Immer noch müssen Kinder in Usbekistan auf den Baumwollfeldern arbeiten

Bild: © Shuhrataxmedov - Wikimedia Commons

„Früher wurden die Leute immer unter dem Slogan ‚Für den Kommunismus’ zur Arbeit für den Staat gezwungen, aber nun geschieht es mit (…) Slogans wie ‚Für das Volk, für die Unabhängigkeit’. Alle, die sich weigern mitzumachen, werden für Gegner der Unabhängigkeit gehalten; sie sind gegen den Staat, gegen ihr eigenes Volk.“1)

Das sagt eine Lehrkraft aus Khorezm in Usbekistan. Wie überall im ganzen Land wurde auch sie und ihre Klasse im letzten Herbst von den Schule abgeholt und auf die Baumwollfelder gebracht. Dort müssen sie jedes Jahr während der Ernte, die von September bis November dauert, arbeiten.2) In einem aktuellen Bericht dokumentiert „Uzbek–German Forum for Human Rights“ (UGF) diesen Vorgang – und die damit einhergehenden Menschenrechtsverletzungen.

Die usbekische Regierung kontrolliert fast den gesamten örtlichen Baumwollmarkt von den Feldern bis zum Export. Sie bestimmt die jährliche Menge, die produziert werden muss, sie bestimmt den Preis, sie legt die Bedingungen fest, unter denen produziert wird. Und natürlich streicht die Regierung auch die Gewinne ein, die jährlich auf ca. 1 Milliarde US-Dollar geschätzt werden.3)

Um die Kosten während der arbeitsintensiven Erntezeit zu senken, werden über eine Millionen Menschen zwangsrekrutiert und auf die Baumwollfelder geschickt.4) Die Menschen kommen von überall her: aus privaten Unternehmen, aus staatlichen Behörden und aus Schulen. Unter ihnen sind Frauen und Männer, Alte und Junge, und auch Kinder und Jugendliche.3)

Offiziell gibt es in Usbekistan keine Kinderarbeit mehr. Das Land hat mehrere internationale Abkommen zur Bekämpfung von Kinderarbeit unterschrieben, es gibt klare Gesetze, die das Arbeitsmindestalter auf 16 Jahre festlegen und gefährliche Arbeiten erst ab 18 Jahren gestatten.5) Seit der Ernte 2012 hat die Regierung explizit betont, keine Kinder unter 16 Jahre für die Baumwollernte einzusetzen, nachdem Regierungen und Unternehmen mit Embargos gedroht hatten.6) Zudem wurden 2013 zum ersten Mal Beobachter der Internationalen Arbeiterorganisation (ILO) zugelassen, um die Einhaltung der Arbeiterrechte zu überprüfen. (Siehe dazu hier)

Die ILO kommt in ihrem Abschlussbericht zu einer sehr diplomatischen Bewertung. Man habe zwar nicht feststellen können, dass Kinder systematisch zur Arbeit auf den Feldern gezwungen worden sind, aber in dem meisten besuchten Schulen fand kein Unterricht statt, die Klassenräume waren leer. Zudem betont die ILO, dass die ILO-Konvention 105 zur Abschaffung von Zwangsarbeit noch nicht umgesetzt werde.7)

Viele in Usbekistan tätige NGOs äußern heftige Kritik und haben deutlichere Vorwürfe.8) So beklagt „Uzbek–German Forum for Human Rights“ (UGF), dass die Kontrolleure der ILO nicht ungehindert arbeiten konnten. Sie wurden immer von Regierungsbeamten begleitet, was dazu geführt habe, dass die Befragten nicht frei und wahrheitsgemäß antworten konnten. Zudem sollen Kinder gezielt während der Inspektionen von den Baumwollfeldern zurück in die Klassen gebracht worden sein.9)

Laut dem Bericht von UGF kam es nach wie vor zu eklatanten Menschenrechtsverletzungen, wie Zwangsarbeit, Kinderarbeit und unmenschlichen Arbeitsbedingungen. Die Kinder wurden aus ihrer Heimat zu oftmals weit entfernten Felder gebracht, auf denen sie wochelang arbeiten mussten, ohne freie Tage, ohne genügend Pausen, ohne ausreichende Ernährung, ohne sauberes Trinkwasser und ohne genügend sanitären Anlagen.10)

