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Textilsektor in Bangladesch: Jedes zehnte Kind muss arbeiten

Im Textilsektor müssen immer noch viele Minderjährige arbeiten (Symbolbild) |  Bild: Carpet Weaving, Swari Madhopur District, Rajastan, India © ILO/Jeffrey Leventhal [CC BY-NC-ND 3.0 IGO]  - ILO Asia-Pacific / Flickr

Im Textilsektor müssen immer noch viele Minderjährige arbeiten (Symbolbild) | Bild: Carpet Weaving, Swari Madhopur District, Rajastan, India © ILO/Jeffrey Leventhal [CC BY-NC-ND 3.0 IGO] - ILO Asia-Pacific / Flickr

Mohammed ist 13 Jahre alt. Jeden Morgen steht er um sieben Uhr auf. Doch statt in die Schule zu gehen, macht er sich auf den Weg in die Arbeit- eine Textilfabrik. Hier arbeitet er meist zehn Stunden am Tag- manchmal auch etwas länger, wenn es viel zu tun gibt. Obwohl er gerne in die Schule gehen würde, kann er nicht. Seine Familie lebt unter dem Existenzminimum. Deswegen unterstützt Mohammed seine Eltern mit knapp 40 Euro im Monat, damit die Familie überleben kann.

Obwohl die Zahl der arbeitenden Kinder in Bangladesch etwas abgenommen hat, ist immer noch fast jedes Zehnte von 40 Millionen Kindern in Indiens Nachbarstaat berufstätig, statt zur Schule zu gehen1). Die Gründe dafür, dass Eltern ihre Kinder zum Arbeiten schicken, sind vielfältig. Der Hauptgrund ist meist die Armut der Familien2). So arbeiten die Minderjährigen häufig in Aluminiumfabriken, nähen Kleidung zusammen oder müssen als Haushaltshilfe ständig verfügbar sein1). Das große Problem ist, dass die Kinder oftmals mehr als 12 Stunden am Tag arbeiten müssen und dabei meist weniger verdienen als die Erwachsenen. Diese immense Summe an Arbeitsstunden erlaubt es den Kindern nicht, in die Schule zu gehen und eine Ausbildung zu machen. Folglich schaffen es die allerwenigsten aus der Armut in ein besseres Leben. Zwar liegt das momentane Mindestalter für Arbeitnehmer bei 14 Jahren, jedoch sind über 90 Prozent der Kinder im informellen Sektor- in kleinen Fabriken oder auf der Straße- tätig, weshalb diesen Vorschriften keine oder wenig Beachtung geschenkt wird. Abgesehen von der fehlenden schulischen Ausbildung, hat die Kinderarbeit weitere fatale Folgen für ihr Leben. Die langen Arbeitszeiten, geringen Löhne, mangelnde Nahrung- Mohammed geht oft ohne Frühstück aus dem Haus, wenn das Geld nicht dafür langt, etwas zum Essen zu kaufen- und auch die Isolation von den anderen Kindern sowie im Arbeitsumfeld kann dazu führen, dass sie an psychischen oder physischen Krankheiten leiden. Auch sind Gefahren wie Misshandlung und sexueller Missbrauch am Arbeitsplatz nicht selten3).

Schicksale wie das von Mohammed sind in Bangladesch keine Seltenheit. Und das, obwohl dieses Jahr ein Entwurf des Bangladesh Labour (Amendment) Acts beschlossen wurde. Ziel des Gesetzes ist die Verbesserung der Arbeitsbedingungen. Darunter fällt beispielsweise die Verpflichtung, Mutterschaftsurlaub zu nehmen und die Reduzierung der Arbeitszeit auf zehn Stunden täglich- die Pause nicht mit eingerechnet. Das Hauptziel des Gesetzes ist jedoch das Beenden der Kinderarbeit in Bangladesch. So darf unter dem vorgeschlagenen Gesetz kein Kind mehr arbeiten4). Sollte doch jemand einen minderjährigen Arbeiter beschäftigen, wird das mit einer Strafe von 5.000 Taka geahndet. Diese Summe entspricht etwa 60 US- Dollar.

Zwar ist der Gesetzesentwurf ein Schritt in die richtige Richtung, um Kinderarbeit zu unterbinden, jedoch ist die Höhe der Strafe fragwürdig. Egal welchen großen Textilkonzern man sich ansieht, es ist mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass eine Strafe von 60 Dollar keinem Textilriesen wirklich Schmerzen bereiten wird. Langt die Strafe also, um sie davon abzuhalten Kinder, zu beschäftigen?

