„Quasi-Gefängnisse“ sorgen für Qualitätsstoffe

Bild: © Camilla - Wikimedia Commons

Wie reagiert ein indisches Mädchen aus ärmlichen Verhältnissen, wenn ihr eine Arbeit in der Textilindustrie angeboten wird? Richtig, sie nimmt an. Sie und ihre Familie erhoffen sich durch die neue Arbeit finanzielle Entlastung. In dem südindischen Bundesstaat Tamil Nadu werben bezahlte Vermittler Mädchen und junge Frauen für Textilfirmen an. Sie versprechen den angehenden Arbeiterinnen gutes Geld für gute Arbeit.

Die tatsächlichen Zustände sind meist weniger rosig. Ein Bericht zweier niederländischer Nichtregierungsorganisationen, SOMO Centre for Research on Multinational Corporations und ICN (India Committee of the Netherlands), stellt der Textilindustrie in Tamil Nadu ein ernüchterndes Zeugnis aus.

60 Prozent der Angestellten sind junge Frauen und Mädchen zwischen 15 und 22 Jahren. SOMO und ICN haben für ihren Bericht 151 junge Arbeiterinnen befragt, die Qualitätsgarn und -stoffe herstellen. Fast alle von ihnen stammen aus unteren sozialen Kasten, die Mehrheit gehört zu der Kaste der „Unberührbaren“. Was sie berichten, hat mit fairen, humanen Arbeitsbedingungen nichts mehr zu tun: Die Mitarbeiterinnen arbeiten bis zu 12 Stunden am Tag und haben pro Schicht eine zehnminütige Pause für Toilettengänge. Die Aufsicht besteht ausschließlich aus Männern, die laut Aussagen einen sehr ruppigen und respektlosen Umgang mit den Angestellten pflegen.

„Arbeiterinnen fühlen sich unwohl, wenn der Aufseher in   ihre   Nähe   kommt.   Sie   beschimpfen   die   Arbeiterinnen immer“, berichtet eine Frau.

Mit finanziellen Anreizen werden die jungen Frauen und Mädchen in die Fabriken gelockt. Dort stehen ihnen firmeneigene Unterkünfte zur Verfügung, die sie ohne Erlaubnis nicht verlassen dürfen. Die Arbeiterinnen sprechen von einem „Quasi-Gefängnis“. So dürfen Telefonate nur in Anwesenheit eines Aufsehers geführt werden, Mobilfunkgeräte sind nicht erlaubt. Lediglich das kostenlose Essen und die Gesellschaft der Kolleginnen gaben Angestellte als positiv an. Auch die Sanitäranlagen stellen für manche Arbeiterin eine Verbesserung dar, denn diese gehören in vielen Dörfern nicht zur Grundausstattung.

SOMO und ICN bemängeln in ihrem Bericht vor allem die nicht vorhandene Transparenz in der Textilindustrie. Trotz zahlreicher sozialer Kontakte und eines guten Netzwerkes vor Ort sei es ihnen nicht gelungen, zufriedenstellende Informationen über die Produzenten und die Käufer zusammenzutragen.

Dass es auch anders geht, zeigt die Ethical Fashion Show in Berlin. Sie bietet nachhaltigen Modelabels eine professionelle Messe sowie einen dauerhaften Standort während der Berlin Fashion Week. Von heute bis Mittwoch stellen auf der Messe Fashionlabels aus, die Umweltschutz, soziale Verantwortung und Transparenz zu einem Kernelement für die Entwicklung und Herstellung ihrer Kollektionen machen.1) Noch ist die Berlin Fashion Week das eigentliche Event der Hauptstadt. Wenn mehr Leute über den Inhalt des SOMO und ICN Berichts Bescheid wüssten, wäre das bestimmt anders.

  1. Ethical Fashion BerlinStand: 19.01.15 []

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