Aserbaidschan: Wie bekommt man das Problem der Kinderheirat in den Griff?

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Zwei Jahre, nachdem das Parlament in Aserbaidschan strengere Gesetze versprochen hat um Kinderehen zu verhindern, scheint wenig passiert zu sein. Immer noch kann nur die Polizei Hochzeiten zwischen einem volljährigen Ehepartner und Minderjährigen verhindern. So geschehen ist es beispielsweise erst letzten Monat, als eine Razzia der Polizei in einem Schönheitssalon nötig war, um einen 30-Jährigen daran zu hindern ein 13-jähriges Mädchen zu heiraten.

Die 13-jährige Braut sagte aus, es sei ihr bewusst, dass Frauen laut Gesetz nicht unter 17 Jahren heiraten dürften. Allerdings sei ihr zukünftiger Mann, der fast 20 Jahre älter ist als sie, eine gute Partie gewesen, da ihre Familie sagt, er sei ein Geschäftsmann. Ihre Mutter habe Fotos seines Hauses gesehen und es sei sehr groß und wunderschön. Das Mädchen erzählt weiter, sie wäre zwar schon gerne noch weiter in die Schule gegangen und dann auf eine Musikhochschule, aber so wie ihre Mutter ihr die Hochzeit und Ehe beschrieben hätte, klang das nach einer sehr guten Idee für sie. Die Braut beschuldigt neidische Verwandte, die Polizei verständigt zu haben, da der Bräutigam erst mit der Cousine der Braut verheiratet werden sollte, sie ihm aber wohl besser gefallen habe, so dass er schließlich ihr den Antrag machte.

Der stellvertretende Polizeichef in Ganja, Ilgar Balakishiyev, vermutet, dass eine Geldtransaktion hinter der Hochzeit stehe. Die Hochzeit sollte sehr schnell, innerhalb einer Woche, und ohne viele Gäste über die Bühne gehen, sagt er. Außerdem wurde das Mädchen vor der Hochzeit medizinisch auf ihre Jungfräulichkeit untersucht und hat ein offizielles Zertifikat erhalten, das ebendiese bestätigt. Seiner Erfahrung nach bedeutet diese Untersuchung, dass die Eltern ihre Tochter zu einem höheren Preis verkaufen wollten. Die Mutter bestreitet jedoch, dass Geld eine Rolle gespielt hätte. Sie argumentiert, dass sie ihre Tochter liebe und sie nicht verkaufen würde. Ein guter zukünftiger Mann sei aufgetaucht und sie wollte nur, dass ihre Tochter glücklich sei. Ihre Gesundheitsprobleme im Kopf, habe sie einfach nur dafür sorgen wollen, dass ihre Tochter möglichst bald ein gutes Leben haben könne. Auch sie sei mit 13 Jahren verheiratet worden, sagt die Mutter.      

2009 hatte die Parlamentsabgeordnete Hadi Rajabli, die Vorsitzende des parlamentarischen Komitees für Sozialpolitik, eine Gesetzesänderung angestrebt, da sie der Meinung ist, dass eine minderjährige Mutter ihre Kinder nicht richtig großziehen kann. Warum aber wurde nichts weiter getan, seit 2009 das erste Mal über diese Gesetzesänderung gesprochen wurde? Rajabli antwortet, dass sie im Parlament nicht untätig herumsitzen würden, sondern viele andere Gesetze verabschiedet hätten, und da das Thema nun in Form einer Gesetzesänderung auf der Agenda sei, würde es besprochen und vermutlich auch verabschiedet werden. Das könnte sogar schon Anfang Herbst stattfinden. Die Opposition beschwert sich jedoch über die Untätigkeit der Regierung. Panah Huseynov, ein ehemaliges Mitglied des Parlaments für die oppositionelle Musavat Partei, ist der Meinung, dass die Gesetzgeber zu beschäftigt mit anderen Dingen wären.

Frauenrechtsorganisationen fordern eine baldige stärkere Gesetzgebung, da Mädchen zunehmend unter dem legalen Alter verheiratet werden. Momentan sieht das Gesetz für Männer 18 Jahre und für Frauen 17 Jahre als legales Mindestalter vor. Unter außergewöhnlichen Umständen kann das Alter für beide um ein Jahr verringert werden. 

Wegen des Gesetzes wird, wenn ein minderjähriges Mädchen verheiratet wird, nur nach muslimischer Tradition geheiratet, nicht staatlich. Allerdings haben Frauen, und vor allem minderjährige Mädchen, ohne staatliches Hochzeitszertifikat keinen Anspruch auf den Schutz, den es für eine legale Ehe gäbe. Im Falle einer Scheidung hat die Frau keinerlei Ansprüche auf Besitz oder finanzielle Unterstützung, meint Namiq Gulivev, ein Anwalt der Free Legal Assistance Help (kostenlose Rechtsberatung). Nur, falls die Frauen Kinder haben, und der Mann deren Vaterschaft formal anerkennt, haben die Frauen ein Recht auf Unterhalt.

Maleyka Alizade, die Vorsitzende des regionalen Zentrums für Frauen, erzählt, dass Mütter das Verheiraten ihrer Töchter damit rechtfertigen würden, dass diese dann in einer besseren wirtschaftlichen Situation leben könnten. Aber es sei sehr wichtig den Müttern klar zu machen, dass Mädchen mit 13 oder 14 Jahren physisch und psychisch nicht bereit für eine Ehe seien und so eine Reihe von Problemen durchstehen müssten. Alizade fragt sich, wie eine 13-Jährige ein Kind großziehen kann, da sie doch immer noch selbst ein Kind ist und ihr Kind eher als eine Puppe betrachten würde. Des Weiteren sagt sie, dass Kinderheiraten die höchste Scheidungsquote haben, und folglich die Frauen keinerlei Rechte oder Ansprüche auf Besitz oder finanziellen Verdienst haben und damit Opfer von Menschenhandel werden könnten. Jetzt würden alle auf die höchst notwendige Gesetzesänderung warten. Sie hofft sehr, dass das Parlament das Gesetz im Herbst verabschiedet und damit das minimale Heiratsalter für beide Geschlechter auf 18 Jahre angehoben wird. Allerdings könne eine Verbesserung der Gesetzeslage nur der Anfang sein, betont Alizade. Ihrer Meinung nach, müsste, um das Problem der Kinderheirat wirklich zu beheben, die Polizei härter gegen illegale Hochzeiten vorgehen, Schulen müssten ihre Aufmerksamkeit erhöhen und Eltern verantwortungsbewusster mit der Zukunft ihrer Töchter umgehen.

 

Link zum Artikel (englisch)

Über amelie / EarthLink

Ich bin gerade fertig geworden mit meinem Bachelor of Arts in European Studies an der Universität in Maastricht, Holland. Um ein bisschen Arbeits- und Lebenserfahrung zu sammeln mache ich momentan ein Praktikum bei Earthlink, bis ich im Herbst einen Master-Studiengang in International Security and Law in Dänemark beginne. Bei Earthlink schreibe ich Blogeinträge für die Website Aktiv gegen Kinderarbeit und bin mit Recherche für das Projekt Facing Finance beschäftigt.
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