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Faire Fußbälle: Kinderarbeit die rote Karte zeigen

Kind näht Fußball |  Bild: ILO photo e2790 © International Labour Organization ILO [CC BY-NC-ND 2.0]  - flickrKind näht Fußball

| Bild: ILO photo e2790 © International Labour Organization ILO [CC BY-NC-ND 2.0] - flickr

In Berlin und Leipzig wird künftig auf Nachhaltigkeit gesetzt: Während der Fußballverband der Stadt Leipzig bis 2024 insgesamt 8.000 fair gehandelte Bälle anschaffen möchte, hat das Landesverwaltungsamt Berlin bereits ausschließlich Fußbälle angeschafft, die unter fairen Bedingungen produziert wurden. Mit dem „Fairtrade Fußball-Quiz Bayern 2020“ möchte der Eine Welt Netzwerk Bayern e.V. dem guten Beispiel aus Leipzig und Berlin folgen und Fußballvereine sowie Fußballspielende zum Einsatz fair gehandelter Bälle ermutigen und so einen Beitrag gegen Kinderarbeit, für eine faire Entlohnung der Arbeitenden sowie gerechtere Handelsstrukturen leisten.1)2)3)4)

 

Geringe Entlohnung der Eltern führt zu Kinderarbeit

Um den Zusammenhang zwischen Fußballproduktion und Kinderarbeit zu verstehen, ist zunächst die Fußballproduktion inklusive der dazugehörigen Produktionsstätten näher zu beleuchten. Wird sich mit der Fußballproduktion auseinandergesetzt, kommt unweigerlich die Stadt Sialkot, auch bekannt als Fußballhauptstadt oder die Stadt der Bälle, ins Spiel. In der pakistanischen Stadt werden in ungefähr 2.500 Nähzentren und 200 Fabriken jährlich 40 bis 50 Millionen Fußbälle, in Zeiten großer internationaler Turniere wie der Europa- oder Weltmeisterschaft sogar bis zu 60 Millionen Fußbälle produziert, was circa 70 Prozent der weltweit produzierten Menge an handgenähten Fußbällen entspricht. Um das Jahr 1970 herum wurden die Produktionsstätten nach und nach vom Stadtzentrum ins ländliche Umfeld ausgelagert, um die Löhne an das niedrigere Niveau der ländlichen Gegenden anzupassen und somit das Gehalt der Arbeitenden möglichst gering zu halten. Die Arbeitenden finden sich nicht nur aufgrund der geringen Löhne in einer prekären Lage wieder: Sie sind häufig keine direkten Angestellten, sondern arbeiten für Subunternehmen und liegen deshalb sozusagen faktisch außerhalb des Geltungsbereichs der pakistanischen Arbeits- und Sozialgesetze. Anstelle eines monatlichen Fixgehalts, werden sie je nach Stückzahl entlohnt. Die Arbeitenden erhalten meist weniger als einen Euro pro produzierten Fußball. Um trotz der geringen Entlohnung die eigene Familie ernähren zu können, bleibt den Eltern oft kein anderer Ausweg, als den eigenen Nachwuchs ebenfalls arbeiten zu schicken. So sind es auch viele Kinder und Jugendliche, die in ihrem Hocker sitzend, in einer gebückten und verkrampften Haltung, Fußbälle zusammennähen und mit Rücken- und Kopfschmerzen, Augenproblemen sowie Fingergelenkserkrankungen leben müssen. Da die Arbeit mit einer hohen Belastung und einem großen Zeitaufwand einhergeht, ist ein gleichzeitiger Schulbesuch meist nicht möglich. Als im Rahmen der Fußballeuropameisterschaft in England im Jahre 1996 publik wurde, dass rund ein Viertel der Nähenden Kinder sind, gerieten die Konzerne unter Handlungszwang und Öffentlichkeitsdruck: Das daraus resultierende Atlanta-Abkommen des Jahres 1997 setzte ein Verbot von Kinderarbeit in der pakistanischen Fußballindustrie für Kinder unter 14 Jahren durch und beauftragte zunächst die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) zur Überwachung des Verbots. Ab dem Jahr 2003 übernahm die Independent Monitoring Association for Child Labour (IMAC) die Überwachung und Kontrolle der neuen Bestimmungen.5)6)7)8)9)

