Klimawandel, Kriege und COVID-19 fördern die Verheiratung von Kindern

Schwangerschaft und Geburt sind für junge Mädchen lebensgefährlich | Bild: © DFID - UK Department for International Development [CC BY 2.0] - flickr

Wer sein Kind vor dem 18. Geburtstag verheiratet, verstößt gegen die Kinderrechte. Nichtsdestotrotz ist die Kinderehe eine weitverbreitete Praxis in der ganzen Welt. Vor allem Mädchen sind betroffen, im Schnitt sechs Mal so häufig wie Jungen. Zwar gehen die Zahlen zurück, doch noch immer werden jedes Jahr circa 12 Millionen Mädchen zur Heirat gezwungen.1)2)

Die Ehe bedeutet für sie das abrupte Ende ihrer Kindheit. Viele haben da noch nicht einmal die Pubertät erreicht. Meist ist es auch vorbei mit der Schule. Als Ehefrau, und bald auch Mutter, bleibt nicht viel Zeit für den Unterricht – sofern der Ehemann das überhaupt finanzieren kann und will. Eine Schwangerschaft ist in dem Alter lebensgefährlich. Und wenn die Mädchen die Geburt überleben, haben sie trotzdem ein riesiges Problem: Sie müssen nun Mutter sein, obwohl sie eigentlich selbst noch Kinder sind. Außerdem werden Kinderbräute häufig Opfer von sexueller und physischer Gewalt durch ihren Mann.1)3)

Meist sind es die eigenen Eltern, die solch eine Hochzeit in die Wege leiten. Denn Kinderehen gelten in vielen Gegenden der Welt als völlig normal. Grund dafür sind häufig patriarchale Strukturen, noch öfter ist es aber die blanke Not. Je ärmer eine Familie ist, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie ihre Töchter früh verheiratet. So hat man ein hungriges Maul weniger im Haus und kriegt nicht selten sogar noch Geld von der Familie des Bräutigams.4)

Hilfsorganisationen und die UN haben in den letzten Jahren große Erfolge im Kampf gegen Kinderheiraten erzielt. Seit dem Jahr 2000 konnte die weltweite Zahl um 25 Prozent reduziert werden. Doch all die Aufklärungsarbeit und Hilfe ist umsonst, wenn sich die ökonomische Situation einer Familie auf einmal rapide verschlechtert. Dann sehen viele Familien oft keine andere Wahl, als ihre Töchter zu verheiraten.5)

Genau aus diesem Grund bedeutet der Ausbruch eines Krieges fast immer auch einen Anstieg der Kinderehen. Die Wirtschaft rutscht in den Keller und viele Familien verlieren ihr Dach über dem Kopf. Vor allem in Flüchtlingslagern ist die Zahl der Heiraten von Minderjährigen hoch.5)6)

Das Bürgerkriegsland Jemen erlebt das gerade besonders stark. Schon vor dem Konflikt war die Zahl der minderjährig verheirateten Mädchen dort hoch. In dem Land an der Südspitze der Arabischen Halbinsel begünstigen nicht nur Armut und Tradition diese Praxis, es gibt auch kein gesetzliches Mindestalter für eine Heirat. Der Ausbruch des Krieges 2015 hat dann alles noch weiter verschlimmert. 24 Millionen der 30 Millionen Einwohner sind auf humanitäre Hilfe angewiesen. Fast vier Millionen sind auf der Flucht. Das hat die Zahl der Kinderehen noch weiter in die Höhe schnellen lassen. NGOs mussten ihre Programme größtenteils einstellen und staatliche Institutionen sind komplett außer Kraft gesetzt. Es ist ein humanitäres Desaster, das auch weit über das – hoffentlich baldige – Ende des Krieges hinaus Folgen haben wird.7)5)8)

