Kinderarbeit auf Kakaoplantagen: Seit fast 20 Jahren sperren sich große Konzerne gegen Verbesserungen

Ein Kind bei der Verarbeitung von Kakaobohnen | Bild: © Electrolito [CC BY-SA 3.0] - Wikimedia Commons

Nach wie vor arbeiten in Westafrika fast zwei Millionen Kinder auf Kakaoplantagen. Sie sind damit ein integraler Bestandteil im Produktionsprozess für Schokoladenprodukte. Die Frist von 2020, die sich die größten Hersteller wie Mars, Nestlé und Hershey gesetzt haben, läuft bereits nächstes Jahr ab: Wiedermal hatten die großen Player versprochen, bis nächstes Jahr bedeutend weniger von Erzeugnissen aus Kinderarbeit abhängig zu sein. Die neuesten Bekundungen der Industrie zeigen jedoch, dass man nicht weiter von diesem Ziel entfernt sein könnte. Nach wie vor können die großen Unternehmen in vielen Fällen nicht ausschließen, Produkte aus Kinderarbeit zu verkaufen. Die Frist von 2020 wird wohl verstreichen, ohne nennenswerte Verbesserungen erreicht zu haben. Genau wie die Fristen vor ihr.1)2)

Dabei besteht dringender Handlungsbedarf. Denn die Situation auf den Plantagen in Ghana und der Elfenbeinküste, beide Länder machen zusammen etwa 70 Prozent der globalen Kakaoproduktion aus, ist ernst. Jeder weitere Tag ohne ernstgemeinte und zielführende Maßnahmen bedeutet einen weiteren Tag des Leids: Kinder, häufig nicht älter als fünf und meist aus ärmsten ländlichen Verhältnissen, müssen harte und äußerst gefährliche, körperliche Arbeiten verrichten: Mit Macheten bewaffnet, klettern sie auf Kakaobäume und ernten die Schoten mit den wertvollen Bohnen, die sie später aus eigener Kraft in bis zu 40 Kilo schweren Säcken abtransportieren müssen. Zusätzlich kommen sie mit den giftigen Chemikalien in Kontakt, die beim Anbau auf den Plantagen benutzt werden. Wirkliche Schulbildung erhalten nur die allerwenigsten, ernährt werden sie einseitig und vor allem billig. Mindestens 16.000 Kinder werden zu dieser Arbeit gezwungen, also förmlich versklavt. Nicht selten sind es Kinder, die aus den noch ärmeren Nachbarländern Mali und Burkina Faso geflohen sind oder gar entführt wurden, und manchmal für immer von ihrer Familie getrennt bleiben. Andere Familien geben ihre Kinder aus purer Armut freiwillig an die ausbeuterischen Plantagenbesitzer, auch weil sie oft nicht wissen, was dort genau passiert.3)4)

Dabei ist das Wissen über derartige Missstände nicht neu. Bereits 2001 machten Schilderungen über die Ausbeutung von Kindern auf westafrikanischen Kakaoplantagen weltweit Schlagzeilen. Der Aufschrei war groß und vor allem die Politik übte erstmals Druck auf die Industrie aus. Die Unternehmen lenkten ein, konnten sich aber erfolgreich gegen jede Form von bindenden Vorgaben wehren, die sie auch rechtlich haftbar hätten machen können. Offensichtlich ging es mehr um die Aufbesserung des erlittenen Imageschadens, als um die Missstände selbst. Das in diesem Zusammenhang beschlossene „Harkin-Engel-Abkommen“ war schließlich ein halbherziger Kompromiss, in dem sich die Industrie freiwillig dazu verpflichtete, Maßnahmen gegen die Kinderarbeit einzuleiten und etwa ein Überwachungssystem und klare Zertifizierungen einzuführen. Die selbstgesetzte Deadline von 2005 konnte nach außen hin vielleicht als ambitioniertes Bekenntnis zur tatsächlichen Verbesserung verkauft werden, war aber, wie später auch beteiligte Experten einräumten, von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Die Ziele wurden also 2005 zum ersten Mal und 2008 sowie 2010 zwei weitere Male in die Zukunft verschoben. Die Ambitionen für 2020 sind mittlerweile schon bescheidener, lediglich um 70 Prozent soll die Kinderarbeit reduziert werden. Aber auch das wird wohl scheitern. Denn insgesamt ist der betriebene Aufwand schlicht zu gering. In 18 Jahren hat eine Industrie, die pro Jahr etwa 103 Milliarden US-Dollar Umsatz macht, gerademal 150 Millionen Dollar für den Kampf gegen die Kinderarbeit, von der sie profitieren, ausgegeben. Überwiegend ist das hauptsächlich in die Beratung der Bauern oder den Bau von Schulen geflossen. Eine schöne Idee, wenn denn Schüler da wären, die neben der Plantagenarbeit noch genug Zeit hätten, sie zu besuchen. Die Wahrheit ist: Für die großen Konzerne war der freiwillig auferlegte Kampf gegen die Kinderarbeit immer nur ein Mittel, um Kritikern und der eigenen Kundenschaft Engagement beweisen zu können. Wirklich ernst gemeint war er nie, sonst wäre ein relativ logischer Schritt wohl schon lange ergriffen worden.5)2)

