Schönheit hat ihren Preis – und den zahlen Kinderarbeiter

Rouge, Lidschatten und Lippenstift in all diesen Kosmetika ist Mica enthalten. | Bild: © KaurJmeb [CC BY-SA 3.0] - Wikimedia Commons

Jeden Morgen muss die 11-jährige Pooja mit den ersten Sonnenstrahlen aufstehen und sich mit ihrem Vater zu den Minen aufmachen. Dort angekommen, strömen in der Regel bereits Hunderte von Kindern aus den Löchern im Boden, ihre Wangen und Kleider mit glitzerndem Staub bedeckt. Pooja und die anderen Kinder – einige von ihnen sind gerade einmal fünf Jahre alt – werden den Rest des Tages damit verbringen, sich durch kleine, von Menschenhand geschaffene Tunnel zu winden. Bewaffnet mit Spitzhacken, Hämmern und Körben schlagen sie vorsichtig auf die Wände der kleinen Schächte, um Steine und Schmutz zu lösen, bevor sie glänzende Gesteinstücke aus der Mine herausziehen. Diese kleinen Gesteinsbrocken offenbaren ihr Objekt der Begierde: Mica.  Dies ist ein schimmernder Mineralverbundstoff, der sich über Hunderte von Jahren auf natürliche Weise unterirdisch formiert. Er wird hauptsächlich in der Kosmetikindustrie verwendet, um Schönheitsprodukten wie Rouge, Lidschatten oder Lippenstift einen natürlich aussehenden Schimmer zu verleihen.

Der Mineralstoff wird als „Mica“, „Kaliumaluminiumsilikat“ oder „CI 77019“ auf der Liste der Inhaltsstoffe von Schönheitsprodukten aufgeführt. Die Redewendung „Schönheit hat ihren Preis“ trifft im Fall von Mica zu, jedoch nicht für den direkten Konsumenten, sondern tragischerweise für Tausende von Kindern, die in illegalen Minen für einen Hungerlohn von 29 bis 43 Cent pro Tag schuften müssen.1)2)

Mica ist ein wertvolles Material. Das „Centre for Research on Multinational Corporations“ prognostiziert, dass der Markt für diese Mineraliengruppe bis 2024 auf fast 700 Millionen Dollar anwachsen wird. Der Mineralverbundstoff kann in China, Russland, Finnland und den USA gefunden und verarbeitet werden, allerdings bezieht die Kosmetikindustrie den größten Teil ihres Bedarfs aus Indien. Der Grund dafür ist charakteristisch für den Raubtierkapitalismus vieler multinationaler Unternehmen: In Indien sind die Arbeitskräfte billiger, und es besteht oft keine Verpflichtung, für Versicherung oder Gesundheits- und Sicherheitsmaßnahmen am Arbeitsplatz zu sorgen.

Die höchsten Mica-Vorkommnisse in Indien stammen aus der Region von Jharkhand und Bihar. Schätzungsweise 22.000 Kinder arbeiten in den Mica- Minen dieser beiden ostindischen Bundesstaaten. Pooja ist eine von ihnen. Ihre Arbeit hält sie nicht nur davon ab, die Schule zu besuchen, sondern bringt sie auch jeden Tag in Gefahr. Wenn eine Mine zusammenbricht, während sie sich in ihr befindet, kann sie schwer verletzt, paralysiert oder tot zurückbleiben. Ein Risiko, dessen sie sich nur allzu bewusst ist. Ihre Handflächen sind bereits von scharfen, heruntergefallenen Steinen vernarbt und sie denkt oft zurück an einen Jungen ihres Alters, der in einer nahe gelegenen Mine starb, als diese einstürzte.