Ähnliche Auswirkungen können auch Krisen haben, die nicht direkt etwas mit Krieg und Gewalt zu tun haben. Aktuellstes Beispiel ist die Coronakrise. Millionen Familien weltweit sind in ihrer Existenzgrundlage bedroht. Damit wächst wiederum die Gefahr für ihre Töchter. Bis zu vier Millionen Mädchen mehr als üblich könnten in den nächsten zwei Jahren zwangsverheiratet werden – wegen COVID-19. Das schätzt die Hilfsorganisation World Vision. Es wäre ein gewaltiger Rückschlag im Kampf gegen die Kinderehe.9)

Eine weitere Krise, die die Zukunft von Millionen jungen Mädchen bedroht, ist der Klimawandel. Auf der ganzen Welt nehmen Wasserknappheit, Desertifikation, Artensterben und Umweltkatastrophen zu. Bauern und Fischer, die bisher gut über die Runden kamen, können ihre Familien auf einmal nicht mehr ernähren. Erneut scheint für Viele die Verheiratung der Töchter eine Lösung zu sein. Vor allem in Afrika lässt sich dieses Phänomen beobachten. In Ländern wie Äthiopien und dem Südsudan wurde nach Dürren ein Anstieg der Verheiratung junger Mädchen verzeichnet. Und der Klimawandel hat ja gerade erst begonnen. Das UN-Kinderhilfswerk UNICEF befürchtet, dass sich die Zahl der Kinderehen in Afrika, wenn sich nichts ändert, bis 2050 verdoppeln wird.10)11)12)

Es ist ein Teufelskreis. Die Hochzeit bietet den Kinderbräuten keinen Weg aus der Armut. Die eigenen Kinder laufen so Gefahr, das gleiche Schicksal zu erleben. Mit Aufklärung und Bildung lässt sich das Ganze jedoch stoppen. Denn auf diese Weise wird den Kindern eine Zukunft ermöglicht – und gleichzeitig das enorme Bevölkerungswachstum gebremst. Doch auch wir in den weit entfernten Industrieländern tragen Verantwortung. Denn der menschengemachte Klimawandel, Kriege und unfairer Handel sorgen dafür, dass viele Eltern sich weiterhin gezwungen sehen, ihre Töchter zu verheiraten. Sogar wenn sie das eigentlich gar nicht wollen.

  1. UNICEF: Child marriage: Child marriage threatens the lives, well-being and futures of girls around the world; Stand 06/2020 [] []
  2. UNICEF: Child marriage around the world: Infographic; Stand 06/2020 []
  3. Girls Not Brides: What is the Impact of Child Marriage?; Stand 06/2020 []
  4. Girls Not Brides: Why does it Happen?; Stand 06/2020 []
  5. Safe the Children: Child Marriage: The Devastating End of Childhood; Stand 06/2020 [] [] []
  6. Girls not Brides: More than a white dress: In the midst of the Syrian crisis, girls rise to end child marriage; Stand 06/2020 []
  7. DW: Kinderehe: Mädchen im Jemen, zwangsweise verheiratet; Artikel vom 10.05.2020 []
  8. Auswärtiges Amt: Humanitäre Hilfe in Jemen; Artikel vom 15.08.2019 []
  9. World Vision: Corona: Gewalt an Kindern nimmt zu: Zuhause ist kein sicherer Ort; Artikel vom 12.06.2020 []
  10. IUCN: Gender-based violence and environment linkages: The violence of inequality; Bericht aus 2020 []
  11. DW: Wissen & Umwelt: Klimawandel und Umweltzerstörung fördern Gewalt gegen Frauen; Artikel vom 21.02.2020 []
  12. Brides Of The Sun: How climate change is turning a generation of young girls into child brides; Stand 06/2020 []

Über Marius / earthlink

Ich bin Marius, 19 Jahre und mache jetzt nach dem Abitur einen Bundesfreiwilligendienst bei earthlink. Ich freue mich darauf, über globale Zusammenhänge, Weltpolitik und die Auswirkungen unseres Handelns berichten zu dürfen. Besonders interessiere ich mich für den Nahen Osten.
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