Haiti: Tausende Kinder arbeiten in fremden Haushalten wie Sklaven

aktiv gegen kinderarbeit |  Bild:  © earthlink e.v.

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Valentine ist 7 Jahre alt. Um 4 Uhr in der Früh steht sie auf, richtet das Frühstück für die Familie, macht die Betten und geht Wasser holen. 18 Liter balanciert sie auf ihrem kleinen Kopf, im Dunkeln – gegessen hat sie nichts. Und trotzdem muss sie weiterarbeiten, zu Essen bekommt sie nur die Reste.

Valentine ist eine Haushaltsgehilfin in Haiti, die unbezahlt in fremden Haushalten arbeitet. „Restavèks“ werden Kinder wie sie genannt, das kreolische Wort kommt von „rester avec“ und bedeutet „bleiben bei jemanden“. Einer Statistik des Kinderhilfswerks der Vereinten Nationen UNICEF zufolge leben in Haiti etwa 173.000 Restavèk-Kinder. Die Dunkelziffer ist jedoch bei weitem höher – Experten schätzen die Zahl auf etwa 300.000 Kinder.1)

Die Restavèk-Kinder haben eine lange Tradition in Haiti. Die Idee dahinter ist, dass ärmere Kinder durch den Austausch in eine andere Familie die Chance auf Schulbildung bekommen und im Gegenzug für ihre Gastfamilie arbeiten. Eigentlich sollen sie ein Teil der Familie werden. In vielen Fällen geht es den Kindern auch um einiges besser, als es in ihrer leiblichen Familie möglich gewesen wäre.2)  Doch das trifft leider nicht immer zu. Nicht ohne Grund wird der Kinderhandel immer wieder als eine Form der modernen Sklaverei charakterisiert. Statt eine angemessene Versorgung zu erhalten, werden viele Kinder in ihren – oftmals ebenso armen – Gastfamilien geschlagen und körperlich und emotional missbraucht. Die Arbeitsdauer kann in manchen Fällen pro Tag bis zu 17 Stunden andauern, medizinische Versorgung bleibt vielen Kindern verwehrt.3) Die Vorteile, die der Austausch für sie bringen sollte, werden häufig niemals Realität.

Die meisten der Restavèk-Kinder stammen aus sehr armen Familien, die oft in den abgelegen Regionen des Landes leben. Dort gibt es wenig Arbeit und kaum Schulen, so dass viele Eltern überzeugt sind, ihren Kindern würde es in einer anderen Familie in der Stadt besser ergehen. Oft bleibt ihnen aber auch auf Grund ihrer Armut keine andere Wahl, als ihre Kinder an die so genannten „courtiers“ – an Makler*innen – weiterzugeben. Die verkaufen die Kinder dann wiederum gegen eine Provision an andere Familien. Einige Eltern ahnen sicherlich, dass die von den Makler*innen versprochenen Zukunftsaussichten schlicht erlogen sind. Doch viele der Familien sind derart arm und gleichzeitig kinderreich, dass die Hoffnung auf eine bessere Zukunft ihrer Kinder überwiegt.4)

Auch die 13 jährige Marilaine stammt aus einer armen Familie, ist eines von 12 Kindern. Als sie ihren Vater um Geld für die Schule bittet, schickt er sie stattdessen in die Stadt. Dort soll sie als eine Restavèk arbeiten. In ihrer neuen Familie gleicht der Alltag dem einer Sklavin: Sie schläft auf dem Fußboden, schon ab 5 Uhr in der Früh wird gearbeitet. Marilaine erledigt alles, was im Haushalt anfällt. Und neben der ganzen Arbeit wird sie täglich mit elektrischen Kabeln geschlagen, erzählt sie. Auch der Kontakt zu ihren Eltern wird ihr verwehrt.5) Marilaines Schicksal ist kein Einzelfall. Viele dieser Kinder sind traumatisiert, wegen der Trennung von ihrer Familie und auch wegen der häuslichen Gewalt in ihrer neuen Gastfamilie.

Valentine und Marilaine haben trotzdem Glück. Sie haben einen Platz in einer Schule, ein Privileg, das vielen Restavèks verwehrt bleibt. Doch verbunden mit den unglaublichen Lasten, die ihnen im Haushalt auferlegt werden, erweist sich auch der Schulgang als müßig. „[Diese Kinder] sind unkonzentriert, müde. Wenn sie in die Schule kommen, haben die meisten schon einen achtstündigen Arbeitstag hinter sich.“, erzählt Valentines Lehrerin, „Es sind noch kleine Kinder, aber ihr Leben ist mühsam wie das eines Erwachsenen. Sie hatten nie eine Kindheit und kaum Zeit zum Spielen.“

Es ist schwer, Restavèk-Kinder aus ihren Gastfamilien zu befreien, denn es gibt kaum Unterbringungsmöglichkeiten für sie in Haiti, und auch keine Einrichtung, die diese große Zahl an Kindern aufnehmen und betreuen könnte.“4) Der eigentliche Schlüssel zu dem Problem sei die Bekämpfung von Armut, meint New York Times Blogger Nicholas Kristof. Er begleitete Marilaine eine Woche lang, als sie vor ihrer Gastfamilie geflohen ist. Mit Hilfe der Hilfsgruppe „Restavek Freedom Foundation“ konnte sie einen sicheren Unterschlupf finden. Jetzt muss Marilaine zurück in ihre leibliche Familie, die wenig erfreut ist über ihre Rückkehr. Eine gute Schule kann sie erst einmal nicht mehr besuchen, sie will deshalb unbedingt zurück in die Stadt – doch das zu erreichen ist schwer. Für Marilaine ist es ein Teufelskreis.5)

 

Foto: U.S. Navy photo by Senior Chief Mass Communication Specialist Spike Call

  1. Amnesty International: Arbeiten ohne Lohn und Brot (Stand Februar 2010); aufgerufen am 08.01.2014 []
  2. SOS Children Villages: The Life of the Restavek Child; aufgerufen am 25.02.2014 []
  3. Terre des hommes: Resavèks, eine moderne Form von Sklaverei, aufgerufen am 09.01.2014 []
  4. Amnesty International: Arbeiten ohne Lohn und Brot (Stand Februar 2010); aufgerufen am 08.01.2014   [] []
  5. The New York Times: A Girl’s Escape; aufgerufen am 09.01.2014 [] []
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