Kinderarbeit in Indien

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In Zahlen

  • Gesamtbevölkerung: 1.220.800.359 (Stand: Juli 2012)  1)
  • Bevölkerung von 0-14 Jahren: 28,9% (Stand: 2013) 1)
  • 12% der Kinder zwischen 5 und 14 Jahren arbeiten. 2)
  • 12% aller Jungen und 12% aller Mädchen in Indien verrichten Kinderarbeit. 2)
  • In Indien arbeiten 12,7 Millionen Kinder im Alter von fünf bis vierzehn Jahren (Stand: Zensus 2001). 3) Kinderschützer gehen dagegen davon aus, dass die tatsächliche Zahl bei 60 Millionen liegen könnte. 4)
  • Allein in der indischen Teppichindustrie arbeiten nach Schätzungen der ILO  250.000 Kinder unter ausbeuterischen Bedingungen. 5)

Tätigkeiten / Produkte

  • Landwirtschaft: Reis-, Tabak- und Baumwollanbau 6)
  • Hausmädchen 7)
  • Helfer bei der Produktion von Fahrzeugen
  • Müllsammler
  • Teppiche
  • Textilien, Produktion von Seide, Stickwaren  und Leder 6)
  • Arbeit in den Fabriken der Räucherstäbchen-,  Streichholz-, Zigaretten- und Feuerwerksherstellung 6)
  • Herstellung von Schlössern
  • Ziegelproduktion, Steine brechen,  Edelsteinpolitur 7)
  • Leder- und Sportartikel-Herstellung 6) , Schuhproduktion 8)
  • Glasschmuck, Herstellung von Messingwaren 6)
  • Natursteine, Arbeit in Steinbrüchen 7)
  • Herstellung von Fußbällen
  • Straßenverkäufer 9)
  • Schiffsabwrackung zur Stahlgewinnung
  • Abbau von Glimmer (Katzensilber) für die Kosmetik-, Farben- und Elektroindustrie 10)
  • Arbeit in Hotels, Restaurants und im Tourismus 7)
  • Kinder als Schauspieler, Kleindarsteller und in Shows 11)
  • Prostitution, Sexsklaverei: 1,2 Millionen Kinder müssen sich prostituieren, Sex – Tourismus ist verbreitet 7)
  • Indien ist Ziel-, Ausgangs- und Durchgangsland für Kinderhandel zum Zweck der kommerziellen sexuellen Ausbeutung der Kinder und für Zwangsarbeiten (in der Landwirtschaft, Ziegelherstellung, Bettelbanden, Haussklaverei) 7)
  • Kindersoldaten, rekrutiert von bewaffneten Oppositionsgruppen in einigen Gegenden 7)

Allgemeine Rahmenbedingungen

  • Zwar hat Indien im letzten Jahrzehnt ein starkes Wirtschaftswachstum erfahren, aber die großen wirtschaftlichen und sozialen Ungleichheiten bleiben bestehen.
  • Auf dem Land gibt es nicht viele Arbeitschancen, weshalb es viele in die überfüllten Städte zieht.
  • Arbeitslosenrate: 9,9% (2012)
  • Bevölkerung unter der Armutsgrenze (2010): 29,8% 12)
  • Kinderehen sind verbreitet: 18% der Mädchen wurden vor ihrem 15. Lebensjahr verheiratet, mit 18 Jahren sind 47% der Mädchen verheiratet (UNICEF 2010). 13)

Schulbildung

  • Schulbildung ist kostenlos und verpflichtend bis zum 14. Lebensjahr.
  • Auf dem Land sind die Schulen oft schwer erreichbar, Mädchen werden dort manchmal vom Schulbesuch abgehalten. 7)
  • 97% der Jungen und 94% der Mädchen werden eingeschult (2010).
  • Über 15% der Kinder besuchen die Schule aber nicht regelmäßig.
  • In die Sekundarstufe schreiben sich 59% der Jungen und 49% der Mädchen ein.
  • 88% der Männer und 74% der Frauen können lesen und schreiben. 13)

Ursachen für Kinderarbeit

  • Armut 14)
  • Kinderarbeit ist traditionell verankert in der indischen Gesellschaft (hohe Toleranzschwelle, Arbeiten zur Sicherung des Familienunterhalts hat Vorrang gegenüber Bildung).
  • Kinder sind billigere und willigere Arbeitskräfte als Erwachsene. 15)
  • Es gibt kein Mindestalter für Kinderarbeit, Minderjährige dürfen gefährliche Arbeiten verrichten, der Familiensektor wird von den Gesetzen gar nicht erfasst. 7)

