Bangladesch: Ein Jahr nach der Katastrophe

Bild: © Sjors737 - Dreamstime

Die Katastrophe

Genau vor einem Jahr schaute die Weltöffentlichkeit nach Bangladesch. Ein mehrstöckiges Gebäude in Savar, einem Vorort von Dhaka, in dem einige tausend Näherinnen unter schlechten Bedingungen arbeiteten, stürzte ein. Es gab mehr als 1100 Tote und mehr als 2500 Verletze. Das erste Unglück in der Textilindustrie in einem Entwicklungsland war es bei weitem nicht. Aber das Schlimmste. Das Ausmaß der Katastrophe lenkte die weltweite Aufmerksamkeit auf das Land. Es kam wieder einmal die Frage auf: Wer trägt die Verantwortung für die Produktionsbedingungen?

Viele Opfer warten noch immer auf Entschädigung

Kurz nach dem Unglück waren die Versprechungen groß. Die Firmen sprachen von großzügige Entschädigungen für Überlebende und Hinterbliebene, Lohnerhöhungen, medizinische Hilfe, sogar das Wort Rente traute man sich zu erwähnen. Doch die Probleme fingen schon damit an, dass viele der Überlebenden Schwierigkeiten hatten zu beweisen, in Rana Plaza gearbeitet zu haben. Die notwendigen Dokumente existierten oft nicht oder sie waren unter den Trümmern begraben. Und Überlebende, die keinen Totenschein ihrer verstorbenen Verwandten vorweisen konnten, hatten Pech: Für sie gab es kein Geld.1) Auch mit Ungerechtigkeiten hatten die Betroffenen zu kämpfen: Die Beträge, die sie für einen Toten bekommen haben, waren willkürlich. Manche erhielten 2800 Euro – andere wiederum nur 280.2) Rund 29 Modeunternehmen weltweit ließen in Rana Plaza produzieren. Egal ob das Hemd am Ende 3 Euro von zum Beispiel Walmart (USA) oder 50 Euro vom beispielsweise Benetton (Italien) kostete, die Näherinnen erhielten nur einen Hungerlohn.

Die Opfer leiden

Im Rehabilitationszentrum in Savar werden viele der Opfer nach der Katastrophe behandelt. So zum Beispiel auch die 20jährige Rehana Khatun. Sie hat ihre Beine verloren und steht ohne Geld da. Sie sagt: „schaut mich an, wer braucht so etwas? Sie sagen uns, ihr hattet Glück. Aber ich wünsche mir, ich wäre damals gestorben.“ Auch viele Fälle von Kinderarbeit sind seit dem Einsturz aufgedeckt worden. Mädchen, die geschlagen, bedroht und gezwungen wurden 14 Stunden am Tag zu arbeiten – ohne Pause. Einer Untersuchung von Actionaid zufolge haben in der Rana Plaza Fabrik über 200 Kinder illegal gearbeitet. Angaben der Nichtregierungsorganisation Human Rights Watch zufolge mussten sich die Kinder in den Waschräumen verstecken, wenn Käufer oder Inspektoren in die Fabrik kamen. Das Gesetz erlaubt es 14jährigen fünf Stunden am Tag zu arbeiten und das dreimal die Woche.3)

Die Unternehmen schieben sich die Verantwortung gegenseitig zu

Gewerkschaften und Organisationen wie die „Kampagne für saubere Kleidung“ (auf Englisch Clean Clothes Campaign, kurz CCC) fordern zweierlei Dinge. Einerseits wollen sie, dass die Textilunternehmen endlich Verantwortung übernehmen. Seit dem Unglück versuchen sie das Geld für den Entschädigungsfonds einzutreiben. In Deutschland sagte eine Sprecherin der Kampagne, es sei erschreckend, wie wenig sich getan habe. Viele der großen Modelabels haben noch keinen Cent in den Fonds eingezahlt. Vergangenes Jahr wurden Entschädigungsverhandlungen bei der ILO, der Internationalen Arbeitsorganisation der UN abgehalten. Nur von neun Unternehmen kamen Vertreter an den Verhandlungstisch. Aus Deutschland kam nur KiK. Adler Mode und NKD hingehen, ließen sich nicht blicken. „Ein sehr beschämender Zustand,“ findet Frauke Banse von der CCC.4) 40 Millionen US Dollar Entschädigung für die Opfer sind notwendig. Die traurige Wahrheit aber ist, dass noch nicht einmal die Hälfte davon eingezahlt wurde.(Süddeutsche Zeitung Magazin )