Entstanden ist der Gesetzesentwurf auf Druck der internationalen Gemeinschaft, insbesondere der EU und USA. Ein scheinheiliges Engagement? Der Textilsektor ist ohne Frage der Sektor, in dem am meisten Kinder beschäftigt werden ((Stern: Wenn Kinder für unseren billigen Wohlstand schuften müssen; Artikel vom 07.12.2016)). So arbeiten die Textilfabriken in Bangladesch meist großen Konzernen zu, die ihre Kleidung wiederum in der EU und den USA verkaufen. Fünf solcher Textilfabriken nahe der bangladeschischen Hauptstadt Dhaka sind am 24. April 2013 verschüttet worden, nachdem das neun stöckige Gebäude einstürzte, welches die Fabriken beherbergte. Der Einsturz forderte mehr als 1000 Menschenleben ((Public Eye: Rana Plaza- Fabrikeinsturz in Bangladesch; Stand 2018). Ein halbes Jahr lang wurde fast täglich in den Medien darüber berichtet- Heute, fünf Jahre danach, ist das Unglück so gut wie in Vergessenheit geraten. Wie kann die Situation um die Textilbranche in Bangladesch immer wieder aus unserem Gedächtnis fallen? Muss erst wieder so ein schlimmer Unfall passieren, dass wir uns der Lage dort annehmen und über unseren Konsum nachdenken? Als scheinheilig ist das Engagement also deshalb zu bezeichnen, weil sich auf internationaler Ebene zwar gegen Kinderarbeit und die Ausbeutung generell eingesetzt wird, jedoch dennoch der Anspruch auf günstige Klamotten in den europäischen oder auch amerikanischen Modeläden vorhanden ist. Zweifelsfrei lassen sich beide Aspekte schwer miteinander vereinen. Entweder für billige Klamotten oder gegen Kinderarbeit. Die Entscheidung bleibt jedem Einzelnen überlassen.

  1. Stern: Wenn Kinder für unseren billigen Wohlstand schuften müssen; Artikel vom 07.12.2016 [] []
  2. Unicef: Bangladesh Child Labour; nicht mehr verfügbar []
  3. Unicef: Bangladesh Child Labour; nicht mehr verfügbar []
  4. The Daily Star: Govt eases trade union rules; Artikel vom 04.09.2018 []
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2 Gedanken zu „Textilsektor in Bangladesch: Jedes zehnte Kind muss arbeiten“

  1. Finden Sie nicht,dass Ihr Artikel etwas zu kurz gedacht ist? Nur wenige Menschen können sich den Aufpreis fairer Kleidung leisten. Und die anderen,die Sozialgeld,Hartz und kleine Renten bekommen,was ist mit denen? Sie sind die selben “Verlierer“.Und was,wenn durch die rigorose Umsetzung der Pflichten in Indien,Pakistan usw. Arbeitsplätze wegbrechen?Dann haben die Menschen dort noch weniger davon.Deshalb finde ich den Artikel auch ein wenig scheinheilig.

    1. christian / earthlink

      Hallo Cornelia,

      uns ist durchaus bewusst, dass der Preis von FairTrade-Produkten für manche Menschen eine Hürde darstellt. Zu behaupten, dass „nur wenige“ sich faire Kleidung leisten können, ist jedoch sicherlich übertrieben. Es ist auch nicht Anliegen dieser Seite, Menschen anzuprangern, die derartige Produkte nicht bezahlen können. Uns geht es hierbei insbesondere um den Massenkonsum, der hierzulande teilweise stattfindet. In diesem Zusammenhang lassen sich Werbeslogans wie „Geiz ist geil“ anführen – und diese sind sicher nicht nur an ärmere Menschen gerichtet.

      Die Arbeitsplätze, die bei Umsetzung der Pflichten wegfallen – und die derzeit noch von Minderjährigen besetzt sind – müssten natürlich mit Erwachsenen besetzt werden. Und diese müssten auch so bezahlt werden, dass deren Kinder zur Schule gehen können. Nur so kann hier der Teufelskreis der Armut durchbrochen werden. Hier stehen Verbraucher, Produzent und Regierung alle in der Verantwortung.

      Danke für Deinen Kommentar

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