Gesetzliche Rahmenbedingungen

  • ILO Konvention Nr. 105: ratifiziert am 18.5.2000
  • ILO Konvention Nr. 138: nicht ratifiziert
  • ILO Konvention Nr. 182: nicht ratifiziert
  • UN-Kinderrechtskonvention: am 11.12. 1992 16) beigetreten
  • In Indien gibt es keine nationalen Gesetze, die es verbieten, Kinder unter 14 Jahren zu beschäftigen.
  • Seit 1986: Der “Child Labour (Prohibition & Regualtion) Act” verbietet gefährliche Kinderarbeit in bestimmten Branchen für Personen unter 14. 17) Im Oktober 2006 wurde ein weiteres Gesetz verabschiedet, seitdem zählen beispielsweise auch Heimarbeit und Arbeit in Restaurants zu den verbotenen Arbeiten für Kinder unter 14 Jahren. 18) Verstöße werden mit Geld- oder Gefängnisstrafen geahndet, es gibt auch Schadenersatz für Betroffene 19) .
  • Der “Bonded Labour System (Abolition) Act” aus dem Jahr 1976 schließt jede Form von Versklavung kategorisch aus. 18)
  • Für die kommerzielle sexuelle Ausbeutung eines Kindes kann eine Gefängnisstrafe von 7 Jahren bis lebenslänglich verhängt werden. 20) Das im Februar 2009 erlassene erweiterte Informationstechnologiegesetz ahndet Kinderpornografie mit Gefängnisstrafen bis zu sieben Jahren und Geldbußen bis zu umgerechnet 15.000 Euro. 21)

Bisherige Lösungsansätze

  • Im Januar 2004 startete die indische Regierung ein nationales Kinderarbeitsprojekt in 50 Provinzen, das eine bessere Bildung, vor allem auch für arme und arbeitende Kinder, garantieren soll.
  • Darüber hinaus existieren viele Programme, die von anderen Verwaltungseinheiten, von Bundesstaaten oder Distrikten, getragen werden. Meist werden diese in Zusammenarbeit mit internationalen NGOs durchgeführt.
  • Ein generelles Verbot der Kinderarbeit wurde im August 2011 in Aussicht gestellt. Bisher sind Kinder nur von spezifischen gefährlichen Tätigkeiten ausgeschlossen. 22)
  • Im Moment (Februar 2013) wird über ein Gesetz im Parlament beraten, das Kinderarbeit für unter 14 Jahren verbietet.

Bisherige Erfolge

  • Über die letzten 10 Jahre ist der Prozentsatz der eingeschulten Kinder gestiegen. Außerdem haben sich die Alphabetisierungsraten verbessert. 2)

Fallbeispiele

Nähen für OTTO und Heine

Raju, der wie ein Zehnjähriger aussieht, hockt in einem stinkenden Kellerloch in Neu-Delhi. Er stickt und stickt und stickt  – 14 Stunden am Tag verziert er Blusen mit Pailletten. Genauso wie die anderen Kinder, die hier zwischen Stapeln mit halb fertigen Textilien schuften. Ein Junge, Anil, sagt, er sei zwölf. An der Rückseite seiner Beine hat er frische Wunden. Der Aufseher steht daneben, als der Kleine heftig bestreitet, geschlagen worden zu sein. Quelle: Kinderarbeit für den Heine-Versand (stern-Artikel aus Heft 06/2007)

Nähen für ESPRIT

Mohammed ist hungrig und müde. Er kauert auf dem Fußboden eines engen Zugabteils im “Sampoorna Kranti Express”. Gleich werden die Waggons von Patna, der Hauptstadt des indischen Bundesstaates Bihar, in Richtung der 13-Millionen- Metropole Neu-Delhi rumpeln. In 20 Stunden werden rund 800 Kilometer Eisenbahnfahrt Mohammed von seinen Eltern trennen. Mohammed ist zehn Jahre alt.

Die Jungen sind bestimmt für die boomende Bekleidungsindustrie der Stadt. Kinder sind dort schlicht ein Kostenvorteil im globalen Standortwettbewerb. Sie arbeiten für ein Fünftel dessen, was ein sowieso nicht gut bezahlter indischer Näher nach Hause bringen würde – wenn sie überhaupt bezahlt werden.

Quelle: Dieser Junge näht Ihr Hemd (stern-Artikel aus Heft 24/2007)

Nähen für GAP

Der 11-jährige Junge kauert in gebückter Haltung auf dem Fußboden und hält eine dicke Nähnadel zwischen seinen Fingern. Der verwahrloste Raum stinkt nach Kot und Urin. Der Abort auf dem Gang ist übergelaufen. Konzentriert näht der Junge kleine Perlen auf ein weißes Oberteil mit grünen aufgedruckten Schneeflocken, das über einen runden Holzrahmen gespannt ist. Im Label des Oberteils steht „Size M, 8“. Das Oberteil ist für achtjährige Kinder gedacht. Normalerweise wäre es in diesen Tagen für das Vorweihnachtsgeschäft in eine der rund 3.000 GAP-Filialen weltweit gekommen. Quelle: Aufgedeckt: Kindersklaverei in Indien (video-aol.com vom 15.03.2009)

Videdokumentation

 

Steinbrucharbeit

Ohrenbetäubender Lärm hallt von den Felswänden, der Staub macht das Atmen zur Qual, verklebt die Augen, verstopft die Lungen. Die sengende Hitze im Steinbruch ist kaum auszuhalten. In Lumpen gekleidet, barfuß und ohne Mundschutz bearbeiten auch Kinder die Steine. Es braucht die Kraft von mehreren, um den 45 Kilo schweren Presslufthammer halten und tiefe Löcher ins Gestein bohren zu können. Dann sprengen sie riesige Granitblöcke aus dem Fels. Kinder die den ganzen Tag diesem Lärm, diesem Staub und diesen Erschütterungen ausgesetzt sind, haben eine Lebenserwartung von 35 bis 38 Jahren. Quelle: Website von Xertifix e.V.