Da die Verwendung von Kindern in Mica-Minen in Indien illegal ist, arbeiten deren Betreiber im Verborgenen, und es gibt nur sehr wenige Sicherheitsvorschriften, wie z.B. verstärkte Wände oder Schutzausrüstung. Doch selbst, wenn die Kinder „Glück“ haben, dass sie nicht verschüttet werden, atmen sie ständig feine Mica-Partikel ein, die nach jahrelanger Arbeit unvermeidlich zu Atemwegserkrankungen wie Asthma oder Tuberkulose führen.3)1)

Letztendlich wird das von Pooja und ihren Kollegen ausgehobene Rohmaterial an einen Zwischenhändler weitergegeben, der es an einen Exporteur verkauft, der es dann wiederum an ein Großunternehmen, typischerweise in China, liefert. Dort wird es dann zu feinem, perlmuttartigem Farbpigmenten gemahlen und schließlich wiederum von internationalen Kosmetikfirmen gekauft.

Alle Beteiligten der Lieferkette profitieren finanziell davon, die Herkunft Micas durch diese komplizierte Lieferkette zu verschleiern. Diese nicht nachvollziehbare Lieferkette bietet einen Freifahrschein für die Ausbeutung von Kindern und Erwachsenen Arbeitern in den zahlreichen illegalen Mica-Minen. Nach Angaben des Kinderrechtsnetzwerks „Terre des Hommes“ wird der von Kindern in illegalen Minen gesammelte Mica oft mit der Lizenz einer legalen Mine an ausländische Unternehmen verkauft. Die Zwischenhändler lügen schlichtweg hinsichtlich der Herkunft des Mineralstoffes. „Der größte Teil des Glimmerabbaus findet in Jharkhand und Bihar statt, aber in diesen Staaten gibt es kaum legale Minen, so dass das Mica aus diesen Staaten, in die Staaten Andhra Pradesh und Rajasthan exportiert wird, welche Lizenzen für legale Minen besitzen“, erklärt Claire van Bekkum, Senior-Projektmanagerin bei „Terre des Hommes.“ Die Realität sieht so aus, dass die Lieferketten rund um Mica einfach nicht ausreichend entwickelt sind, um sicherzustellen, dass Kinder nicht arbeiten, geschweige denn dass die Sicherheit oder anständige Löhne der Erwachsenen- Arbeiter gewährleistet sind.4)1)

Von den Minen zurück in die Klassenzimmer

Der größte Traum vieler Mica-Kinderarbeiter ist es, endlich wieder zur Schule gehen zu können. | Bild: © akshayapatra [Pixabay License] – Pixabay

Nachdem die Öffentlichkeit vieler westlicher Länder im Jahre 2017 durch zahlreiche Medienberichte auf die Notlage der Mica-Kinderarbeiter in Indien aufmerksam geworden war, beschlossen einige Unternehmen, wie die britische Kosmetikfirma „Lush“, sich aus dem Subkontinent zurückzuziehen. Im Januar 2018 begann „Lush“ synthetisches Mica in einem Labor herzustellen, so dass das Mica aus Indien nicht mehr benötigt und somit Kinderarbeit nicht weiterhin mitfinanziert wird.

Doch Aysel Sebahoglu, eine ehemalige technische Beraterin von Terre des Homme, warnt: „Ein Rückzug wird keines ihrer [der Kinderarbeiter] Probleme lösen.“ Sie ist der Ansicht, dass Unternehmen, die zur aktuellen Situation beigetragen haben, eine Verantwortung dafür tragen, die Lieferkette zu reorganisieren und sich an Programmen zur sozialen Stärkung dieser Gemeinden zu beteiligen. „Es ist wichtig, im Land zu bleiben, um sicherzustellen, dass die Menschen, die Mica produzieren, einen anständigen Preis für die Rohstoffe erhalten, die sie abbauen. Nur dann wird der Kreislauf der Armut in diesen Ländern durchbrochen,“ so ihre Worte. „Mica ist ihre einzige Lebensgrundlage. Sie sind von ihm abhängig.“ Die Erwachsenen Mica- Schürfer in Jharkhand und Bihar stimmen dem zu. „Wir müssen uns um die Kinder kümmern und haben keine andere Wahl“, erklärt ein Mica-Arbeiter namens Kishar. „Wie können wir sie sonst ernähren?“ Stattdessen möchte er, dass die Zwischenhändler sicherere Bedingungen schaffen und mehr für die Rohstoffe zahlen, damit er seine Kinder zur Schule schicken kann, anstatt sie zur Arbeit in die Minen zu bringen. Auch Deepu, Poojas Vater, pflichtet dem bei. Das Leben seiner Familie könnte sich komplett ändern, wenn er Mica für 40 bis 50 Rupien pro Kilogramm verkaufen könnte, was ihm ungefähr 25 Euro pro Tag einbringen würde. „Ich könnte die Kinder zur Schule schicken, meinen Haushalt führen und mein Haus ein bisschen robuster bauen.“  Er bleibt allerdings skeptisch, ob dies jemals passieren wird.

