Zwangsbettelei

A child on the side of the road

Bild: © Babak Fakhamzadeh [CC BY-NC 2.0] - flickr

Betroffene Länder

Welche Länder sind betroffen?

Westafrika, vor allem der Senegal aber auch Guinea, Guinea-Bissau und Mali sind betroffen.
Gründend auf einer alten Tradition ist es im Senegal und seinen Nachbarländern nicht unüblich, dass Eltern ihre Kinder im Alter von etwa 5 Jahren kostenlos in die Obhut eines muslimisch-religiösen Lehrers, eines sogenannten Marabouts (auch Marabut) geben, damit sie von diesem in der Daara (Koranschule) Koranunterricht erhalten. Bei den Eltern sind heute meist wirtschaftliche Gründe für die Weggabe ihrer Kinder ausschlaggebend, etwa wenn das Einkommen nicht für die ganze Familie reicht.
Im Gegenzug sollen die Talibés, wie die Koranschüler genannt werden, ihrem Marabout bei der Erwirtschaftung des Lebensunterhaltes zur Hand gehen.

Tätigkeiten

Fallbeispiel
Die Geschichte von Ousmane B., ein 13-jähriger Talibé
Ousmane kommt aus der Region Tambacounda (Senegal). Als er sechs Jahre alt war, entschied sich sein Vater, ihn in eine Daara zu schicken, um den Koran zu lernen. „Ich hatte keine Schuhe, nur ein Shirt und eine Hose. Der Marabout hatte 3 Söhne und als ich saubere Kleidung bekam, nahm er sie mir weg und gab sie seinen Kindern. Er bezahlte ihnen eine moderne Daara – sie mussten nicht betteln.“ Wenn Ousmane krank war und nicht betteln konnte, wurde er vom Marabout in einen Raum gebracht und geschlagen, dasselbe passierte wenn er die geforderte Geldsumme nicht aufbringen konnte. Das passierte mindestens einmal pro Woche. Der Marabout fesselte seine Gelenke und schlug ihn mit elektrischen Kabeln. Ousmane trägt heute noch die Narben auf seinem Rücken. „Betteln ist schwer. Wir taten am Ende alles um die tägliche Summe zu bekommen, auch stehlen. Ein Talibé zu sein ist nicht einfach.“1)

Welche Arbeiten werden von den Kindern ausgeführt?

Wegen häufiger Dürren und Nahrungsmittelknappheit verlagern sich die Daaras seit einiger Zeit von ländlichen Regionen in die Städte. Hieraus hat sich eine allgemeine Entwicklung ergeben, die mit dem eigentlichen Sinn der Koranschule und auch der Koranlehre nichts mehr zu tun hat. Der Unterricht findet, wenn überhaupt, nur noch sporadisch statt. Während früher in der Regel Landwirtschaft betrieben wurde, so ist der einzige Daseinszweck der Talibés in den Städten, den Unterhalt ihres Marabouts auf der Straße zu erbetteln. Sie müssen jeden Tag eine bestimmte Summe bei ihm abliefern und werden, wenn sie diese nicht erwirtschaften, mit Schlägen oder anderen Züchtigungen bestraft. Geschlafen wird meist auf dem Fußboden in einem Flur der Daara. Nahrungsmittel müssen ebenso erbettelt und gleich auf der Straße eingenommen werden, da gemeinsame Mahlzeiten in der Schule nicht vorgesehen sind. Die ursprüngliche integrative Funktion der Daara ist somit nicht mehr gegeben.
Das Verhältnis von Marabouts und Talibés kann daher kaum noch als ein Lehrer-Schüler-, sondern vielmehr als ein Dienstherr-Sklaven-Verhältnis betrachtet werden.
Erschwerend kommt hinzu, dass es im Senegal derzeit kaum wirkliche Auflagen für die Gründung einer Daara gibt. So kann sich fast jeder Mann zum Marabout stilisieren und die Zwangsbettelei von Talibés in Anspruch nehmen. Dies hat die Anzahl der „schwarzen Schafe“ unter den Marabouts, die vom Koran und von religiöser Lehre eigentlich keine Ahnung haben, in die Höhe schnellen lassen.

Konsequenzen

Welche Gefahren und Folgen ergeben sich aus diesen Tätigkeiten für die Kinder?

Da die meisten Talibés im Alter von 4 oder 5 Jahren an die Marabouts übergeben oder zu ihnen geschickt werden, sind sie durch den Bruch mit ihrer Familie in ihrem psychischen Entwicklungsprozess gestört. Der Marabout bietet meist keinen Ersatz, da er oft nicht einmal die Namen seiner „Schüler“ kennt und diese nur als Dienstsklaven betrachtet.
Im täglichen Leben haben die Talibés mit Hygienedefiziten und einem Mangel an Nahrungsmitteln zu kämpfen. Die hierdurch auftretenden Krankheiten werden wegen der Gleichgültigkeit vieler Marabouts nur schlecht oder gar nicht behandelt.
Weitere seelische und körperliche Wunden entstehen durch körperliche Gewalt des Marabouts, wenn etwa die geforderte Tagessumme nicht erreicht werden kann.
Die meist unzureichende Ausbildung führt in der Regel dazu, dass viele Talibés, wenn sie im Alter zwischen 15 und 20 Jahren von ihrem Marabout entlassen werden, zunächst keinen Beruf aufnehmen können und sich weiter als Bettler oder Tagelöhner durchschlagen müssen. Da sie in der Regel ihre Familie nicht mehr kennen, fehlen ihnen jegliche soziale Bezugspunkte. Dies behindert die gesellschaftliche Orientierung und Eingliederung.

Quellen + Links

Über Talibés
Talibés Artikel bei IRIN
Report bei allAfrica
Info bei SOS Talibés
Talibés Artikel bei Wikipedia

  1. Off the backs of the children – Human Rights Watch []

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.