Für unsere Schokolade werden Kinder in Westafrika entführt

Verschleppung von Kindern Kakao Elfenbeinküste

Kinder in Westafrika werden zur Arbeit auf Kakaoplantagen verschleppt - um unseren Hunger nach Schokolade zu stillen. | Bild: © jbdodane [CC BY-NC 2.0] - flickr

In den USA befasst sich nun der Oberste Gerichtshof mit einem Fall, in dem schon seit fünfzehn Jahren gestritten wird: Ehemalige Kinderarbeiter, die damals aus Mali in die Elfenbeinküste zur Arbeit auf Kakaoplantagen verschleppt worden sind, klagen gegen Nestlé und den amerikanischen Futterkonzern Cargill wegen Kindersklaverei. Die beiden Giganten sollen, so der Vorwurf der Kläger, als Abnehmer von Kakaobohnen die Sklaverei von Kindern auf Plantagen in der Elfenbeinküste wie in ihrem Fall begünstigt haben. Zwar werden diese Plantagen nicht von den beiden Konzernen besessen oder betrieben. Diese übten, so die Kläger, jedoch eine starke Kontrolle über den Kakaomarkt in dem westafrikanischen Land aus, da sie so viel Kakao kaufen. Nestle und Cargill sollen entsprechende Plantagen mit Ressourcen versorgt haben, um Kakaobohnen kostengünstig zu erwerben. Der Supreme Court wird nun auf Veranlassung der Konzerne ab Oktober klären, ob die Klage gegen sie rechtlich überhaupt zulässig ist.1) 2) 3)  

Unabhängig davon, wie die Entscheidung in dieser Angelegenheit ausfallen wird, lässt sich das dahinter stehende Problem nicht leugnen: Sklavenarbeit von Kindern, die in westafrikanische Nachbarländer zur Arbeit auf Kakaoplantagen verschleppt werden, damit die beliebte Schokoladenzutat auf dem Markt möglichst billig bleibt. Dass unzählige Kinder allein in westafrikanischen Ländern ausbeuterische Arbeit auf den Plantagen verrichten, dürfte mittlerweile jedem bekannt sein. Die Tatsache, wie skrupellos viele dieser Kinder Opfer von Menschenhandel werden, ist jedoch weniger Leuten bekannt.

Mehr als 70 Prozent des weltweiten Kakaos kommt aus westafrikanischen Ländern, allen voran aus Ghana und der Elfenbeinküste. Der Kakao aus den Ländern wird an eine Mehrheit der Schokoladenunternehmen, unter anderem an die größten der Welt, verkauft. Rund 10.000 Kinder sind in Westafrika von Zwangsarbeit, Kinderhandel und –sklaverei im Kakaoanbau betroffen. Viele von ihnen werden aus den Nachbarländern Mali und Burkina Faso in die Elfenbeinküste zur Arbeit auf den Plantagen entführt oder von ihren Eltern für die Arbeit verkauft. Die Kinder sehen ihre Familien dann möglicherwiese jahrelang nicht mehr, wenn sie sie überhaupt wiedersehen. Generell ist der Kinderhandel im ivorischen Kakaogeschäft verbreitet: Sie werden entführt und wie Sklaven zur Ausbeutung verkauft. Oftmals wissen die Eltern nicht einmal, wo sich ihr Kind befindet. Die Verwandten, die die Kinder an Menschenhändler oder Farmbesitzer verkaufen, sind sich der schlimmen Konsequenzen für die Kinder oft nicht bewusst.4) 5) 6) 7) 8)