Es existiert allerdings ein Hoffnungsschimmer, der genau diese Problematik aufgreift. Dieser entspringt einer Kampagne der Estée Lauder Kosmetikfirmen, die in Zusammenarbeit mit der Indischen NGO „Bachpan Bachao Andolan” Tausende Kinderarbeiter aus den Minen zurück in die Klassenzimmer gebracht haben. Durch die Kampagne werden auch ihre Eltern über die grundlegenden Rechte ihrer Kinder auf Bildung und Gesundheitsvorsorge aufgeklärt. Die Estée Lauder-Unternehmen helfen derzeit bei der Finanzierung von Programmen in 152 indischen Dörfern und betreiben zudem eine hochtransparente Mica-Lieferkette. Kinderarbeit existiert jedoch leider nach wie vor, da die Mehrheit der großen multinationalen Unternehmen, wie z.B. der deutsche Konzern Merck, weiterhin undurchsichtige Mica-Lieferketten betreiben und somit Kinderarbeit aus Profitgründen aktiv unterstützen.1)2)5)6)

Was kann man als Verbraucher unternehmen?

Nun bleibt die Frage, was man als Konsument tatsächlich unternehmen kann, um sicherzustellen, dass der eigene Kauf nicht dazu führt, dass man für die schreckliche Situation vieler Kinderarbeiter mitschuldig wird. Für Nagasayee Malathy, Geschäftsführerin der indischen Kinderrechtsorganisation „Kailash Satyarthi Children’s Foundation“, steht fest, dass „die Suche nach Informationen in der Verantwortung des Verbrauchers liegt“… „Als Verbraucher hat man das Recht zu wissen, dass das gekaufte Produkt keine Kinderarbeiter unterstützt.“ Man sollte des Weiteren die Marken, deren Produkte man kauft, auf ihren Social-Media-Plattformen anschreiben oder ihre Geschäftsstellen anrufen und nach Informationen über ihre Produkte nachfragen. Es ist unerlässlich, nicht aufzugeben, bis deutlich wird, woher der Mica kommt und was die großen Kosmetikfirmen konkret tun, um den Gemeinden zu helfen, die seit Jahrzehnten Mica für die Schönheitsindustrie abbauen.

Dies kann zu einer enormen Verbesserung der Lebensbedingungen von Tausenden von Familien und zum Ender der Kinderarbeit in Mica Minen führen. Poojas größter Traum ist es, endlich wieder zur Schule gehen zu dürfen. Sie erklärt: „Ich will nur eine Ausbildung. Nur wenn ich zur Schule gehe, kann ich später auch etwas erreichen.“ Es liegt auch in unserer Verantwortung, ihr diesen Traum zu erfüllen.1)

  1. Refinery29: The Makeup Industry’s Darkest Secret Is Hiding In Your Makeup Bag; Stand heute, 10.07.2020 [] [] [] [] []
  2. The Borgen Project: Blood Mica: How Glittery Makeup Supports Child Labor; Stand heute, 10.07.2020 [] []
  3. Flare: Here’s What’s *Really* Behind the Shimmer in Your Fave Makeup; Stand heute, 10.07.2020 []
  4. ZDF: Kinder schuften für Europas Schminke; Stand heute, 10.07.2020 []
  5. Marie Claire: Is Your Makeup the Result of Child Labor?; Stand heute, 10.07.2020 []
  6. The Responsible Consumer: Child Labor Cosmetics; Stand heute, 10.07.2020 []

Über Elias / earthlink

Student der Friedens-und Konfliktforschung, University of Kent (Canterbury, United Kingdom). Praktikant für 3 Monate mit Hauptinteresse an internationalen Beziehungen sowie der Konfliktmediation.
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