Wenn Waisen gar keine Waisen sind…

Bild: © Paul Shaffner - Wikimedia Commons

Erfahrungen sammeln, den Lebenslauf aufhübschen, das Karma verbessern: Mit diesem Ziel gehen jährlich zahlreiche Volontäre in Entwicklungsländer in Afrika, Südamerika und Asien. Ein neuer Trend ist der Volontourismus: Urlaub machen und den mit einer kleinen Prise Gutes tun garnieren. Besonders beliebt bei solchen Freiwilligen sind Waisenhäuser. Die Waisen haben ja sonst niemanden mehr, so denken die Volontäre. Während Freiwilligenarbeit schon länger kritisiert wird, wird von der Website www.wegweiser-freiwilligenarbeit.com1) jetzt thematisiert, welchen Schaden der moderne Volontourismus tatsächlich anrichten kann.

Waisenkinder haben oft keine festen Bezugspersonen. Wenn Freiwillige aus westlichen Ländern für einige Wochen oder Monate zu ihnen kommen, bauen die Kinder immer wieder enge Bindungen zu den Besuchern auf. Der Freiwillige fliegt irgendwann wieder zurück nach Hause, inzwischen hat er ja viel erlebt und genug zu erzählen. Zurück bleiben Kinder, die durch eine wiederholte Erfahrung des Verlustes von Bezugspersonen schwer traumatisiert sein können. Da die Freiwilligen oft keine Qualifikationen für den richtigen Umgang mit den Kindern haben, intensivieren sie durch ihr Verhalten die Bindung zum Kind noch zusätzlich. Als wären diese Erlebnisse nicht schlimm genug, so wurde nun veröffentlicht, dass Kinder in Entwicklungsländern teilweise benutzt werden, um den Volontourismus aufrechtzuerhalten.2)

Statistiken aus Kambodscha lassen so etwas bereits vermuten: Während es dort laut UNICEF zwar immer weniger Waisen gibt, stieg die Anzahl der Waisenhäuser um 75% an.3) Nun könnte man dies mit einer geringeren Anzahl an Waisen pro Einrichtung erklären, diese Erklärung erscheint aufgrund der geringen finanziellen Mittel jedoch eher unwahrscheinlich. In einer weiteren Studie von UNICEF wurde 2011 veröffentlicht, dass rund 75% der in Waisenhäusern lebenden Kinder in Wahrheit gar keine Waisen sind.4) Ähnliche Zahlen liegen auch für Ghana vor, wo sogar 90% der angeblichen Waisen noch mindestens einen Elternteil besitzen sollen.5)

Grund dafür ist das Gewinnstreben einiger Personen, die Waisenhäuser errichten, ohne dass der Bedarf dafür da ist. Gefüllt werden diese dann oft mit Kindern von mittellosen Familien ländlicher Regionen. Den Eltern wird versprochen, dass ihre Kinder so eine gute Ernährung und eine Ausbildung erhalten. Da die leiblichen Eltern das Geld dafür niemals auftreiben könnten, sehen sie das Entsenden ihrer Kinder als einfachen Ausweg. Die Kinder werden also zur Ware degradiert, sodass Geschäftsleute sich mithilfe der Einnahmen von Volontouristen bereichern können. „So trägt der Wunsch besonders bedürftigen Kindern zu helfen perverserweise sogar dazu bei, die Not zu steigern.“2).

Auch Stern Online berichtete bereits von Fällen, in denen Waisenkinder für finanzielle Gewinne im Tourismussektor missbraucht wurden. In Moshi, Tansania gibt es beispielsweise ein Waisenhaus, das regelmäßig Spenden von einem nahe gelegenen Hotel bekommt. Es handelt sich bei diesem Geldfluss jedoch nicht um Spenden im eigentlichen Sinn, wird doch von den Waisenkindern eine Gegenleistung dafür erwartet. Auf dem Weg zur nächsten Attraktion macht der Touristenbus vom Hotel einen Zwischenstopp am Waisenhaus. Hier können die Touristen Bilder mit den Kindern machen, Süßigkeiten verteilen und sich an den lachenden Gesichtern und strahlenden Kinderaugen erfreuen. „Die Kinder werden vorgeführt, ohne dass sie wissen, was mit ihnen geschieht.“6)

Dies ist auch der Grund, warum das eingangs erwähnte Portal über Freiwilligenarbeit künftig keine Waisenkinderprojekte mehr vorstellt. Wünschenswert für die Zukunft wäre ein Wegkommen von der kommerzialisierten „Entwicklungshilfe“, wie es der moderne Volontourismus ist. Menschen, die wirklich helfen wollen, sollten sich eher fragen, wie sie sich auf eine nachhaltige Art und Weise einbringen können.

  1. www.wegweiser-freiwilligenarbeit.com – Abgerufen am 21.02.2014 []
  2. Frank Seidel, 19.02.2014: Freiwilligenarbeit im Waisenhaus: warum wir keine Waisenhausprojekte haben – Abgerufen am 21.02.2014 [] []
  3. Zeit Online, 01.08.2012: Im Slum auf Selbstsuche – Abgerufen am 21.02.2014 []
  4. UNICEF, 2011: A study of attitudes towards residential care in Cambodia – Abgerufen am 21.02.2014 []
  5. UNICEF, 2012: Ghana: National Plan of Action for Orphans and Vulnerable Children – nicht mehr verfügbar []
  6. Stern, 22.11.2012: Erst Waisenhaus, dann Safari – Abgerufen am 21.02.2014 []

Über miriam / earthlink

Ich bin 21 Jahre alt und studiere B.Sc. Geographie und B.A. Geographische Entwicklungsforschung Afrikas an der Uni Bayreuth. Im Rahmen eines achtwöchigen Praktikums hier bei Earthlink möchte ich nun erste praktische Erfahrungen im Bereich der Entwicklungspolitik sammeln.
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