Trotz des Atlanta-Abkommens gleichbleibende Probleme

Die Konzerne wurden zufriedengestellt, da der Fußball wieder größtenteils aufgrund sportlicher Geschehnisse Schlagzeilen machte und das Gewissen der Kundschaft bereinigt werden konnte. Auch wenn das Altanta-Abkommen in der Fußballindustrie Wirkung zeigte, konnte es keinen entscheidenden Beitrag gegen Kinderarbeit leisten, da die Probleme und Missstände lediglich ausgelagert beziehungsweise in andere Branchen verschoben wurden: Kinderarbeit entsteht meist aufgrund von Armut und finanziellen Notlagen. Mit dem Atlanta-Abkommen wurde Kinderarbeit in der Fußballindustrie zwar verboten, jedoch hat sich an der finanziellen Ausgangslage nichts geändert. Um überleben zu können, sind viele Eltern nach wie vor gezwungen, den eigenen Nachwuchs arbeiten zu lassen. Die neuen Bestimmungen konnten dafür sorgen, dass die Heranwachsenden nicht mehr in der Fußballproduktion tätig sind. Dieser Teilerfolg ist jedoch nicht als eine Beendigung der Kinderarbeit anzusehen, da die Kinder stattdessen in anderen Bereichen arbeiten müssen. Es ist darüber hinaus kritisch zu hinterfragen, inwieweit die IMAC-Kontrollen Kinderarbeit in der Fußballindustrie verhindern können. Nach eigenen Angaben umfasst das Monitoring der IMAC knapp 95 Prozent der Fußballproduktionen in Sialkot, jedoch gibt es nach wie vor Arbeitende, die nicht unter der Kontrolle der IMAC stehen. Da die teilnehmenden örtlichen Fußballproduktionsstätten die IMAC finanzieren, kann nicht mit Sicherheit ausgeschlossen werden, dass die kontrollierenden in manchen Fällen befangen sind.5)8)

 

Fairplay beginnt vor dem Anpfiff

Das vielfach zitierte Fairplay hat im Fußball nicht erst mit Anpfiff, sondern mit der Produktion der Fußbälle – und natürlich auch der Beschaffung der dazugehörigen Rohstoffe – zu beginnen: Wird in der Fußballproduktion von Fairplay gesprochen, bedeutet dies, dass die Arbeitenden unter möglichst optimalen Bedingungen tätig sind, einen angemessenen Lohn erhalten sowie einen Verzicht auf ausbeuterische Kinderarbeit. Das Atlanta-Abkommen hat zwar die Kinderarbeitssymptome in der Fußballproduktion mindern, jedoch nicht die Ursachen von Kinderarbeit bekämpfen können, da die Arbeitenden nach wie vor ein geringes Gehalt beziehen, welches es teilweise nach wie vor erfordert, dass der eigene Nachwuchs arbeitet, um das Familien-Einkommen aufzubessern. Obwohl zwischen der pakistanischen Stadt Sialkot und Deutschland eine große räumliche Distanz liegt, können wir durch ein Hinterfragen des eigenen Konsumverhaltens einen Beitrag leisten, um die Arbeits- und Produktionsbedingungen in der Fußballhauptstadt zu verbessern und Kinderarbeit ursächlich zu bekämpfen. Das Angebot an Fußbällen bestimmter Konzerne und den damit einhergehenden Arbeitsbedingungen resultieren aus unserer Nachfrage nach den entsprechenden Produkten. Durch den Kauf von sozusagen unfairen Fußbällen sind wir untere anderem dafür mitverantwortlich, dass die prekäre Situation vieler Arbeitenden in Pakistan aufrechterhalten wird. Entscheiden wir uns künftig beim Fußballkauf für Fußbälle, welche unter fairen Bedingungen produziert wurden, können wir die Situation der Arbeitenden in Pakistan nachhaltig verbessern. So sehen beispielsweise die Fairtrade-Standards vor, dass in den Produktionsstätten gute Arbeitsbedingungen herrschen und ausbeuterische Kinderarbeit verboten ist. Die Arbeitenden erhalten einen angemessenen Lohn, der es erlaubt, die eigene Familie zu ernähren und somit nicht erfordert, dass der eigene Nachwuchs arbeiten muss. Den Kindern stehen somit neue Bildungswege und die Möglichkeit des Schulbesuchs offen, die es erlauben, durch Bildung den Teufelskreis der Armut zu verlassen.

Durch den Kauf fair produzierter Bälle entscheiden wir uns somit nicht nur für ein Produkt, sondern gleichzeitig dafür, ein Statement für die Arbeitenden in Pakistan zu setzen. Möchten wir Kinderarbeit effektiv bekämpfen, ist es nicht nur erforderlich, die Symptome zu beseitigen, sondern die Ursachen des Problems anzugehen.8)10)7)

  1. Sportbuzzer: Leipziger Fußball wird Fairtrade; Artikel vom 13.10.2020 []
  2. B.Z.: Faire Fußbälle für die Berliner Sportvereine; Artikel vom 03.02.2021 []
  3. Mainpost: SV Bischbrunn gewinnt fair gehandelte Bälle bei Fußball-Quiz; Artikel vom 18.02.2021 []
  4. Main-Echo: SV Rot-Weiß Bischbrunn gewinnt fair gehandelte Fußbälle beim Fußball-Quiz; Artikel vom 17.02.2021 []
  5. Spiegel: Globalisierung in Pakistan – Die Ballmacher von Sialkot; Artikel vom 15.03.2010 [] []
  6. Capital: Sialkot – Zentrum des Fußballs; Artikel vom 10.07.2018 []
  7. Salzburger Nachrichten: Wo der Ball herkommt; Artikel vom 26.06.2018 [] []
  8. Inkota-Netzwerk e.V.: INKOTA Brief – Fußball global – Faszination und Kommerz; Artikel vom 03.2016 [] [] []
  9. Cicero: Made in Sialkot; Artikel aufgerufen am 22.02.2021 []
  10. Zeit Online: Faire Bälle – Wie teuer muss ein Fußball sein?; Artikel vom 29.12.2014 []

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