Versprechen aus Watte – H&M, Primark und C&A in der Kritik

Bild: © n.v. -

Arbeitsvermittler versprachen Sulhaba und ihrer Familie das Blaue von Himmel. Doch das Einzige was ihr blieb, war ein Knäuel aus Baumwolle, den ihr die Ärzte aus der Bauchgegend herausoperieren mussten. Sulhaba ist eine der rund 120.000 indischen Mädchen und jungen Frauen, die nach dem sogenannten Sumangali-Schema im großen Stil für die Arbeit in den Textilfabriken des südindischen Bundesstaats Tamil Nadu angeheuert werden. Die meisten von ihnen gehören der Kaste der „Unberührbaren“ oder anderen niedrigen Kasten an. Versprochen wird ihnen ein anständiges Gehalt, komfortable und geschützte Unterkünfte und das Verlockende für viele: eine beträchtliche Summe an Geld nach Beendigung eines Dreijahresvertrags. Das Geld kann anschließend als Mitgift verwendet werden, denken viele der Familien, die sich auf den Vertrag einlassen. Denn obwohl das indische Gesetz Mitgift seit 1961 verbietet, ist es vor allem in den ländlichen und ärmeren Gebieten Indiens immer noch eine gängige Praxis, da Familien dort teilweise hoch verschuldet sind.

Über das Sumangali-Schema wurde in dem im Mai 2011 veröffentlichten Bericht „Captured by Cotton“ des niederländischen SOMO Forschungszentrums für multinationale Unternehmen und des Indien Komitees der Niederlande ausführlich berichtet. Für den Report wurden vier Textilfabriken untersucht.1) In diesen soll auch für die Firmen ASOS, Bestseller, C&A, Grupo Cortefiel, H&M, Mothercare, Next, Primark und Tesco produziert worden sein.

Die Vorwürfe des Berichts von 2011 zeichneten ein schockierendes Bild vom Alltag der jungen Arbeiterinnen: die Rede ist von Kinderarbeit, Zwangsüberstunden, Gefahren für die Gesundheit und das Wohlbefinden, Freiheitsberaubung, Versammlungsverbot Beschimpfungen und sexueller Nötigung durch Aufsichtspersonen. So mussten viele der Arbeiterinnen zusätzlich zur regulären Arbeitszeit (von 12 Stunden täglich beziehungsweise 72 Stunden wöchentlich) Zwangsüberstunden leisten. Die Unterkünfte teilten sich die Mädchen und jungen Frauen mit fünf bis sechs anderen Arbeiterinnen. Von den versprochenen drei Mahlzeiten täglich oder von einer Sozialversicherung konnten viele nur träumen.

Schätzungen zufolge sind zehn bis zwanzig Prozent der Sumangali-Arbeiterinnen Mädchen erst zwischen elf und vierzehn Jahren. Darüber hinaus gibt es klare Verstöße gegen die Konventionen der Internationalen Arbeitsagentur (ILO). Die Arbeitsbedingungen gefährden die Gesundheit der jungen Mädchen und Frauen, da sie viele Stunden im Stehen arbeiten. Es gibt Berichte über Kreislaufprobleme, Müdigkeit, Schlafstörungen und Kopf- und Bauchschmerzen der jungen Arbeiterinnen. Nicht immer tragen sie Masken gegen den Baumwollstaub, der durch die Produktion in der Luft schwebt – teils freiwillig, teils weil ihnen der Arbeitgeber keine zur Verfügung stellt – und atmen ihn so ein. Dies kann in extremen Fällen dazu führen, dass ganze Knäuel operativ entfernt werden müssen – wie es bei Sulhaba der Fall war.

Sie war 14 Jahre als sie als Reinigungskraft in einer Bekleidungsfabrik zu arbeiten begann. Von den 35 Rupien Tageslohn wurden ihr 15 Rupien für Verpflegung und Unterkunft abgezogen, sodass ihr nach einem normalen Arbeitstag 20 Rupien, umgerechnet 33 Cent, zum Leben übrig blieben. Zweieinhalb Jahre arbeitete sie in der Fabrik, durfte diese nur mit einer Aufsichtsperson verlassen, einen freien Sonntag hat sie nicht erlebt und ihre Eltern durften sie erst nach einem Jahr besuchen, als sie krank war. Nachdem sie häufig in Ohnmacht fiel und Atemprobleme hatte, begab sie sich in ärztliche Behandlung. Die Mediziner fanden schließlich eine Ansammlung von Baumwollpartikeln in den Eingeweiden, die sie herausoperieren mussten. Für die Operation mussten ihre Eltern 20.000 Rupien, umgerechnet 330 Euro zahlen. Obwohl ihr Arbeitgeber versprach, dass sie Entschädigungszahlungen erhalten werde, wartet sie bis heute vergeblich darauf.

Die großen Firmen reagierten auf die Vorwürfe im Mai 2011 in Form einer Stellungnahme (wir berichteten in der Vergangenheit), die die wichtige Rolle der Unternehmen betonte und mehr Transparenz sowie die Abschaffung des Sumangali-Schemas forderte.

Mit Spannung wird derzeit der für April 2012 angekündigte Nachfolgebericht erwartet. Bereits Anfang März diesen Jahres stellten das SOMO Forschungszentrum für multinationale Unternehmen und das Indien Komitee der Niederlande eine kurze Vorschau über ihren bald erscheinenden Bericht vor.

Die ersten Ergebnisse: Augenscheinlich gibt es deutliche Verbesserungen. So wurden die Löhne erhöht und damit auch die Geldsumme, die die Arbeiterinnen nach Ablauf ihres Dreijahresvertrags erhalten. Zudem wurde die Wohnsituation verbessert. Auch die Bewegungsfreiheit wurde insofern erhöht, als dass sie die Fabriken manchmal auch alleine verlassen können. Dennoch bleiben die Probleme laut des neuen Berichts weiter bestehen. Kritisiert wird insbesondere die Art und Weise ihrer Anheuerung. Noch immer werden die Mädchen und Frauen in den ärmsten und am wenigsten entwickelten Gebieten rekrutiert und gehören den ausgegrenzten Bevölkerungsgruppen an. Gleichzeitig erwarten die Arbeitgeber weiterhin viele Überstunden und es gibt Berichte über Missbrauch.

Der Weg hin zu fairen Arbeitsbedingungen sei noch lang. Das Plädoyer des Berichts fällt klar aus: Künftig sollen vor allem lokale Interessensvertreter der indischen Gesellschaft stärker miteinbezogen werden. Ferner sollen aktive Gewerkschaften gestärkt und das Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Verhältnis verbessert werden.

 

Quellen:

  1. Die Fabriken sind namentlich Bannari Amman Group, Eastman Exports, KPR Mill und SSM India. []
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