Corona verschärft die Ungleichheit: Mädchen als Verliererinnen der Krise

Frau in Sierra Leone lernt mit ihrer Nichte während der Schulschließung aufgrund von Covid-19

Miatta Zoeaua musste nach der Ebola-Krise ihre eigene Ausbildung aufgeben und unterstützt nun die Bildung ihrer Nichte | Bild: © Global Partnership for Education - GPE [CC BY-NC-ND 2.0] - flickr

Es ist ein Rückschlag für all diejenigen, die sich in den vergangenen Jahren für die Rechte von Mädchen weltweit einsetzten. Die Corona-Pandemie beleuchtet geschlechtliche Ungleichheiten so stark wie nie. Mit der Verbreitung des Virus fanden fast überall auf dem Planeten Schulschließungen statt, die die Ausbildung von schätzungsweise 1,6 Milliarden Kindern unterbrachen. Besonders stark bekommen nach einer Umfrage von Save the Children vor allem Mädchen die Auswirkungen zu spüren. Bereits vor der Pandemie war die Wahrscheinlichkeit, je einen Fuß in ein Klassenzimmer zu setzen, für 9 Millionen Mädchen im Grundschulalter gering, verglichen mit 3 Millionen Jungen. Nun sind sie vor allem in Entwicklungsländern durch die Schließung von Schulen und Schutzeinrichtungen einem erheblichen Risiko geschlechtsspezifischer Gewalt, früher Schwangerschaft und Kinderheirat ausgesetzt. Schulen boten vielen von ihnen zuvor Nähe zu einer vertrauenswürdigen Ansprechperson, die verstärkte Interaktion mit Gleichaltrigen und eine bessere Kenntnis der eigenen Rechte als Schutzfaktor.1)2)

Auch ein Ende der Pandemie wäre keine Rettung

Selbst eine Wiedereröffnung der Schulen würde nicht zwangsläufig bedeuten, dass für alle weiterhin die Möglichkeit besteht, den Unterricht zu besuchen. Durch finanzielle Einbußen und Arbeitslosigkeit aufgrund der COVID-19-Beschränkungen stehen viele Familien vor Armut und Mangelernährung. Wachsender familiären Druck und die Notwendigkeit, etwas zum Haushaltsbudget beizutragen, zwingen viele Kinder dazu, zu arbeiten – was sie daran hindert, während der Krise weiter zu lernen. Für Mädchen bedeutet dies vor allem in ländlichen und patriarchal geprägten Gegenden: unbezahlte Haus- und Kinderbetreuungsaufgaben zu übernehmen und sich um Familienangehörige zu kümmern. Dass da nebenbei kaum Zeit für Fernunterricht bleibt, verringert sowohl ihre Verbindung zur Schule, als auch die Wahrscheinlichkeit ihrer Rückkehr dorthin. 3)2)

Während 20 Prozent der Mädchen angaben, zu viele Hausarbeiten erledigen zu müssen, um lernen zu können, traf dies auf nur knapp die Hälfte der Jungen zu. Obwohl diese häufiger von Kinderarbeit betroffen sind als Mädchen, bleibt für sie nach der Arbeit mehr Zeit für Schularbeiten oder andere Dinge.4)

„Meine Familie und ich waren verzweifelt“

Geraten Familien zunehmend in eine finanzielle Krise und halten die Schulschließungen weiter an, werden heranwachsende Mädchen häufig der Gefahr einer Zwangsheirat und frühen Schwangerschaft ausgesetzt.

Als sich 2015 in Sierra Leone das Ebola-Virus ausbreitete,  war die 13-jährige Kardiatu gezwungen,  zu arbeiten und einen Jungen aus einer wohlhabenderen Familie zu heiraten. Kurz darauf wurde sie schwanger. „Meine Familie und ich waren verzweifelt“, sagt sie. „Wir hatten kaum genug Geld für Lebensmittel. Durch den Hunger bekam ich sogar eine verschwommene Sicht. Wenn ich meine Mutter nach Essen fragte, sagte sie mir, ich sei ein großes Mädchen und solle nach Wegen suchen, wie ich Geld für die Ernährung der Familie auftreiben könnte“. Heute ist Kardiatu 18 Jahre alt und macht sich Sorgen um jene, die nun durch Covid-19 demselben Schicksal ausgesetzt sind. „Manchen Mädchen widerfährt jetzt dasselbe. Es gibt kein Essen. Sie brauchen Geld. Was ihre Familien ihnen nicht geben können, bekommen sie wahrscheinlich von dem „großen Mann“ an der Ecke. Sie sollen nicht dieselben Fehler machen wie wir. Und Eltern, die uns in diesen Fehlern unterstützten, müssen wir sagen, dass sie damit aufhören sollen. Ich hatte das Glück, in einem so jungen Alter sicher gebären zu können. Ich mache mir Sorgen um einige dieser Kinder, weil sie vielleicht nicht so viel Glück haben.“4)2)