Problem ist seit Jahren bekannt

Bereits 2010 deckte der dänische Journalist Miki Mistrati in seinem Dokumentarfilm „Schmutzige Schokolade“ auf, wie Kinder aus Mali und Burkina Faso von skrupellosen Menschenhändlern zur Arbeit auf Kakaoplantagen in die Elfenbeinküste verschleppt werden. Von den betroffenen Plantagen bezogen große Firmen wie Nestlé, Cargill oder Mars ihren Kakao. Diese stellten daraufhin Besserung in Aussicht, beispielsweise durch den Bau von Schulen und Krankenhäusern oder eine faire Bezahlung der Bauern. Drei Jahre später recherchierte Mistrati mit einem Kollegen erneut, um herauszufinden, was aus den Versprechen der Industrie geworden ist. Es zeigte sich auch dieses Mal, dass sowohl in Ghana als auch in der Elfenbeinküste Kinder aus den Nachbarstaaten auf den Plantagen arbeiteten, die offensichtlich dorthin entführt wurden. Generell ist die Industrie ihren Versprechungen hinterher geblieben. In einem Interview von 2018 bestätigt Mistrati, dass sich die Situation immer noch kaum verbessert hat. Einige Jahre nach Mistratis Dokumentationen zeugt ein aktuellerer Film ebenfalls von Kinderarbeit und -handel in Burkina Faso und der Elfenbeinküste. Die Schokoladenindustrie scheitert seit vielen Jahren an der Bekämpfung von gefährlicher Kinderarbeit.9) 10) 11) 12) 13) 14) 15) 16)        

All dies ist skandalös, betrachtet man die Situation der Kinder, die auf den Kakaoplantagen arbeiten: Sie arbeiten mit Macheten, was gegen internationale Arbeitsgesetze und eine UN-Konvention zur Beseitigung der schlimmsten Formen der Kinderarbeit verstößt und den Kindern häufig schwere Verletzungen zufügt. Manche fällen Bäume mit Kettensägen. Sie tragen viel zu schwere Säcke und werden geschlagen, wenn es nicht schnell genug geht. Viele von ihnen leiden von klein auf unter Rückenschäden. Die Verwendung von hochgiftigen Pestiziden ohne Atemschutz verursacht bei den Kindern Ekzeme im Gesicht, tränende Augen und Ausschläge am ganzen Körper. Die Lebensumstände der Kinder sind teilweise katastrophal, beispielsweise durch fehlenden Zugang zu sauberem Wasser und sanitären Badezimmern. Auch sind Fälle bekannt, in denen Kinder nachts eingesperrt werden, damit sie nicht fliehen. Zum Teil werden sie nicht bezahlt, sondern bekommen gerade einmal so viel zu essen, dass sie nicht verhungern. Viele Kinder besuchen nicht die Schule, wodurch ihnen eine Bildung und damit eine bessere Zukunft verwehrt bleibt.4) 10) 12) 15) 17)

Bewusst Einkaufen

Es bleibt abzuwarten, wie die Angelegenheit im eingangs beschriebenen Fall mit Nestlé und Cargill ausgeht. Fakt ist: Die Schokoladenindustrie muss endlich ihrer Verantwortung gerecht werden und die Situation in den Ländern, aus denen sie ihren Kakao beziehen, verbessern. Auch wir als Konsumentinnen und Konsumenten von möglichst billiger Schokolade sind jedoch in der Verantwortung. Jede und jeder kann beim Einkauf darauf achten, welche Schokolade er oder sie kauft und welche Firmen und Handelsbeziehungen man somit unterstützt. Hier gibt es verschiedene Siegel und Zertifizierungen zum fairen Handel, auf die man achten sollte: Das Fairtrade-Siegel beispielsweise verbietet ausbeuterische Arbeit von Kindern. Mit strengen Standards untersagt auch GEPA Kinderarbeit. Zu nennen ist zudem das Hand-in-Hand Siegel von Rapunzel. Daneben gibt es ebenso die Siegel UTZ und Rainforest Alliance, die jedoch häufiger in der Kritik stehen und deutlich niedrigere Anforderungen haben. Bei letzterem beispielsweise erhalten die Kakaobauern, anders als bei Fairtrade, keinen garantierten Mindestpreis. Und eine Ursache für Kinderarbeit ist bekanntlich Armut, die bei Kakaobauern auch durch schwankende und zu niedrige Preise für Kakao entsteht. In vielen Bio- und Weltläden findet man gute, fair gehandelte Schokolade. Natürlich schließt der Kauf von Schokolade mit entsprechenden Siegeln Kinderarbeit nicht komplett aus, aber dennoch hilft es, langfristig Veränderungen zu bewirken. Es muss vonseiten der Verbraucherinnen und Verbraucher gezeigt werden, dass Wert auf faire Handelsbeziehungen und Veränderung gelegt wird.18) 19) 9) 20) 6) 21) 4)     

