Verbot von Kinderarbeit = mehr Kinderarbeit?

Verbot von Kinderarbeit führt zu mehr Kinderarbeit. Das ist das Ergebnis einer Studie, die drei US-amerikanische und kanadische Wissenschaftler in Indien durchgeführt haben. Sie untersuchten die Auswirkungen des sogenannten „Child Labor (Prohibition and Regulation) Act“. Dieses Gesetzt verschärfte seit 1986 die Regulierungen von Kinderarbeit in Indien. Kinder unter 14 Jahren dürfen keine gefährlichen Arbeiten erledigen, wie etwa auf Baustellen, in Autowerkstätten oder in vielen Fabriken. Zudem wurden dadurch die zulässigen Arbeitsstunden reduziert, auch in ungefährlichen Berufen, wie etwa in der Gastronomie. Die Forscher belegen nun aber, dass diese Maßnahmen der Regierung nach knapp 30 Jahren keineswegs Erfolg zeigen. Ganz im Gegenteil.1)

Denn die Kinder, die wirklich verzweifelt sind und auf das Einkommen angewiesen sind, haben keine andere Wahl. Sie nehmen das Risiko auf sich und arbeiten trotzdem. Viele Arbeitgeber nutzen diese Hilflosigkeit schamlos aus und senken die Löhne nur noch mehr. Das hat zur Folge, dass in Familien, in denen zuvor vielleicht nur ein Kind arbeiten ging, nun mehrere Geschwister Geld verdienen müssen, um genug zum Überleben zusammen zu bekommen. Das Verbot von Kinderarbeit hat also tatsächlich eher zu sinkenden Löhnen und zu einer steigenden Anzahl an betroffenen Kindern geführt. Das Niveau der Kinderarbeit in Indien ist im Vergleich zu der Zeit vor dem Verbot um mehr als 12% gestiegen. Die Publikation zeigt außerdem, dass der Anteil der Kinder, die die Schule besuchen sank und führt es ebenfalls auf diese negativen Entwicklungen zurück.2)

Die Ergebnisse der Studie stellen das Vorgehen vieler Regierungen in Frage, die versuchen, Kinderarbeit mithilfe von Gesetzen zu bekämpfen. Fest steht, dass ein reines Verbot keineswegs eine langfristige Lösung des Problems sein kann. Viele Familien sind auf das zusätzliche Einkommen der Kinder angewiesen. Ein Verbot von Kinderarbeit führt deswegen meist nur zu wachsender Armut. Die Kinder suchen sich oft trotzdem Arbeit, doch als illegal Beschäftigte sind sie besonders schutzlos. Deswegen kämpfen weltweit immer wieder Kinder für ihr Recht zu arbeiten, und das nicht nur als billige Alternative zu Erwachsenen. Sie schließen sich in Gewerkschaften zusammen und fordern Arbeitsschutz und Krankenversicherungen. Es geht um Arbeit in Würde, ohne Ausbeutung.3)

In mehr als 30 Ländern gibt es mittlerweile Zusammenschlüsse von arbeitenden Kindern, in Lateinamerika bereits seit den 70er Jahren. In indigenen Völkern übernehmen Kinder dort schon früh Verantwortung und gelten als vollwertige Mitglieder der Gesellschaft. Eine bolivianische Gemeinde mit 5000 Einwohnern hat beispielsweise einen gerade einmal 11-Jährigen zum Bürgermeister gewählt. Und die damals 12-jährige Mónica brachte 2006 sogar den Präsidenten Evo Morales dazu, das geplante Verbot von Kinderarbeit aus dem Verfassungsentwurf zu streichen. Sie erklärte, dass es unrealistisch sei, Kinderarbeit zu verbieten. „Wir müssen arbeiten, sonst essen wir nicht! Wenn Kinderarbeit nicht mehr verboten ist, können wir für würdige Bedingungen kämpfen und gegen die Ausbeutung“4)

Weltweit arbeitet etwa jedes sechste Kind, insgesamt mehr als 150 Millionen.5) Es ist wichtig, bessere Arbeitsbedingungen für die Kinder zu schaffen und ihnen gleichzeitig die Möglichkeit zu geben, auch in die Schule zu gehen. Manche bezweifeln jedoch, dass sich Arbeit und Schule überhaupt vereinen lassen, ohne dass die schulischen Leistungen darunter leiden.6) Doch gerade Bildung ist im Kampf gegen die Armut essenziell.

