Hexenkinder ohne Zauberkräfte: Das Stigma der Straßenkinder Kinshasas

Bild: © n.v. -

„Meine Mama hat mich verstoßen, weil ich zu viel gegessen habe. Ich wurde verletzt und mit einem Stock geschlagen, damit ich zugebe, dass ich verwunschen bin. Dann hat mich Mama in die (evangelikale) Kirche gebracht. Dort haben sie gesagt, ich sei eine Hexe. Man hat mir Öl auf die Augen getan, um mich zu heilen. Aber als wir zu Hause angekommen sind, hat Mama meine Kleidung genommen und gesagt, dass ich gehen soll. Sie meint ich bin ein Hexenkind.“1)

Das Schicksal des 13-jährigen Sanka, der als Achtjähriger von seiner Familie verstoßen wurde, steht beispielhaft für viele der Kinder und Jugendlichen in Kinshasa, der Hauptstadt der Demokratischen Republik Kongo. Man schätzt, dass es zwischen 30.000 und 50.000 Jungen und Mädchen gibt, die in den Straßen Kinshasas betteln, arbeiten, schlafen und wiederum eigene Kinder zur Welt bringen. Rund drei Viertel von ihnen wurden von ihrer Familie misshandelt und verstoßen, weil diese glaube, sie seien Hexenkinder.

Die Erklärungen hierfür klingen gleichermaßen banal und absurd: „Manchmal sehen Sie ganz junge Kinder mit großen Augen, schwarzen Augen und einem aufgeblähten Bauch. Das sind die äußeren Anzeichen von Hexenkindern.“ Aus Angst, das „Teufelskind“ könnte der Familie schaden, werden teils sehr schmerzhafte Exorzismen an den Kindern durchgeführt. Eine mögliche Anlaufstelle hierfür sind zahlreiche Pfingstkirchen im Lande, die Exorzismen durch Priester anbieten.

Teilweise von der Familie verstoßen, teilweise vor den Misshandlungen geflohen, landen viele der Kinder auf der Straße. Dort droht ihnen Ausbeutung, Vergewaltigung, Misshandlung und Mord. Die Neuankömmlinge auf der Straße sind ein leichtes Opfer für Rebellen, die sie als Kriegsrebellen rekrutieren.

Die Misshandlungen während der exorzistischen Rituale reichen von Verbrennen mit heißen Gegenständen, über Vergewaltigen, Verbrühen und Prügeln bis hin zu Aufschlitzen mit Messer und Rasierklingen. Einige Priester sind der Ansicht, der Exorzismus müsse schmerzhaft für die Kinder sein, da diese sonst nicht geheilt würden. Das Geschäft mit den Hexenkindern kann vor allem für Priester sehr lukrativ sein: rund 50 US-Dollar verlangen sie für einen Exorzismus.2) Gemessen am jährlichen Durchschnittsgehalt in der Demokratischen Republik Kongo von 300 US-Dollar ist dies eine hohe Summe an Geld.3)

Auch wenn der Glaube an magische Kräfte in Afrika traditionell weit verbreitet ist, stellt der Glaube an Hexenkinder ein recht neues Phänomen dar. Mittlerweile gibt es rund 7.000 sogenannter Erweckungskirchen, welche sich in den vergangen zwei Jahrzehnten rasant in Kinshasa verbreiteten.4) Neben religiösem Eifer bieten vor allem mangelnde Bildung und zunehmende Armut einen idealen Nährboden für den über das ganze Land verbreiteten Glauben an Hexenkinder. Verzweifelte Eltern versprechen sich durch einen Exorzismus ihres Kindes die Lösung all ihrer finanziellen, gesundheitlichen und zwischenmenschlichen Probleme.

Neben dem Kongo vermutet man insbesondere in den Ländern Nigeria (wir berichteten bereits in der Vergangenheit) und Angola eine hohe Zahl an Exorzismen. Ein im Jahr 2009 veröffentlichter Report der UN zeigt auf, dass eine immer größere Zahl an Kindern in zentralafrikanischen Ländern als Hexenkinder bezichtigt wird. Infolgedessen nimmt auch die Zahl der gewaltsamen Exorzismen zu.

Die kongolesische Regierung hat bereits ein Gesetz verabschiedet, das es verbietet, Kinder der Hexerei zu beschuldigen. Dies änderte jedoch nur wenig, da es faktisch nicht durchgesetzt wird.

  1. Le Nouvel Observateur: RDC: mieux vaux tuer l’enfant sorcier que lui vous tue (27.03.2011, auf Französisch) []
  2. USA Today : Children in Congo forced into exorcisms (21.05.2009, auf Englisch) []
  3. CIA – The World Factbook: Democratic Republic of the Congo []
  4. Bericht über die Erweckungskirchen in Kinshasa – Link nicht mehr abrufbar – 09.01.14 []
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