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Verdingung – eidgenössische Ausbeutung von Kinderseelen

aktiv gegen kinderarbeit |  Bild:  © earthlink e.v.

aktiv gegen kinderarbeit | Bild: © earthlink e.v.

In der Zeit zwischen 1800 und 1960 war es in der Schweiz üblich, dass Kinder aus ärmlichen Verhältnissen, dazu gehörten Waisen- und Scheidungskinder sowie etwa Kinder aus sehr großen Familien, von den lokalen Behörden in  andere Familien, meistens Bauernfamilien, „verdingt“ wurden. Die sogenannten Verdingkinder wurden von den zuständigen staatlichen Armenbehörden gegen eine vertraglich festgelegte Entschädigung an Bauernfamilien weitergereicht. Die meisten von ihnen wurden nicht als Teil ihrer neuen Familie akzeptiert, sondern fanden ausschließlich als billige Arbeitskraft Verwendung. Ausbeutung, Schläge und sexueller Missbrauch standen für viele Kinder an der Tagesordnung. Liebe, Nähe, Geborgenheit und Anerkennung gehörten nicht zu ihrem Leben. Ähnlich einem Sklavenmarkt wurden Verdingkinder teilweise auf öffentlichen Märkten versteigert, und an die Familien übergeben, die die geringste Aufwandsentschädigung von der Armenbehörde verlangten. Die zuständige Armenbehörde fungierte damals wie ein moderner Arbeitsvermittler, mit dem Unterschied, dass hier unbezahlte Kinder vermittelt wurden. Fachleute schätzen die Zahl der in der gesamten Zeit verdingten Kinder und Jugendlichen schweizweit auf über 100.000. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg gab es noch viele Verdingkinder, allein im Kanton Bern waren es 1946 noch 10.000. Erst seit 1978 gibt es eine schweizweite Regelung für Pflegekinder. Viele der Betroffenen leiden bis heute an den psychischen Folgen der Verdingpraxis.1)2)

Nur wenige Menschen außerhalb, und sogar innerhalb der Schweiz sind über dieses dunkle Kapitel der jüngeren Schweizer Geschichte ausreichend informiert. Die Verdingung wurde innerhalb der Schweizer Gesellschaft jahrzehntelang totgeschwiegen. Auch der Staat hat aufgrund seiner großen moralischen Mitschuld lange nichts zur Aufarbeitung der Thematik beigetragen. Erst im Laufe der letzten Jahre finden Betroffene größeres Gehör in der Schweiz. Die Zahl wissenschaftlicher Publikationen und Buchveröffentlichungen zum Thema nahm in den letzten Jahren rapide zu. Außerdem wird Betroffenen-Organisationen immer mehr mediale Aufmerksamkeit zuteil. Am 11. April letzten Jahres wurde in Bern unter der Federführung des Bundes, in Zusammenarbeit mit verschieden Betroffenen-Organisationen eine nationale Gedenkveranstaltung organisiert. Sie soll zur gesellschaftlichen Anerkennung der schwierigen Umstände beitragen, in denen eine große Zahl Verdingkinder leben mussten. Auch wenn in der Schweiz die Thematik bei weitem noch nicht ausreichend aufgearbeitet ist, so lässt sich doch ein Trend erkennen, der den tausenden Betroffenen bei der Verarbeitung ihrer eigenen Vergangenheit helfen kann.3)4)

  1. Historisches Lexikon der Schweiz: Verdingung []
  2. Verdingkinder Kinder auf dem Sklavenmarkt []
  3. Dunkles Kapitel Schweizer Geschichte aufarbeiten []
  4. Ein dunkles Kapitel der jüngeren Schweizer Geschichte []
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