Die Schuhputzer ohne Gesicht und Namen

Bild: © n.v. -

Ich sitze auf den Stufen einer Kirche in La Paz und der Wind bläst mir kalt um die Ohren. Ein junger Mann kommt auf mich zu und spricht mich an. Er trägt eine schwarze Strickmütze und sein Gesicht ist verdeckt mit einem dunklen Tuch, sodass nur seine dunkelbraunen Augen erkennbar sind. In der rechten Hand trägt er ein aufklappbares Holzkästchen, seine Finger umgreifen ein schmutziges Tuch und die Fingernägel sind von schwarzen Rändern umgeben. Ob er meine Schuhe putzen soll, möchte er wissen. Alltag in der bolivianischen Großstadt.

Die mit Tüchern verdeckten Gesichter mögen auf manch Unwissenden Angst einflößend wirken. Doch in La Paz gehört dies zum Alltag. Er sagt, er sei 18 Jahre alt. Doch viele der zahlreichen, jungen Schuhputzer sind noch minderjährig. Für ein paar Bolivianos mehr am Tag putzen sie Einheimischen und Touristen die Schuhe. Mit dem Geld unterstützen sie ihre Familien, bezahlen das Schulmaterial oder finanzieren ihr Studium. Doch einige unter ihnen haben keine Perspektive: Ihre Wahl ist die zwischen der Arbeit als Schuhputzer oder der Armut – die häufig gleichbedeutend ist mit Alkoholismus oder Drogenabhängigkeit.

In La Paz wird geworben, gefeilscht und es herrscht Hektik. An den Bushaltestellen und Häuserecken stehen improvisierte Verkaufsstände, wo Frauen ihre Waren zum Verkauf anbieten: frisch gepresste Orangensäfte in Plastiktüten, frittierte Kartoffeln, Nüsse und vieles mehr. In der Nähe liegt auch der sogenannte Hexenmarkt, wo sich zahlreiche skurrile Verkaufsobjekte finden. Hier decken sich die Bolivianer mit Gewürz-, Kräuter- und Medizinmischungen ein, die gegen jegliche Arten von Alltagsleiden helfen sollen und Touristen halten Ausschau nach skurrilen Objekten für ihre Urlaubsfotos.

Und überall finden sich die jungen Schuhputzer. Sie fragen woher man kommt, wie kalt es in Deutschland ist und interessieren sich für deutsche Fußballer wie Michael Ballack. Aus Scham verdecken sie ihre Gesichter, oftmals wissen weder ihre eigene Familie noch die Freunde von der Arbeit. Und doch nimmt jeder, der die Stadt besucht, die jungen Schuhputzer wahr. Bei zahlreichen Kindern und Jugendlichen im Land ist dies anders. Sie schuften in Minen unter Tage, werden in der Landwirtschaft eingesetzt oder sexuell ausgebeutet.

La Paz bedeutet Frieden auf Spanisch. Ob die Kinder und Jugendliche, die Tag für Tag in Bolivien arbeiten müssen ihren persönlichen Frieden finden werden, darüber wird die Zukunft entscheiden. Und die ist für viele abhängig von der bolivianischen Regierung und lokalen Politikern sowie den Bemühungen nationaler und internationaler Organisationen.

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