2,26 Millionen Kinderarbeiter: Schokoladenindustrie ist im Kampf gegen Ausbeutung gescheitert

Sie schmeckt so süß und ist doch so bitter. Schokolade ist nicht für alle ein Genuss. | Bild: © n.v. - Pixabay

Es ist ein besonders ungerechtes Paradoxon: Schokolade, die Kinder hierzulande zu sämtlichen Anlässen geschenkt bekommen, beruht auf der Ausbeutung von anderen Kindern. In Ghana und der Elfenbeinküste schuften 2,26 Millionen Minderjährige für die süßen Produkte der großen Schokoladenkonzerne Modelez, Barry Callebaut, Mars, Godiva und Co. Obwohl sich die Marktführer bereits 2001 im Harkin-Engel-Protokoll dazu verpflichtet haben, wenigstens die gefährlichsten Formen der Kinderarbeit in den Hauptanbauländern für Kakao um 70 Prozent zu reduzieren, zeigt eine aktuelle Studie der Universität von Chicago: Die Konzerne haben nicht nur ihr Ziel verfehlt – die Entwicklung geht sogar in die andere Richtung.

Zwischen den Jahren 2008/09 und 2018/19 stieg der Anteil der Kinder, die in der Kakaoproduktion gefährliche Arbeit verrichten, von 30 auf 41 Prozent. Zu „gefährlicher“ Kinderarbeit zählt übermäßige Arbeitsbelastung und die Ausübung von Tätigkeiten, wie das Hantieren mit scharfen Werkzeugen, das Tragen schwerer Lasten, Landräumungsarbeiten und die Exposition gegenüber Agrochemikalien. Der Anteil der minderjährigen Arbeiter, die Chemikalien ausgesetzt sind, hat sich in den vergangenen zehn Jahren fast verfünffacht. Die Studie sieht einen Zusammenhang zwischen diesem starken Anstieg und den Nachhaltigkeitsprogrammen der Unternehmen, denn sie setzen unter anderem durch den verstärkten Einsatz von Dünger und Pflanzenschutz darauf höhere Erträge zu erzielen.

Die großen Kakao- und Schokoladenunternehmen haben in den vergangenen Jahren rund 215 Millionen Dollar in die Bekämpfung von Kinderarbeit investiert. Hilfsprogramme, die zumindest teilweise erfolgreich sind, erreichen jedoch höchstens 15 Prozent der Kakaobauern und sind viel zu klein, um flächendeckend zu wirken. Konzerne haben in der Vergangenheit gelernt, dass es oftmals ausreicht, nach außen hin ein vermeintlich gutes Konzept gegen Ausbeutung und Kinderarbeit zu präsentieren und die tatsächliche Umsetzung schleifen zu lassen oder nicht ausreichend zu kontrollieren. Die Studie zeigt nämlich auch, dass gefährliche Kinderarbeit in den Regionen, in denen die Regierungen, Unternehmen und Hilfsorganisationen genau hinschauen, eingedämmt werden kann. Diese zusätzliche Kontrolle wäre einfach umzusetzen, ist den meisten Konzernen aber wohl schlicht zu teuer.

Armut ist und bleibt die Hauptursache ausbeuterischer Kinderarbeit. Um das wahre Problem und nicht nur die Symptome zu bekämpfen, müssten die Unternehmen vor allem existenzsichernde Kakaopreise an ihre Arbeiter zahlen. Das Einkommen einer durchschnittlichen Kakaobauernfamilie müsste sich verdoppeln, um den Lebensunterhalt zu decken, in der Elfenbeinküste sogar fast verdreifachen. Auch die Diskussion um ein Lieferkettengesetz taucht in diesem Zusammenhang immer wieder auf. Den Lobbyisten der Wirtschaft gelingt es hierzulande bisher hervorragend sich dagegen einzusetzen. Eine gesetzliche Regelung wäre jedoch die einfachste Lösung Unternehmen zur Verantwortung zu ziehen. Für Großproduzenten in anderen Ländern wie Brasilien oder Indonesien gibt es nicht einmal einen Aktionsplan der Industrie gegen Kinderarbeit auf Kakaoplantagen. Umfangreiche internationale Regelungen sind längst überfällig.1)2)

Auch Verbraucher sollten sich in der Pflicht sehen den Markt mit ihrem Konsumverhalten nach Möglichkeit zu beeinflussen. Um jedem Deutschen einen durchschnittlichen Schokoladenkonsum von 11,5 Kilogramm im Jahr zu ermöglichen – das ist der europäische Spitzenwert – verarbeitet die Schokoladenindustrie 400.000 Tonnen Kakaobohnen. Der größte Teil davon ist unter ausbeuterischen oder ungerechten Bedingungen gewonnen. Wer auf der Suche nach gut vertretbaren Süßigkeiten ist, kann sich an folgenden Siegeln orientieren: Fairtrade, UTZ oder Rainforest Alliance.3)4)5)

  1. Spiegel: Kakaoanbau in Westafrika: Die Schokoladenindustrie ist bei der Bekämpfung von Kinderarbeit gescheitert; Artikel vom 04.05.2020 []
  2. Zeit: Lieferkettengesetz: “Für die Wirtschaft derart schädlich”; Artikel vom 11.12.2019 []
  3. Handelszeitung: In diesen Ländern ist die Lust auf Schokolade am grössten; Artikel vom 15.03.2016 []
  4. Fairtrade-Deutschland: Fairtrade Kakao: So funktioniert der faire Handel mit Kakao; Zuletzt aufgerufen am 29.05.2020 []
  5. Utopia: Fairtrade-Schokolade: die wichtigsten Siegel; Artikel vom 18.12.2017 []

Über Lina / earthlink

Hi, ich bin Lina, 19 Jahre alt und für ein Jahr bei EarthLink. Ich freue mich auf den Umgang mit aktuellen Themen und möchte über entwicklungspolitische Zusammenhänge informieren.
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