Die „fünfte“ Frau: Das Wahaya-System im heutigen Niger

Bild: © Public Domain - Wikimedia Commons

„Früher war ich Eigentum meines Herrn, ich musste unter allen Umständen gehorchen. Ich durfte keine Vorschläge machen, ich war ein Gegenstand, ein multifunktionales Objekt, das genutzt wurde, wie es meinem Herrn beliebte.“ Sätze wie dieser lassen einen an vergangene Zeiten denken, an die Antike, in der ganze Kulturen durch die Haltung von Sklaven wirtschaftlich erblühten, oder die Zeit der amerikanischen Sklavenhaltergesellschaft, in der einige wenige Plantagenbesitzer auf den Rücken Millionen afrikanischer Sklaven zu den reichsten Männern der westlichen Welt werden konnten. So erschreckend die Tatsache, aber der oben zitierte Satz stammt von Tikirit Amoudar, einer Frau aus dem heutigen Niger. Sie war 15 Jahre Opfer einer Praxis, die im Südwesten des Nigers, in der Tahou Region, seit über 200 Jahren ihre Anwendung findet. Wahaya nennt man das System sowie seine jungen Opfer, von denen die meisten weit vor Vollendung des 15ten Lebensjahres ihr Leben als Sklavinnen beginnen. In der Tahou Region gilt es als Zeichen von Wohlstand, Wahaya-Frauen zu unterhalten. Profiteure dieses ausbeuterischen Systems sind, wie so oft, Männer. Unter ihnen wohlhabende Händler, Farmer oder Viehzüchter. Wahaya werden oft als inoffizielle „fünfte“ Frau bezeichnet, da die Gesetzgebung im Niger, die nach islamischem Recht geformt ist, nur den Besitz von vier Frauen gestattet. Es ist möglich, eine Wahaya für umgerechnet 305 Euro zu erstehen. Ein guter Preis wenn man bedenkt, dass diese jungen Mädchen ein Leben lang als Sklavinnen für ihren Herrn arbeiten müssen. Sie werden für keine der verrichteten Haushalts- oder Feldarbeiten entlohnt, außerdem ist es ihnen nicht gestattet, das Anwesen ohne Erlaubnis ihres Herrn zu verlassen und als wäre das noch nicht genug, werden sie gezwungen als Erkennungssymbol einen Messingring am Knöchel zu tragen. Neben häuslicher Gewalt, die von den offiziellen Ehefrauen mitgetragen wird, da diese die Wahaya-Frauen als potentielle Rivalinnen ansehen, zählt sexuelle Ausbeutung zu den schlimmsten Ausprägungen des Wahaya-Systems. Da der Status als Wahaya vererbt wird, werden Kinder, die eine Wahaya für ihren Herrn gebiert, automatisch als minderwertig und arbeitspflichtig angesehen. Schätzungen von Anti-Slavery International zufolge werden aktuell noch mehrere tausend Mädchen und Frauen als Sklavinnen im Niger gehalten. Und das, obwohl dieser alle wichtigen Abkommen der Internationalen Arbeitsorganisation ratifiziert hat1). Ebenso wurde vom nigrischen Parlament im Jahre 2003 ein Gesetz verabschiedet, das Sklavenhaltung mit bis zu 13 Jahren Haft verurteilen kann. Die Problematik bei der Umsetzung des Gesetzes liegt zumeist bei den lokalen Behörden, sowie der kooperationsunwilligen Bevölkerung in der Tahou Region, die das Wahaya-System, wie bereits erwähnt, als kulturelles Erbe betrachtet, das es zu erhalten gilt.2)

Ein Lichtblick bietet sich durch die Betrachtung von Hadijatou Manis Lebensgeschichte, einer jungen Frau, die im Alter von 12 Jahren als „fünfte“ Frau an den 46 jährigen El Hadj Souleymane Naroua verkauft wurde. Nachdem dieser sie offiziell heiraten wollte, verstand sie sich nicht mehr als Sklavin und flüchtete. Sie heiratete erneut und bekam ein Kind mit ihrem neuen Mann, zusätzlich zu den zwei Kindern, die sie bei El Hadj Souleymane Naroua bekam und für deren Rückkehr sie bis heute vor Gericht kämpft. 2007 wurden Hadijatou Mani und ihr neuer Ehemann als Bigamisten zu sechs Monaten Haft verurteilt. Dank intensiven Rechtsbeistands durch Anti-Slavery International, gewann Hadijatou Mani den Berufungsprozess und konnte zusätzlich Kompensationszahlungen in Höhe von umgerechnet 14.000 Euro gegen den Niger geltend machen, da dieser sie nicht vor den Auswirkungen der Sklaverei schützen konnte.3)

Dieser Fall bietet Hoffnung für alle Mädchen und Frauen innerhalb des Wahaya-Systems. Aber nur durch genügend internationalen Druck wird der Niger es schaffen, die Anti-Sklaverei Gesetze auch in der Tahou Region vollständig umzusetzen. Dies sollte das Ziel sein, damit junge Mädchen in Zukunft nicht mehr Opfer des menschenverachtenden Wahaya-Systems werden können und ihnen ein besseres und selbstbestimmtes Leben ermöglicht werden kann.
    

 

  1. Ratifications for Niger []
  2. Wahaya – Domestic and sexual slavery in Niger []
  3. Meet the girl who turned the tide on Niger’s ‘fifth wives‘; nicht mehr verfügbar []

Über timothy / earthlink

ich bin 21 Jahre alt und studiere Politikwissenschaft B.A. an der Universität Mannheim. Aufgrund meines großen entwicklungspolitischen Interesses habe ich mich dazu entschieden ein Praktikum bei Earthlink e.V. zu beginnen.
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