Kinderarbeit auf Tabakplantagen: Eine moderne Form der Sklaverei

Tabak Malawi

Arbeiter in Malawi bereiten Tabakblätter zum Trocknen vor. | Bild: © IFPRI -IMAGES [CC BY-NC-ND 2.0] - Flickr

Die Sonne ist noch nicht aufgegangen, es ist vier Uhr morgens. Doch für viele Arbeiter, die auf Malawis Tabakplantagen die Felder bewirtschaften, beginnt schon jetzt ein anstrengender Tag. Viele von ihnen sind Kinder. Ohne ein Frühstück eingenommen zu haben, bearbeiten sie für einige Stunden die Böden mit schweren Hacken. Anschließend geht es für manche von ihnen für wenige Stunden in die Schule. Die meisten jedoch, können es sich nicht leisten die Schule zu besuchen. Die Schulgebühren sind zu hoch, als dass ihre Familien dafür aufkommen könnten. Und ihre Arbeitskraft wird dringend auf den Feldern gebraucht. Nach Schulschluss bekommen sie ihr erstes und oft einziges Mahl des Tages – einen Teller Maisbrei. Dann geht es zurück auf die Tabakfelder, wo die Kinder bis zum Tagesende schwere körperliche Arbeit verrichten.1)

Ein solcher Tagesablauf ist der Alltag vieler Kinder weltweit, welche in der Tabakproduktion arbeiten. Während große Tabakkonzerne mit billigem Tabak, der durch Kinderarbeit und unter menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen hergestellt wurde, ein Milliarden Geschäft machen, zahlen Familien und Kinder, die auf den Tabakfeldern für Billiglöhne schuften, einen hohen Preis. Die Langzeitfolgen der schweren Arbeit sind gravierend: Nicht nur wird die Gesundheit der Kinder geschädigt, sondern auch ihre Entwicklung wird gehemmt. Es fehlt massiv an Bildung, sodass wenig Hoffnung auf ein besseres Leben in der Zukunft besteht.2)3)4)

Tabakproduktion ist gefährliche Kinderarbeit

Tabakfeld

Kinderarbeit ist in der Tabakproduktion weit verbreitet. |Bild: © Ikhlasul Amal [CC BY-NC 2.0] – Flickr

Tatsächlich findet der größte Anteil der weltweiten Kinderarbeit in der Landwirtschaft statt, nämlich 71 Prozent. Das betrifft ca. 108 Millionen Kinder weltweit, von denen die Mehrheit unbezahlt für ihre Familie mitarbeitet. Schätzungsweise 58 Prozent aller Kinder, die gefährliche Arbeit leisten, arbeiten in der Landwirtschaft. Besonders hart trifft es die Kinder auf den Tabakfeldern. Sie tragen eine doppelte Bürde. Denn zunächst sind sie Opfer von gefährlicher Kinderarbeit, da sie schwere körperliche Arbeit verrichten und mit Pestiziden in Kontakt kommen. Gleichzeitig sind sie an der Produktion eines schwer gesundheitsschädlichen Produktes beteiligt, was sich auch auf ihre eigene Gesundheit niederschlägt. Zwar gibt es keine genauen Zahlen, wie viele Kinder an der Tabakproduktion weltweit mitwirken, Nachforschungen verschiedener Organisationen haben jedoch Kinderarbeit auf unzähligen Tabakplantagen in Argentinien, Bangladesh, Brasilien, Indien, Indonesien, Kambodscha, Kenia, Kasachstan, Kirgistan, Libanon, Mexiko, Mosambik, Malawi, Nicaragua, Philippinen, Tanzania, Uganda, Vietnam, Zambia, Zimbabwe und sogar in den USA festgestellt.5)6)1)7)8)9)4)10)11)12)

