Geldnot, Gift und Gerberei: Alltag eines bangladeschischen Kindes

Bild: © Wikimedia - BJerzystrzelecki -

Siebzehn. Siebzehn ist ein Alter, in dem langsam die Weichen für das spätere Leben gestellt werden. Man macht seinen Abschluss, entscheidet sich für ein Berufsfeld, nebenbei geht man mit seinen Freunden feiern und seit Neuestem kann man sogar Auto fahren.

Auch Jahaj ist siebzehn. Seine Weichen sind längst gestellt. Er arbeitet in einer Gerberei in Hazaribagh, einem Stadtteil Dhakas, seit er zwölf Jahre alt ist, zehn Stunden täglich, für umgerechnet 37 US-Dollar im Monat. Sein Tätigkeitsfeld ist die erste Produktionsstufe, bei der man mit hochgiftigen Chemikalien in Kontakt kommt. „Wir tragen Handschuhe und Stiefel, aber das Wasser spritzt auf unsere Haut und unsere Kleidung. Wir tragen keine Schürzen. Das Wasser enthält Säure […], wenn es meine Haut berührt, brennt es“, erzählt er.1)

Jahaj ist kein Einzelfall. Grund ist – wie immer – die Armut der Eltern. Die einzige Möglichkeit, dieser langfristig zu entkommen, ist Bildung. Statistiken zufolge haben jedoch 50% aller arbeitenden Kinder noch keine Schule von innen gesehen – ein Teufelskreis.2)

Zusätzlich dazu haben Arbeiter in den Gerbereien von Hazaribagh mit schweren Gesundheitsrisiken zu kämpfen. In einem 101-seitigen Bericht listet Human Rights Watch alle Vergehen auf – Hauptproblem ist die bereits angesprochene Belastung durch hochgiftige Chemikalien. Dazu gehören z.B. Formaldehyd, Azofarbstoffe oder Pentachlorophenol, welche nachweislich krebserregend sind. Andere Substanzen wie Natriumsulfid oder Schwefelsäure können Gewebe, Haut, Augen oder den Atmungstrakt verätzen. Mit Schwindelgefühlen oder Brechreiz hat fast jeder zu kämpfen. Schutz in Form von Schürzen, Stiefeln, Handschuhen oder Masken wird gar nicht oder in nur unzureichender Menge angeboten. Ebenso gefährlich sind die veralteten und ungesicherten Arbeitsgeräte: Im schlimmsten Falle kann ein Unfall an einer solchen Maschine den Verlust von Gliedmaßen bedeuten.3)

Toxische Abfallstoffe jedweden Aggregatzustandes werden gedankenlos in die Natur gegeben – etwa 500 000 Einwohner Dhakas haben aufgrund der großen Umweltverschmutzung durch die Gerbereien spätere gesundheitliche Folgen zu befürchten.4) Einwohner der Slums von Hazaribagh klagen über Durchfall, Fieber und Hautprobleme.

Insgesamt arbeiten knapp 15 000 Arbeiter in den Gerbereien – viele von ihnen sind deutlich unter 14 Jahre alt, andere Quellen vermuten gar, dass ein Viertel der Arbeiter jünger als 11 Jahre alt ist. Das verarbeitete Leder wird in mehr als 70 Länder exportiert, u.a. nach China, Japan, Italien, Spanien, Südkorea und den USA, aber auch nach Deutschland. Seit 2002 stieg der Wert der Lederexporte um durchschnittlich 41 Millionen US-Dollar auf nun mehr 663 Millionen.5)

Die Regierung unternimmt freilich nichts. Bereits 2001 entschied der Oberste Gerichtshof, dass die Regierung für adäquate Abfallsysteme sorgen müsse. 2009 wurde verordnet, dass die Gerbereien an einen anderen Ort umgesiedelt werden müssten, nachdem ein ähnlicher, 2005 beschlossener Plan durch bürokratische Hemmnisse im Sande verlaufen war. Beide Urteile wurden von der Regierung ignoriert, Fortschritte sind immer noch nicht zu beobachten.6)

Sollte es irgendwann welche geben, so kämen diese für Jahaj zu spät. Seine Gesundheit wurde bereits nachhaltig geschädigt. Anfangs hatte er unter Ausschlag und penetrantem Juckreiz zu leiden – sein Vater und seine zwei Brüder, die ebenfalls in Hazaribagh arbeiten, berichten von ähnlichen Problemen. Vor kurzem wurde bei Jahaj Asthma diagnostiziert, Folge der giftigen Dunstschwaden, die durch die Chemikalien verursacht werden. Bereits mehrere Male erlitt er einen Arbeitsunfall, einmal trat er auf einen Nagel, ein anderes Mal zog er sich schwere Prellungen und Schnittwunden an einer Maschine zu, oft verletzt er sich am Rücken, wenn er schwere Gegenstände heben muss. Einen Inspektor der Regierung, der die Arbeitsbedingungen kontrolliert, hat Jahaj in seiner fünfjährigen Arbeitszeit noch nicht gesehen. Ein Ende dieser Tortur ist nicht in Sicht – auf die Frage, weshalb er denn überhaupt arbeitet, antwortet er schlicht: „Wenn ich hungrig bin, spielt Säure keine Rolle – ich muss etwas essen.“7)

Tipp: YouTube-Video von Human Rights Watch: Giftige Gerbereien in Hazaribagh (3:39)

  1. Toxic Tanneries – The Health Repercussions of Bangladesh’s Hazaribagh LeatherHuman Rights Watch – Seite 4 – PDF-Datei – Englisch []
  2. Getting rid of child labour – Financial Express Bangladesh – Englisch []
  3. siehe 1 – Seite 8 []
  4. Tannery pollution threatens health of half-million Bangladesh residents – Scielo Public Health – Englisch []
  5. Bangladesh: Tanneries Harm Workers, Poison CommunitiesHuman Rights Watch – Englisch []
  6. siehe 5 []
  7. siehe 1 – Seite 5 []
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1 Antwort zu Geldnot, Gift und Gerberei: Alltag eines bangladeschischen Kindes

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