artikel vom 30.11.2020 []
  6. Foreign Policy: Green Energy´s Dirty Side Effects; Artikel vom 18.06.2020 [] []
  7. MISEREOR: Energiewende muss auch Rohstoffverbrauch senken; Artikel vom 27.04.2018 [] []
  8. umweltfairaendern: Ökologisch hui – sozial pfui?; aufgerufen am 09.03.2021 []
  9. BMZ: Menschenrechte; aufgerufen am 09.03.2021 []
  10. terre des hommes: Glück auf? Die Auswirkungen des Bergbaus auf Kinder; aufgerufen am 09.03.2021 []
  11. ILO: Children in hazardous work; aufgerufen am 09.03.2021 []
  12. Presseportal: In der Autoproduktion steckt Kinderarbeit; aufgerufen am 09.03.2021 []
  13. umweltfairaendern: Ökologisch hui – sozial pfui?; aufgerufen am 09.03.2021 []

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