Die Arbeit mit schweren und gefährlichen Gerätschaften auf den Feldern beim Pflanzen von Setzlingen, Unkrautjäten oder bei der Ernte stellt eine erhebliche Verletzungsgefahr dar. Die enorme körperliche Belastung kann Knochen verformen und Muskeln verletzen, insbesondere im Rückenbereich, was lebenslange Schädigungen verursachen kann.  Interviews, die Human Rights Watch und ein Rechercheteam der britischen  Zeitung The Guardian mit den betroffenen Kindern auf Tabakplantagen verschiedener Länder geführt haben, machen deutlich, dass viele Kinder auch selbst mit toxischen Pestiziden und Herbiziden, Düngemitteln und chemischen Wachstumsbeschleunigern arbeiten, oftmals ohne jegliche Schutzkleidung. Chemische Vergiftungen und Gesundheitsschäden sind mögliche Folgen. Ein weiteres unzumutbares Gesundheitsrisiko birgt die Tabakernte: die Berührung der Tabakblätter sowie das Einatmen des Pflanzendunstes. Durch die Haut kann das Nikotin bei bloßer Berührung der Blätter in den Körper der Kinder absorbiert werden und zu einer Form der Nikotinvergiftung führen, der sogenannten Green Tobacco Sickness (GTS). Diese führt zu schweren und akuten Symptomen wie Schwindel, Kopfschmerz, Übelkeit, Erbrechen, Dehydrierung, Appetitlosigkeit und Schlafstörungen. Insgesamt haben Kinder, die auf Tabakfeldern arbeiten ein hohes Risiko für chronische Erkrankungen und Gesundheitsfolgen, wie beispielsweise ein erhöhtes Krebsrisiko, Probleme mit der Fortpflanzungsgesundheit, Befindlichkeitsstörungen und dauerhafte neurologische Schäden. Dabei sind gerade Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren besonders schützenswert, da sich ihr Geist und Körper noch in der Entwicklung befinden. Giftige Substanzen können deshalb besonders großen Schaden anrichten und die Funktionen des Nervensystems sowie das Wachstum beeinträchtigen. Wie Interviews mit den arbeitenden Kindern und Familien ergeben haben, waren diese nicht über die Gesundheitsrisiken des Tabakanbaus aufgeklärt worden und hatten noch nie von der Green Tobacco Sickness gehört, obwohl sie auf Nachfrage die Symptome am eigenen Leib regelmäßig erlebt haben und erleben.13)4)12)14)10)1)7)15)16)

Dem Kreislauf der Armut entkommen die wenigsten

Malawi Tabakarbeiter Behausung

Viele Familien, die im Tabakanbau arbeiten, geraten immer tiefer in die Armut. |Bild: © International Labour Organization ILO [CC BY-NC-ND 2.0] – Flickr

Da Tabakfelder sehr mühsam zu bewirtschaften sind, benötigen viele Familien die Arbeitskraft ihrer Kinder. Ein Feld von 3 Morgen Fläche benötigt die Arbeitskraft von vier Erwachsenen. Oftmals leisten diese Arbeitskraft die beiden Elternteile mit ihren Kindern. Viele kleine Familien, die als Kleinbauern im Tabakanbau tätig sind, sind durch Knebelverträge mit Unternehmen und Landlords hohem Druck ausgesetzt. Da diese ihnen Kredite für Saatgut und Pestizide geben, erwarten sie dafür hohe Erträge. Die Preise für Tabak sind so niedrig, dass die Bauern meistens immer tiefer in die Verschuldung geraten. Diese ausbeuterischen Zustände führen dazu, dass viele Kinder aus solchen Familien entweder gar nicht oder nur selten die Schule besuchen können. Weder verdienen die Familien genug Geld um Schulgebühren zu bezahlen, Schuluniformen oder Schulbücher zu kaufen, noch können sie auf die Arbeitskraft der Kinder verzichten. Mit fehlendem Zugang zu Bildung wird der Kreislauf der Armut immer weiter fortgesetzt.1)7)16)10)

Tabakkonzerne tun zu wenig gegen Kinderarbeit in ihren Lieferketten

Obwohl viele große Tabakkonzerne auf Nachfrage von Human Rights Watch und The Guardian angegeben haben, Schritte zur Verhinderung von Kinderarbeit in ihrer Lieferkette eingeleitet zu haben, so scheinen sie viel zu wenig zu tun. Es fehlt nicht nur an effektiven Maßnahmen, sondern auch an Transparenz, wie Human Rights Watch kritisiert. Es erscheint ungerecht, dass Konzerne wie Altria, British American Tobacco, Phillip Morris, Imperial Tobacco Group oder viele weitere Unternehmen Milliardengewinne mit ihren Tabakprodukten erwirtschaften, während die Arbeiterfamilien auf den Plantagen für Hungerlöhne schuften und nicht nur ihre eigene, sondern auch die körperliche und geistige Gesundheit ihrer Kinder gefährden.1)7)15)17)4)

Auch Deutschland gehört zu den größten Zigaretten-Exporteuren der Welt mit einer jährlichen Exportmenge von ca. 120 Milliarden Zigaretten. Für die Herstellung dieser werden ungefähr 115.000 Tonnen Tabakblätter benötigt, welche unter anderem aus Ländern wie Brasilien, den USA, Malawi, Indien, Indonesien, Tansania, Zimbabwe, Mosambik und Bangladesch stammen, in denen Kinderarbeit auf Tabakplantagen zum Alltag gehört. Im Mai dieses Jahres haben deshalb das Deutsche Krebsforschungszentrum, das Deutsche Kinderhilfswerk, Unfairtobacco und 16 weitere Organisationen zum Anlass des Weltnichtrauchertags einen Alternativbericht beim UN-Ausschuss für Kinderrechte eingereicht. In diesem wird vor allem die ausbeuterische Kinderarbeit, der mangelnde Schutz der Kinderarbeiter und die völkerrechtliche Verantwortung Deutschlands zum Schutz der Kinder thematisiert.16)18)12)