 

 

  1. Schweizer Bauer: USA: Sklaven auf Kakao-Plantagen – Nestlé wehrt sich; Stand 06.07.2020 []
  2. Wirtschaft regional: Klage gegen Nestlé landet vor Supreme Court; Stand 03.07.2020 []
  3. Salina Post: Court could end claims Cargill, Nestle abetted child labor; Stand 05.07.2020 []
  4. Food Empowerment Project: Child Labor and Slavery in the Chocolate Industry; Stand 15.07.2020 [] [] []
  5. Make Chocolate Fair: Kinderarbeit im Kakaoanbau; Stand 15.07.2020 []
  6. Make Chocolate Fair: Infoblatt 5: Kinderarbeit –Die bittere Seite der Schokolade; Stand Juni 2019; Zum Download verfügbar über hinterlegten Link [] []
  7. Der Tagesspiegel: Elfenbeinküste: Schokolade ist unfair; Stand 18.12.2015 []
  8. Junglefruits.de: Thema Kinderarbeit.: Kakao und Kinderarbeit.; Stand 15.07.2020 []
  9. FAZ: Die dunkle Seite der Schokolade; Stand 02.12.2016 [] []
  10. Welt: ARD-Dokumentation: Das schmutzige Geschäft mit der Schokolade; Stand 17.12.2012 [] []
  11. Infosperber: Für Nestlé arbeiten weiterhin verschleppte Kinder; Stand 18.12.2012 []
  12. Amnesty International: Kinderschokolade; Stand 28.11.2013 [] []
  13. Aargauer Zeitung: Interview: Kinderarbeit im Kakao-Anbau: «Es hat sich nichts geändert»; Stand 28.03.2018 []
  14. Tagblatt: Dok-Film über Kinderarbeit auf Kakaofarmen bringt Rohstoff-Riesen in Erklärungsnot; Stand 23.01.2019 []
  15. Spiegel: Kakaoanbau in Westafrika: Die Schokoladenindustrie ist bei der Bekämpfung von Kinderarbeit gescheitert; Stand 04.05.2020 [] []
  16. Chocolate Manufacturers Association: Protocol for the growing ans processing of cocoa beans and their derivative products; Stand 01.12.2001 []
  17. Initiative Lieferkettengesetz: Wir brauchen ein Lieferkettengesetz, denn: Schokoladenhersteller weltweit profitieren schamlos von Kinderarbeit.; Stand 15.07.2020 []
  18. Utopia: Fairtrade-Schokolade: die wichtigsten Siegel; Stand 18.12.2017 []
  19. Monda Magazin: Fairtrade-Schokolade: Welche Siegel sind wichtig?; Stand 08.01.2019 []
  20. Utopia: Fairtrade Cocoa: Siegel für fairen Kakao; Stand 24.10.2019 []
  21. Make Chocolate Fair: Kakaopreise und Einkommen für Kakaobauern; Stand 15.07.2020 []

Über Clemens / earthlink

Hi, mein Name ist Clemens, ich bin 19 Jahre alt und mache für mehrere Monate ein Praktikum bei earthlink. Ich interessiere mich sehr für globale und entwicklungspolitische Themen allgemein, und insbesondere für den Kontinent Afrika, den Nahen Osten und den Arabischen Raum. Ich bin gespannt, mehr über diese Themen zu erfahren und darüber zu berichten.
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