Großbritanniens nationale Schande

Großbritannien hat ein Problem mit dem Menschenhandel. Männer, Frauen und Kinder – vor allem aus Afrika, Asien und Osteuropa – werden immer wieder in das Land geschleust und zur Arbeit in Bordellen oder in Fabriken gezwungen. Allein im letzen Jahr wurden 2000 Menschen von der Polizei befreit, darunter 550 Kinder. Die Dunkelziffer ist jedoch deutlich größer, denn ca. 65 Prozent der befreiten Opfer werden staatlich erst gar nicht erfasst. Zudem wird geschätzt, dass noch immer über 90 Banden existieren, die in das lukrative Geschäft mit der modernen Sklaverei involviert sind – erleichtert wurde deren Arbeit bisher auch durch die scheinbare Ignoranz der britischen Politik.1)

Nur wegen zunehmender öffentlicher Empörung, entschloss sich 2011die Regierung unter James Cameron in dieser Thematik endlich enger mit den europäischen Institutionen zusammenzuarbeiten, deren Richtlinien umzusetzen und so den Kampf gegen diese besonders grausame Form der organisierten Kriminalität effektiver zu gestalten. Cameron stellte sogar den Medien gegenüber die Behauptung auf, dass sich das Vereinigte Königreich bald als „weltweit führend“ im Kampf gegen den Menschenhandel positionieren würde. Und tatsächlich wird das britische Parlament in Kürze ein neues und ambitioniertes Gesetz verabschieden, welches es Polizei und Justiz deutlich erleichtern soll, Menschenhändler strafrechtlich zu verfolgen.

Diese Fortschritte sind zu loben, reichen aber bei Weitem nicht aus. Vor allem ist der Schutz der geretteten Minderjährigen in Großbritannien – die sich meist ohne Eltern oder Verwandte in einem fremden Land befinden – immer noch als ungenügend zu bewerten. Zum einen werden sie meist als illegale Einwanderer und nicht als Opfer wahrgenommen, erhalten oft nur staatliche Unterstützung, wenn sie gegen ihre Peiniger vor Gericht von Angesicht zu Angesicht aussagen. Zum anderen gingen von den 942 Kindern, die zwischen 2005 und 2010 aus ihrer Gefangenschaft befreit wurden, den Behörden über 300 wieder „verloren“. Es wird angenommen, dass diese wegen unzureichenden staatlichen Schutzes, von den gleichen Menschenhändlern wieder eingefangen wurden. Ein Brief von britischen Menschenrechtorganisationen an die Regierung nennt dies zu Recht eine „nationale Schande“.2)

Diese Situation muss umgehend verbessert werden. Doch was ist zu tun? Zumindest ein Anfang wäre gemacht, wenn die britische Regierung die EU-Richtlinien zum Thema Menschenhandel auch tatsächlich umsetzen würde, was bisher – trotz gegenläufiger Versprechungen – noch nicht geschehen ist. Denn diese würden einen unabhängigen Vormund für die betroffenen Kinder vorsehen, der sie in Rechtsfragen unterstützt und ihnen vor allem Schutz vor erneuter Versklavung gewährt. Auch ist über eine angemessene Entschädigung entweder durch den britischen Staat oder durch die Täter nachzudenken, die das erlittene Unrecht zumindest teilweise wieder gutmachen.1)

  1. trafficking: evil trade weak system – The Guardian – 10.9.2013 [] []
  2. government failing to bring britain in line with european rules – The Independent – 10.9.2013 []
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