Und unter ständigem Quotendruck. Die Regierung bestimmt, wie viel Baumwolle bei der Ernte produziert werden muss und die Verwalter der einzelnen Felder werden dafür verantwortlich gemacht, diese hohen Quoten zu erbringen. Diese Verantwortung wird in der Hierarchie nach unten weitergegeben: Arbeitgeber sind für die Arbeiter ihrer Betriebe zuständig, Lehrer für ihre Klassen. Erfüllen die Kinder ihre Quote nicht, werden sie ausgeschimpft, mit Liegestützen und ähnlichem bestraft oder ihnen wird sogar das Essen vorenthalten. „Wir hatten Essen mitgenommen, Äpfel, Nüsse, Brot, Tee in Flaschen. Aber die Lehrer haben uns nicht erlaubt, uns zum Mittagessen viel hinzusetzen. Sie haben uns angeschrieen, uns gesagt, wir sollen aufstehen und arbeiten. Wenn jemand 3-4 Kilogramm geerntet hatte, dann haben sie ihn vielleicht essen lassen. Aber wenn man nicht so viel sammeln konnte, dann haben sie dir kein Mittagessen gegeben, selbst wenn du hungrig warst“, sagt ein 11-jähriges Mädchen.11)

UGF wirft der usbekischen Regierung vor, trotz ihrer Absichtserklärungen weiterhin auf Kinderarbeit zu setzten. Gleichzeitig fordert sie ausländische Regierung dazu auf, den Druck auf Usbekistan zu einer nachhaltigen und ehrlichen Umsetzung aller ILO-Konventionen zu erhöhen. Zudem sollten die großen Textilproduzenten vorerst darauf verzichten, Baumwolle aus Usbekistan zu beziehen.12)

  1. Usbek-German-Forum: “Forced Labor in Uzbekistan”-Report 2013 – S. 10 – aufgerufen am 05.06.2014 []
  2.  Usbek-German-Forum: “Forced Labor in Uzbekistan”-Report 2013 – S. 11-12 – aufgerufen am 05.06.2014 []
  3. Usbek-German-Forum: “Forced Labor in Uzbekistan”-Report 2013 – S. 11-12 – aufgerufen am 05.06.2014 [] []
  4.  Usbek-German-Forum: “Forced Labor in Uzbekistan”-Report 2013 – S. 19 – aufgerufen am 05.06.2014 []
  5. Usbek-German-Forum: “Forced Labor in Uzbekistan”-Report 2013 – S. 14-16 – aufgerufen am 05.06.2014 []
  6.  Usbek-German-Forum: “Forced Labor in Uzbekistan”-Report 2013 – S. 13 – aufgerufen am 05.06.2014 []
  7. Usbek-German-Forum: “Forced Labor in Uzbekistan”-Report 2013 – S. 17 – aufgerufen am 05.06.2014 []
  8. Cotton Campaign – end forced labor in the cotton sector of Uzbekistan – aufgerufen am 05.06.2014 []
  9. Usbek-German-Forum: “Forced Labor in Uzbekistan”-Report 2013 – S. 18-19 – aufgerufen am 05.06.2014 []
  10. Usbek-German-Forum: “Forced Labor in Uzbekistan”-Report 2013 – S. 19-27 – aufgerufen am 05.06.2014 []
  11. Usbek-German-Forum: “Forced Labor in Uzbekistan”-Report 2013 – S. 22-23 – aufgerufen am 05.06.2014 []
  12. Usbek-German-Forum: “Forced Labor in Uzbekistan”-Report 2013 – S. 42-46 – aufgerufen am 05.06.2014 []

Über matthias / earthlink

Ich bin Matthias, 20 Jahre alt und habe von Mai bis Juni 2014 bei earthlink als Praktikant gearbeitet.
Dieser Beitrag wurde unter Internationales, Produkte, sonstiges abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.