Zigaretten drehen – ein Leben lang

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Sagira Ansari ist elf Jahre alt und schon eine Expertin im Bidi–Rollen. Diese indische Tabakware, ähnlich einer Zigarette aus Tabak und Kräutern, umhüllt mit einem Tendublatt, ist in Indien neben Fladenbroten und Chai Tee sehr beliebt. In Sagiras Dorf Dhuliyan rollen 95 % der 20.000 hier wohnenden Familien Bidi Zigaretten. Die Tabakindustrie ist dort die einzige Möglichkeit, Geld zu verdienen. So wie Sagira stellen auch die meisten anderen Kinder ihres Dorfes Bidi her, dabei sind sie den größten Teil des Tages von Tabakstaub umgeben. Sagira arbeitet acht Stunden pro Tag, oftmals bekommt sie von ihrer Arbeit Kopfweh, berichtet sie. Öfters schmerzen auch ihre Finger.

Angefangen hatte sie mit sieben Jahren und durfte erst nur ihren älteren Geschwistern helfen, doch seit letztem Jahr kann auch sie ganze Bidis rollen. Ihre Freundinnen verrichten dieselbe Arbeit, manchmal treffen sie sich am Ufer des Ganges um gemeinsam ein paar Stunden zu verbringen und Zigaretten zu rollen. Ab und zu geht Sagira zum Wasser, um dort ein wenig zu planschen. Doch dann geht es an die Arbeit zurück. „Ich kann nicht lange spielen“ bedauert sie.

Schon Sagiras Vater hatte mit zwölf Jahren angefangen in dieser Branche zu arbeiten. Seine vier Kinder arbeiten nun alle mit ihm zusammen. „Sie haben es besser als ich damals“ erläutert er. Für 1000 Bidis bekommen sie ca. $ 1,50, pro Monat sind das ungefähr 150 Dollar. Das reicht für drei Mahlzeiten am Tag.

Diese Art von Kinderarbeit war 1986 mit einem Gesetz unterbunden worden, welches besagt, dass Kinder unter 14 Jahren nicht in gesundheitsgefährdenden Industrien, wie z.B. der Herstellung von Bidis, arbeiten dürfen. Allerdings ließ das Gesetz einen großen Spielraum offen, denn es war Kindern immer noch erlaubt, ihren Eltern bei der Arbeit zu Hause zu helfen. Auf diese Weise hat sich das Dorf Dhuliyan in eine Art Freiluft-Fabrik für das Rollen von Bidis entwickelt. Das führt zu einer hohen Dunkelziffer von Kinderarbeitern, aber Schätzungen gehen von 250.000 bis zu einer Million arbeitenden Kindern in diesem Feld aus.

Umesh Parekh, Chef der All India Bidi Industry Federation, ist sich keiner Schuld bewusst. „Solange wir die Kinder nicht explizit einstellen, um Bidis zu rollen, brechen wir kein Gesetz“ erklärt er. Manu Seikh ist einer der vielen Mittelsmänner, welche den Familien in Dhuliyan die Materialien zum Bidi rollen verkaufen. Er selber hatte mit 16 Jahren begonnen, in einer Bidi Fabrik zu arbeiten. Heute ist er 66 Jahre alt und sieht die Ursache der verbreiteten Kinderarbeit in der enormen Armut, von der viele Kinder betroffen sind. Die Armut zwinge sie zur Arbeit und die Regierung schaffe es nicht, dies zu verhindern. „Ich bin sehr besorgt darüber, dass die Kinder nicht zur Schule gehen und ihre Zukunft verlieren. Aber wir sind hilflos“ klagt er.

Im letzten Monat war Sagira nur zweimal in der Schule. Sie geht dort nur hin, wenn es z.B. neue Bücher gibt oder wenn sie sich für das Unterstützungsgeld der Regierung für Bidi- Roller anmeldet. Obwohl sie nie regelmäßig da ist, kommt sie trotzdem jedes Jahr in die nächste Klasse. Mathematik beherrscht sie kaum, sie kann bis 25 zählen, so viel, wie Bidis in ein Bündel gehören. Lesen lernt sie nach der Arbeit von ihrem Bruder, der es ihr mit Hilfe ihrer Schulbücher beibringt, obwohl er selbst nicht oft in der Schule ist. Wenn sie einmal zur Schule geht, wird sie dort für ihr häufiges Fehlen bestraft. Sie muss die Hände an die Ohren halten und mit ausgestreckten Ellbogen mehrmals hintereinander aufstehen und sich hinsetzen.

Sagiras Traum ist es, einmal Lehrerin zu werden. Doch höchstwahrscheinlich wird sie weiterhin Bidis rollen müssen. Sie ist eines der hunderttausend Kinder, die in den abgelegenen, ländlichen Gegenden Indiens jeden Tag mühevolle Arbeit verrichten.1)2)

  1. Indian girl trapped in life of cigarette rolling – The News []
  2. Die Artikel von WJTV-TV, SeattlePi – nicht mehr verfügbar, Herald Online und ABC News sind leider nicht mehr verfügbar. []
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