Ein Lichtblick zeichnet sich in Brasilien ab: Zwar ist noch immer Kinderarbeit zu finden, doch es gab einen erheblichen Fortschritt. 2008 hatte die Regierung jegliche Beschäftigung von Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren in der Tabakherstellung gesetzlich verboten und hohe Strafen für Verstöße in Aussicht gestellt. Diese Strafen können sowohl die Landwirte als auch die großen Firmen treffen, welche mit Kinderarbeit produzierten Tabak kaufen. Zwar fehlen der Regierung die Mittel, um regelmäßige Kontrollen auch in der Praxis durchzuführen, doch es ist ein Schritt in die richtige Richtung. Zudem wurden Tabakbauern über die Gefahren von Nikotin und die Gesundheitsrisken aufgrund von Pestiziden aufgeklärt. In vielen anderen tabakproduzierenden Ländern mit lockeren Gesetzeslagen bleibt dies weiterhin ein Manko.15)

Verbrauchern sollte klar sein, dass sie mit jeglichem Tabakkonsum, ob durch Zigaretten oder Zigarren, nicht nur ihrer eigenen Gesundheit, sondern häufig auch der Gesundheit anderer massiv schaden. Im Gegensatz zu ihnen, haben die Kinder auf den Tabakplantagen keine Wahl. Sie sind gezwungen ihre Gesundheit für die Luxusgüter anderer zu riskieren.

  1. The Guardian: The children labouring in Malawi’s fields for British American Tobacco; Artikel vom 31.10.2019 [] [] [] [] []
  2. Food and Agriculture Organisation of the United Nations (FAO): Social protection and child labour; Eliminating child labour in agriculture with social protection; zuletzt aufgerufen am 20.07.2020 []
  3. Food and Agriculture Organisation of the United Nations (FAO): Child Labor in Agriculture; zuletzt aufgerufen am 20.07.2020 []
  4. Health and Human Rights Journal: Child Labor in Global Tobacco Production; A Human Rights Approach to an Enduring Dilemma; Artikel vom 07.08.2018 [] [] [] []
  5. Food and Agriculture Organisation of the United Nations (FAO): FAO FRAMEWORK ON ENDING CHILD LABOUR IN AGRICULTURE; Stand 2020; zuletzt aufgerufen am 20.07.2020 []
  6. International Labor Organisation (ILO): Child labour in agriculture; zuletzt aufgerufen am 20.07.2020 []
  7. The Guardian: Child labour rampant in tobacco industry; Artikel vom 25.06.2018 [] [] [] []
  8. US Department of Labor (DOL): 2018 List of Goods produced by Child Labor or Forced Labor; zuletzt aufgerufen am 20.07.2020 []
  9. The Guardian: How we can fight child labour in the tobacco industry; Artikl vom 17.06.2018 []
  10. Human Rights Watch: A Bitter Harvest; Child Labor and Human Rights Abuses on Tobacco Farms in Zimbabwe; Bericht vom 05.04.2018 [] [] []
  11. Eliminating Child Labor in Tobacco Growing Foundation: Our projects, our impact; zuletzt aufgerufen am 20.07.2020 []
  12. Unfairtobacco: Children’s Rights and Tobacco control in Germany; Report to the United Nations 2020; zuletzt aufgerufen am 20.07.2020 [] [] []
  13. International Labour Office (ILO): HANDBOOKON HAZARDOUS CHILD LABOUR; zuletzt aufgerufen am 20.07.2020 []
  14. International Labour Organisation (ILO): CHILD LABOUR AND THE YOUTH DECENT WORK DEFICIT IN TANZANIA; zuletzt aufgerufen am 20.07.2020 []
  15. The Guardian: How we can fight child labour in the tobacco industry; Artikel vom 27.06.2018 [] [] []
  16. Deutschlandfunk: Warum es kein Fair-Trade-Siegel für Zigaretten gibt; Artikel vom 05.02.2019 [] [] []
  17. Human Rights Watch: A Bitter Harvest; Child Labor and Human Rights Abuses on Tobacco Farms in Zimbabwe; Bericht vom 05.04.2018 []
  18. Unfairtobacco: Bündnis fordert: Kinderrechte umsetzen, Tabakkontrolle stärken; Pressemitteilung vom 20.07.2020 []

Über Celina / earthlink

Hi, mein Name ist Celina, ich bin 21 Jahre alt und mache für drei Monate ein Praktikum bei earthlink. Ansonsten studiere ich Politikwissenschaft mit Nebenfach Rechtswissenschaft an der LMU München. Dabei beschäftige ich mich vor allem mit Internationalen Beziehungen, dem Europarecht und dem Völkerrecht.
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