In jedem Fall müssen jedoch Zwangsarbeit, Gewalt und ausbeuterische Arbeit verhindert und bestraft werden. Um Kinderarbeit wirklich zu verhindern, muss man an der Quelle des Übels ansetzen, nicht an den Symptomen. In den meisten Fällen ist das die Armut.

Ein kleiner Junge aus Bolivien fordert: „Verbietet doch zuerst den Hunger und die Armut, danach die Kinderarbeit!“4)

 

  1. Business Insider: Child Labor Bans Actually Make Things Worse For The Poorest Children []
  2. The National Bureau of Economic Research: Perverse Consequences of Well Intentioned Regulation: Evidence from India’s Child Labor Ban []
  3. Bund demokratischer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler: Kinderarbeit verbieten? []
  4. Fluter: “Lasst uns doch in Ruhe arbeiten!” Kinderarbeit gehört abgeschafft. Wirklich? [] []
  5. Younicef: Kinderarbeit []
  6. Global March Against Child Labour []

Über barbara / earthlink

Ich bin 21 Jahre alt und studiere im 5. Semester Geographie mit Schwerpunkt Tourismus in Eichstätt. In meinem Praktikum will ich erste Erfahrungen im Bereich der Entwicklungspolitik sammeln.
Dieser Beitrag wurde unter sonstiges abgelegt und mit , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

3 Kommentare zu Verbot von Kinderarbeit = mehr Kinderarbeit?

  1. Pingback: Monsanto, mit Gift und Genen - Seite 23

  2. Jürgen Claus sagt:

    Hi, da für uns wichtig wegen Verwendung von Natursteinen etc. die Frage zu o.g. Studie und der “üblichen” Meinung:
    Demzufolge sollten Auftragnehmer etc. nur zur Einhaltung der ILO-Konvention Nr. 182 vertraglich verpflichtet werden und nicht zur Einhaltung von Nr. 138? Oder? Viele Grüße und weiter so, gute Seite.

    • nikoletta / EarthLink sagt:

      Hallo Herr Claus,
      hier muss differenziert werden. Die Ergebnisse der beschriebenen Studie – Kinderarbeit unter bestimmten Rahmenbedingungen zu tolerieren – decken sich nicht unbedingt mit unserer Position. In vielen latainamerikanischen Ländern gibt es zwar mittlerweile Kindergewerkschaften, in denen sich arbeitende Kinder und Jugendliche organisieren und für ein selbstbestimmtes Arbeiten eintreten. Dies bezieht sich aber nur auf bestimmte Produkte (meist den informellen Sektor betreffend, wie Gastronomie, Souvenirverkäufe, Schuhputzer etc), bestimmte Länder und nicht auf ausbeuterische Kinderarbeit nach unserer Definition, die sich an der ILO-Konvention 182 orientiert. Was die Natursteinbranche betrifft, so sollten ganz klar beide ILO-Konventionen eingehalten werden. Die “übliche” Meinung positioniert sich da auch sehr eindeutig: Deutsche Kommunen, welche bereits eine Änderung ihrer Friedhofssatzung im Hinblick auf den Ausschluss ausbeuterischer Kinderarbeit initiiert haben, formulieren ihre Beschlüsse ganz klar nach beiden ILO-Konventionen. Ebenso Kommunen, die ihre Vergaberichtlinien bei der öffentlichen Beschaffung angepasst haben.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.