Viele junge Mädchen in Afrika werden Opfer von Zwangsverheiratung | Bild: © DFID [CC BY 2.0] – flickr

Während der Ebola-Krise in Sierra Leone kam es in einigen Gebieten zu einem Anstieg der Teenagerschwangerschaften um bis zu 65 Prozent. Dies ist keine Seltenheit in West- und Zentralafrika, wo 42 Prozent der Frauen noch vor dem 18. Lebensjahr verheiratet sind und nur 36 Prozent die untere Sekundarstufe der Grundschule abschließen. Bildung und Armut von Mädchen können die Kinderheiratsraten zwar beeinflussen, spielen aber eine geringere Rolle als tief verwurzelte Geschlechternormen in rural geprägten Gegenden.2)

Die Corona-Krise birgt für Mädchen psychische und körperliche Gefahren

„Solche Krisenzeiten sind für Mädchen und Frauen besonders gefährlich, sie verstärken die bestehenden Ungleichheiten“, sagt Daniela Gierschmann, Westafrika-Expertin bei Medica Mondiale.

Werden Mädchen in jungen Jahren zwangsverheiratet, stellt eine Schwangerschaft ein dauerhaftes Hindernis für ihre Rückkehr in den Unterricht dar, auch wenn die Covid-19-Krise beendet ist. Darüber hinaus leiden viele von ihnen unter der Praxis der Genitalverstümmelung, die besonders in afrikanischen Ländern als Voraussetzung für die Zwangsehe üblich ist. Dabei werden Teile des weiblichen Genitals abgeschnitten oder verletzt, um die Mädchen vor ihrer eigenen Sexualität zu „schützen“ und als „rein“ zu bewahren, damit der zukünftige Ehemann die Frau als jungfräulich anerkennt. Alle elf Sekunden ist ein Mädchen davon betroffen. Und seit der Pandemie steigt die Zahl kontinuierlich.5)3)

Auch die häusliche Enge während eines Lockdowns sowie finanzieller Stress und Arbeitslosigkeit bedeuten für Mädchen ein erhöhtes Risiko häuslicher Gewalt und sexuellen Missbrauchs. Sind Schulen und Schutzeinrichtungen geschlossen oder bieten nur eine begrenzte Anzahl an Plätzen an, bleiben sie sich selbst und den schädigenden kulturellen Praktiken in ihren Gemeinden überlassen.5)3)6)

Verstärken sich während und nach der Pandemie die geschlechtsspezifischen Ungleichheiten und patriarchalen Strukturen, würden die in den letzten Jahrzehnten aufgebauten Errungenschaften bei der Mitsprache- und Handlungsfähigkeit von Mädchen und Frauen langsam wieder verschwinden. „Um eine ganze Generation vor dem Verlust ihrer Zukunft zu schützen, müssen einkommensschwache Länder und fragile Staaten dabei unterstützt werden, in ihre Kinder zu investieren“ – Susanne Krüger, Chefin von Save the Children in Deutschland. Das Recht auf Selbstbestimmung, Unabhängigkeit und Gleichberechtigung für Mädchen darf jetzt und in Zukunft nicht aus dem Blickfeld geraten.7)8)

  1. The Guardian: Covid crisis could force extra 2.5m girls into child marriage – charity, Artikel vom 01.10.2020 []
  2. Save the Children: Save Our Education: Protect every child’s right to learn in the COVID-19 response and recovery; Bericht vom 13.07.2020 [] [] [] []
  3. UNESCO: COVID-19 school closures: Why girls are more at risk; Artikel vom 29.04.2020 [] [] []
  4. Save the Children: Protect a Generation: The impact of COVID-19 on children’s lives; Artikel vom 10.09.2020 [] []
  5. Deutsche Welle: Wie Corona zu mehr Fällen weiblicher Genitalverstümmelung in Afrika führt; Artikel vom 29.10.2020 [] []
  6. CARE: New Study: COVID-19 condemns millions of women to poverty, when they could be a solution to prosperity; Artikel vom 30.04.2020 []
  7. Spiegel: Mädchen stärker von Pandemie-Auswirkungen betroffen; Artikel vom 11.09.2020 []
  8. Brot für die Welt: Mädchen sind Verliererinnen der Corona-Krise; Artikel vom 08.10.2020 []

Über Lucia / earthlink

Ich bin Lucia, 19 Jahre alt und habe mich nach meinem Abitur für einen Bundesfreiwilligendienst bei earthlink e.V. entschieden. Hier freue ich mich über die Chance, im Rahmen unserer Blogs über Fluchtgründe, Kinderarbeit und Folgen des Drogenhandels zu berichten und mein Interesse zu teilen.
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