Denn man müsste die Bauern schlichtweg anständig bezahlen. Forscher der Universität von Arkansas haben jetzt herausgefunden, dass bereits ein Preisanstieg von 2,8 Prozent auf Kakaopulver es den Plantagenbesitzern ermöglichen würde, ohne finanzielle Einbußen auf die schlimmsten Formen der Kinderarbeit zu verzichten. Das heißt ohne die Schwerstarbeit in den Bäumen und in einem zeitlichen Rahmen, der den Besuch einer Schule möglich macht. Ein Anstieg von 56 Prozent würde reichen, um komplett ohne den Einsatz von Kindern auszukommen. Für die Industrie wäre das Geld einfach zu bezahlen, denn der Preis für Kakaopulver stellt nur einen geringen Teil der Kosten bei der Gesamtproduktion von Schokoladenprodukten dar. Für den Verbraucher würde das nur wenige Cent mehr im Endpreis bedeuten. 6)1)

Es wäre zumindest ein klarer Schritt in die richtige Richtung, denn bei aller Kritik an der Unfähigkeit und dem Unwillen der großen Unternehmen, sie selbst beschäftigen keine Kinder. Der tatsächliche Grund für die Kinderarbeit liegt in der Armut der Bauern in diesen Ländern und der Armut der Länder selbst. Denn neben den unfassbaren Fällen von Entführungen und Sklaverei bei der Kakaoproduktion dürfte wohl die Gruppe der Kinder am Größten sein, die auf den Plantagen ihrer eigenen Familie arbeiten. Familien, die sich kein Geld für die Schulen leisten können und gleichzeitig zum Überleben unbedingt abhängig von der Arbeitskraft ihrer Nachkommen sind. Diesen Familien eine klare Perspektive zu geben erfordert vielleicht etwas mehr als eine Preiserhöhung, längst überfällig ist sie trotzdem. Auch die Regierungen müssen deswegen endlich mehr Druck auf die Firmen ausüben. Damit vielleicht nicht nochmal 18 Jahre vergehen, in denen Kinder aus Ghana und der Elfenbeinküste Kakao ernten, anstatt Schokolade zu essen.7)2)

  1. Popular Science: Here’s how much a chocolate bar made without child labour would cost; Artikel vom 08. Juni 2019 [] []
  2. Stuff.com: ‘A kind of slavery’: Nestle, Hershey and Mars can’t swear their chocolate is free from child labour; Artikel vom 07. Juni 2019 [] [] []
  3. Food Empowerment Project: Child Labour and Slavery in Chocalate Industry; Stand: 2019 []
  4. The Gazette: Much of the chocolate you buy comes from child labour; Artikel vom 09. Juni 2019 []
  5. Börse-Express: Welttag gegen Kinderarbeit: Noch immer arbeiten 2 Millionen Kinder für die Schoko-Konzerne; Artikel vom 11. Juni 2019 []
  6. Deutschlandfunk: Wie sich Kinderarbeit auf Kakao-Farmen verhindern lässt; Artikel vom 10. Juni 2019 []
  7. epo.de: INKOTA fordert Bundesregierung zum Handeln auf; Artikel vom 11. Juni 2019 []

Über Luis / earthlink

Ich bin der Luis und habe gerade meinen Bachelor in Soziologie an der LMU abgeschlossen. Bevor mich die Theorie im Herbst wieder einholt, wollte ich noch etwas den Münchner Frühling und Sommer genießen. Damit die Gedanken über Politik und Gesellschaft nicht nur an der Isar oder dem Kletterfelsen Ausdruck finden, bin ich hier und hoffe, ich werde noch einiges lernen.
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