Weitere Fallbeispiele

“Lagani ist 11 Jahre alt und lebt im Distrikt Sasaram, im indischen Staat Bihar. Sie arbeitet in einer Ziegelbrennerei, ersetzt dort ihre Mutter, die erkrankt ist. Laganis Bruder hatte 10’000 Rupien vom Fabrikbesitzer ausgeliehen, und Laganis Wochenlohn von 50 Rupien dient nun mit dazu, diese Schuld zu begleichen. Lagani arbeitet von 5 Uhr früh bis spät abends, und muss danach noch im Haushalt helfen. Die nächstgelegene Schule ist eine Stunde zu Fuss von ihrem Zuhause entfernt.”

“Jupulli Bhaskar ist 13 Jahre alt und lebt im Staat Andhra Pradesh. Er ist, wie sein Vater, Landarbeiter und arbeitet in Schuldknechtschaft. Für die Hochzeit seiner Tochter hatte der Vater 10’000 Rupien geliehen, und weitere 7’000 zur Verarztung, als er von einem Hund gebissen wurde. Seitdem arbeitet Jupalli von morgens fünf bis abends sieben Uhr. Er reinigt die Tierställe des Landbesitzers, schneidet Futter, schafft Wasser herbei und arbeitet in den Feldern. Als Lohn erhält er jeden Monat fünf Krüge mit Reis.” 23)

Weitere Links

HUMONDE – Schuften statt Schule ( Artikel des Forum für eine humane Welt)

Indien: Kinderarbeit in der Steinindustrie, Schöne Steine im Sonderangebot – Wer zahlt den Preis? Kampagne – Stopp Kinderarbeit – der Stiftung Deutsche Welthungerhilfe

  1. CIA – The World Factbook [zurück zum Text][zurück zum Text]
  2. UNICEF Länderbericht [zurück zum Text][zurück zum Text][zurück zum Text]
  3. ILO, 06.06.07: Child Labour facts and figures: An analysis of Census 2001 – aufgerufen am 09.05.14 [zurück zum Text]
  4. Humanium, 06.06.10: Child Labour in India – aufgerufen am 09.05.14 [zurück zum Text]
  5. Goodweave [zurück zum Text]
  6. U.S. Department of Labor: India – aufgerufen am 09.05.14 [zurück zum Text][zurück zum Text][zurück zum Text][zurück zum Text][zurück zum Text]
  7. UNHCR Worst Forms of Child Labour Report India 2011 [zurück zum Text][zurück zum Text][zurück zum Text][zurück zum Text][zurück zum Text][zurück zum Text][zurück zum Text][zurück zum Text][zurück zum Text]
  8. SOMO, Juni 2012: Where the shoe pinches – aufgerufen am 09.05.14 [zurück zum Text]
  9. TheNational[zurück zum Text]
  10. The London Times [zurück zum Text]
  11. merinews [zurück zum Text]
  12. CIA – The World Factbook [zurück zum Text]
  13. India Statistics [zurück zum Text][zurück zum Text]
  14. “Poverty in India” – Economy Watch – aufgerufen am 25.02. 2012 [zurück zum Text]
  15. “Child Labour in Indian Society” – legal Service India.com [zurück zum Text]
  16. United Nations Treaty Collection [zurück zum Text]
  17. Child Labour Act [zurück zum Text]
  18. Spiegel Online vom 18.02.2007 [zurück zum Text][zurück zum Text]
  19. UNHCR worst forms of child labour report India 2011 [zurück zum Text]
  20. 2012 Findings on the Worst Forms of Child Labor – US. Department of Labor- aufgerufen am 15.05.2014 [zurück zum Text]
  21. Spiegel online [zurück zum Text]
  22. daijiworld.com vom 22.08.2011 [zurück zum Text]
  23. frontline [zurück zum Text]

30 Antworten auf Kinderarbeit in Indien

  1. fine sagt:

    Ich war wirklich schockiert, als Ich anfing mich Mit diesen Thema genauer zubeschäftigen. Ich finde den Gedanken unerträglich z.b Auf dem Sofa Zu liegeb, während Auf Der welt Kinder ausgebäutet und missbraucht werden, damitt Wir bei h&m billig klamotten kaufen können… Ich würde so gerne nicht nur einfach davon reden, was Ich Alles machen will, um den Kindern zu helfen, sonder wirklich etwas machen…

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