Außerdem fordern die Gewerkschaften Verbesserungen in den Fabriken. Einige kleine Fortschritte ließen sich in jüngster Vergangenheit beobachten. So müssen Händler und Hersteller die Gebäude, in denen produziert wird, auf Statik und Brandschutz überprüfen. Doch manchmal fehlen Inspektoren und wenn es Inspektionen gibt, reichen diese oft nicht aus. Im Rana-Plaza-Gebäude waren bereits Wochen vor dem Unglück Mängel und Risse festgestellt worden. Weitergearbeitet wurde trotzdem. Eine positive Entwicklung sei aber zum Beispiel, dass der Mindestlohn sich von 28 Euro auf 50 Euro im Monat erhöht hat. „Doch die Löhne waren über einen langen Zeitraum die niedrigsten weltweit. Selbst wenn sie jetzt einen großen Sprung gemacht haben, kann man nicht sagen, dass es ein fairer Lohn ist,“ sagt der Gewerkschafter Ahmed zur Süddeutschen Zeitung.5) Nur dank Druck von Außen geschiet hier zurzeit etwas. Doch wie lange wird dieser Druck noch anhalten?

Tausend Demonstrieren

Am Donnerstag haben zig tausende Menschen ihre Arbeit niedergelegt und vor den Ruinen der Rana-Plaza Fabrik demonstriert. Sie fordern, die Fabrikbesitzer endlich zur Rechenschaft zu ziehen. Mit den Worten „Hängt sie, hängt sie“ verleihen sie ihrer Wut und Trauer Ausdruck.5)

Soziale Standards sind notwendig

Gerd Müller, unser Entwicklungshilfeminister, blickt am Jahrestag negativ nach Bangladesch: „Es hat sich nichts Grundlegendes in den Standards verändert. Wir leben hier im Wohlstand auf dem Rücken der Menschen dort, und das müssen wir ändern.“ Deswegen will er mithilfe eines neuen Siegels ökologische und soziale Standards für die gesamte Lieferkette einführen. Kritiker hingehen finden die Idee „praktisch kaum umsetzbar“. Die Lieferkette vom Anbau der Baumwolle über das Färben bis hin zur Verarbeitung umfasst unzählige Stationen. Nur die letzte Stufe der Verarbeitung zu kontrollieren führe aber nicht zu einer Verbesserung der Arbeitsbedingungen, so die Meinung von NGOs und Gewerkschaften. Ob mit oder ohne neuen Regelungen und Siegel, eins sollte man sich als Verbraucher klar machen: Ein Boykott vom Konsumenten hilft den Näherinnen in Bangladesch nichts. Nur öffentlicher Druck auf die Textilgiganten kann etwas bewirken.

  1. evb.ch, 24.04.2013:Rana Plaza: 1138 Tote bei Fabrikeinsturz in Bangladesch, nicht mehr aufrufbar 20.2.15 []
  2. Süddeutsche Zeitung Magazin, 25.04.2014: Im Stich gelassen []
  3. leaderpost.com, 24.04.2014: Maimed girl shows cost of cheap fashion, nicht mehr aufrufbar 20.2.15 []
  4. Süddeutsche.de 23.01.2014: Im Stich gelassen, aufgerufen am 24.04.2014 []
  5. Tagesspiegel.de, 24.04.2014: Textilarbeiter trauern um ihre Kollegen, aufgerufen am 24.04.2014 [] []

Über paula / earthlink

Ich bin Paula und 19 Jahre alt. Im Juni 2013 habe ich mein Abi gemacht. Nachdem ich vier Monate auf den Philippinen war mach ich jetzt hier bei earthlink ein Praktikum. Dieses Jahr im Herbst sollte ich dann mal anfangen zu studieren :)
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