Somalia: Sexueller Missbrauch und Ausbeutung durch Soldaten der Afrikanischen Union

Bild: © US Army Africa - Wikimedia Commons

Soldaten der Friedenstruppe AMISOM der Afrikanischen Union (AU) sollen notleidende Frauen und Mädchen seit 2013 sexuell missbraucht und ausgebeutet haben. Dies geht aus einem Bericht der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch hervor, der am Montag vor einer Woche veröffentlicht wurde.1) Die Vorfälle ereigneten sich in den Stützpunkten der Friedenstruppe in Mogadishu, der somalischen Hauptstadt. Die Frauen und Mädchen kamen meist zu einem der Stützpunkte, um Wasser und Medikamente zu bekommen.2)  Alle Opfer stammen aus Süd- und Zentralsomalia und sind vor dem Terror der Al-Shabaab, einer radikalislamistischen Miliz aus Somalia, in die Hauptstadt geflohen. Dort leben sie in Flüchtlingscamps.3)

Qamar, ein 15-jähriges Mädchen, erzählt, dass sie zu einem Camp der Flüchtlingstruppe kam, um Medikamente für ihre kranke Mutter zu holen. Diese gibt es eigentlich am Eingang der Militärbasis. Doch dort sagt ein somalischer Übersetzer Qamar etwas ganz anderes. „Komm mit ins Camp. Da kriegst du deine Medikamente.“ Und plötzlich gerät sie in das Zimmer eines AMISOM-Soldaten. Ihr wird bewusst, dass sie Sex mit ihm haben soll.4) Ein anderes Opfer, Kassa D, erzählt: „Ich war in Panik. Ich wollte weglaufen, aber ich wusste, dass dasselbe, das mich hier hergebracht hatte, mich das überstehen lassen würde – mein Hunger. Ich hatte meine Entscheidung getroffen und ich konnte nicht mehr zurück.“ Nachdem sie Sex mit einem ugandischen Soldaten hatte, zahlte ein somalischer Dolmetscher ihr zehn Dollar.5)

Neben Qamar und Kassa befragte Human Rights Watch noch 19 weitere Mädchen und Frauen, die Opfer sexuellen Missbrauchs durch AU-Soldaten wurden. Das jüngste Mädchen war zwölf Jahre alt. Nur zwei der Opfer haben den sexuellen Missbrauch zur Anzeige gebracht. “Sie haben große Angst vor Vergeltungsmaßnahmen”, erzählt Laetitia Bader, die für Human Rights Watch die Befragung durchgeführt hat. “Zum einen von den Tätern, also den AMISOM-Soldaten selbst. Zum anderen auch von ihren Familien. Ein Mädchen hat uns gesagt, dass ihr Vater, als er herausgefunden hat, wie sie überlebt, sie aus der Familie verstoßen hat.”
Human Rights Watch befragte neben den Opfern auch mehr als 30 Zeugen, ausländische Beobachter, Militärangehörige und offizielle Vertreter truppenstellender Länder. Die Recherchen erfolgten in Somalia, aber auch in Uganda und Burundi, da die Soldaten, die in Mogadischu stationiert sind und gegen die die Vergewaltigungsvorwürfe gerichtet sind, aus diesen beiden Ländern stammen. Human Rights Watch schließt aber nicht aus, dass es in anderen Stützpunkten Somalias weitere Fälle von Missbrauch gibt.6)

Liesl Gerntholtz, Leiterin der Frauenrechtsabteilung von Human Rights Watch äußert sich zu den Missbrauchsfällen folgendermaßen: „Soldaten der Afrikanischen Union haben ihre Machtposition missbraucht, um Somalias schutzbedürftigste Frauen und Mädchen auszubeuten.“ Zudem appelliert sie an die Politik: „Somalia hat viele schwer zu bewältigende Probleme. Sexueller Ausbeutung und sexuellem Missbrauch könnten die somalische Führung und die Führung der AU jedoch ein Ende bereiten, indem sie truppenstellende Länder drängen, die Täter zur Rechenschaft zu ziehen.“6)  Gerntholtz meint, dass sonst auch die Glaubwürdigkeit der AU-Mission in Frage gestellt sein würde.7)

 

Bürgerkrieg in Somalia:

Seit dem Sturz von Siyad Barre 1991 tobt ein schonungsloser Machtkampf um die politische und wirtschaftliche Vorherrschaft in Somalia. Seitdem wurden schwache Bevölkerungsgruppen durch Milizen ausgebeutet und ganze Bevölkerungsteile vertrieben. Der zentrale Konflikt der letzten Jahre (2006-2014) ist die Auseinandersetzung zwischen militanten Islamisten und verschiedenen somalischen Regierungen. Seit 2007 ist davon Al-Shabaab, die 2012 offiziell dem Al Qaida-Netzwerk beitrat, die schlagkräftigste islamistische Gruppe. Zwischen Mai 2009 und August 2011 agierte Al-Shabaab als „de facto-Regierung“ in weiten Teilen Süd- und Zentralsomalias.
Aufgrund des fürchterlichen, lang anhaltenden Bürgerkriegs in Somalia rief die Afrikanische Union die Peacekeeping-Mission AMISOM ins Leben. Nachdem sie dafür von der UN ein Mandat erhielt, ist die Mission seit 2007 in Somalia aktiv. Anfang 2011 startete AMISOM eine militärische Offensive mit Hilfe der damaligen Übergangsregierung gegen Al-Shabaab. Die Macht der radikal-islamischen Miliz konnte dadurch eingedämmt werden. Bis heute hat AMISOM es jedoch nicht geschafft, die Sicherheitslage in Somalia unter Kontrolle zu bringen, auch nicht in der Hauptstadt. Nur einzelne Bezirke Mogadischus und strategisch wichtige Punkte in der Stadt sind gesichert. Ein Ende der Mission ist nicht in Sicht, was auch die massive Aufstockung der Truppenstärke in den letzten drei Jahren zeigt. Waren es 2011 weniger als 10.000 Soldaten, so sind es 2014 22.000 Soldaten. Die meisten Kontingente werden von Burundi, Uganda, Äthiopien, Kenia und Djibouti gestellt.8)
  1. Focus: Soldaten von Friedenstruppe sollen Hilfsbedürftige missbraucht haben – zuletzt aufgerufen am: 15.09.2014 []
  2. Augsburger Allgemeine: Vergewaltigungs- und Missbrauchsvorwürfe gegen AU-Soldaten – zuletzt aufgerufen am 14.09.2014 []
  3. Tagesschau: Vorwürfe gegen AU-Soldaten: Wasser und Medizin gegen Sex  – nicht mehr aufrufbar 19.2.15 []
  4. Tagesschau: Vorwürfe gegen AU-Soldaten: Wasser und Medizin gegen Sex – nicht mehr aufrufbar 19.2.15 []
  5. The Guardian: African Union troops in Somalia accused of gang-rapes – zuletzt aufgerufen am 15.09.2014 []
  6. Human Rights Watch: Somalia: Sexueller Missbrauch durch Soldaten der Afrikanischen Union – zuletzt aufgerufen am 15.09.2014 [] []
  7. Focus: Soldaten von Friedenstruppe sollen Hilfsbedürftige missbraucht haben – zuletzt aufgerufen am: 15.09.2014 []
  8. Bundeszentrale für politische Bildung: Innerstaatliche Konflikte: Somalia – zuletzt aufgerufen am 16.09.2014 []

Über simone / earthlink

Hi, ich bin die Simone und studiere Politikwissenschaft und Volkswirtschaftslehre. Bei Earthlink will ich die Arbeit in der Entwicklungspolitik kennenlernen.
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