Aus dem Krieg in die Kinderarbeit – Syrische Kinder von Flüchtlingsfamilien arbeiten in der Türkei

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Dem Krieg in Syrien sind sie oft nur knapp entkommen, doch nachdem die Grenzen nach Europa geschlossen wurden, strandeten viele syrische Flüchtlingsfamilien in der Türkei. 2,7 Millionen Flüchtlinge aus Syrien leben zurzeit in der Türkei, jedoch leben nur wenige davon in den staatlichen Lagern, in denen sie eine Grundversorgung erhalten. Mehr als 2 Millionen syrische Flüchtlinge leben außerhalb der Camps und sind praktisch auf sich alleine gestellt.1)

Ein Drittel der fast 3 Millionen syrischen Flüchtlinge ist im schulpflichtigen Alter, also zwischen 6 und 16 Jahren. Jedoch gehen circa 380 000 syrische Kinder nicht zur Schule. Laut einer Befragung syrischer Flüchtlingsfamilien arbeiten 28 Prozent von ihnen.2)3) Die Einschulungsquote für Kinder im Grundschulalter in Syrien lag vor dem Krieg noch bei 99 Prozent, jedoch sind viele Familien außerhalb der Lager nun auf die Mithilfe der Kinder angewiesen, um überhaupt überleben zu können.1)

Kinderarbeit ist auch in der Türkei für Kinder unter 14 Jahren gänzlich verboten und Jugendliche zwischen 14 und 17 Jahren dürfen keine schweren Tätigkeiten durchführen. Diese Regelung gilt jedoch nicht für Landwirtschaftbetriebe mit weniger als 50 Angestellten. Diese Ausnahme hat verheerende Auswirkungen auf die Situation der Kinder in der Türkei, denn laut der letzten Statistik des türkischen Statistikinstituts Turkstat von 2014 waren die Hälfte aller arbeitenden Kinder im landwirtschaftlichen Sektor tätig.1)

Kinderarbeit war schon immer weit verbreitet in der Türkei, laut Statistiken waren es 2014 eine Million arbeitender Kinder. Diese Zahl ist vermutlich stark gestiegen, seitdem so viele syrische Familien dort leben.1) Viele der Kinder arbeiten 6 Tage die Woche bis zu 12 Stunden am Tag für einen Hungerlohn. Dadurch besuchen die meisten auch keine Schule und manche der Kinder sind nicht älter als 5 Jahre alt.3)

Sie arbeiten in der Landwirtschaft, pflücken Tomaten, Haselnüsse, Erdbeeren, Weintrauben, Auberginen, Aprikosen, Gurken, Paprika und anderes Obst und Gemüse für den Europäischen Markt. Die Türkei produziert das größte Volumen im Landwirtschaftssektor in Europa und vieles davon landet bei uns im Supermarkt. So importierte Deutschland im ersten Halbjahr 2016 Obst und Gemüse aus der Türkei im Wert von 110 Millionen US Dollar.1)2)4) Andere Kinder arbeiten in der Bekleidungsindustrie, stellen Schuhe her oder nähen Kleidung für namhafte europäische Modekonzerne. So wurden Fälle von Kinderarbeit syrischer Flüchtlinge bei den Modeketten H&M, Next, C&A, Primark und der Otto-Gruppe bekannt.5) Die Stadt Gaziantep ist eine Hochburg für illegale Beschäftigung syrischer Flüchtlinge, da sie an der Grenze zu Syrien liegt. Hier arbeiten die Kinder in der Schuh- und Textilindustrie oftmals auch in Heimarbeit, so dass es schwer ist, dagegen vorzugehen.3)6)

Als ob das Schicksal dieser Kinderarbeiter nicht schon schlimm genug wäre, so wurde auch bekannt, dass Kinder involviert sind in der Herstellung von minderwertigen Schwimmwesten sowie der Produktion von militärischen Uniformen, die zum Teil auch an den IS sowie andere Rebellengruppen geliefert werden.7)8)

Viele der Kinder sind nicht nur zu jung für die harte Arbeit, oftmals sind die Tätigkeiten  auch gefährlich, denn in der Türkei sterben immer wieder Kinder bei der Arbeit. In den Jahren 2013 und 2014 verunglückten 145 Kinder und Jugendliche tödlich an ihrem Arbeitsplatz oder auf dem Weg dorthin. Die Daten wurden von der türkischen Organisation für Arbeitssicherheit ISIG gesammelt, jedoch ist die Dunkelziffer unbekannt, da die tatsächliche Erfassung schwierig ist.4)

Kinder in der Türkei arbeiten, damit wir in der EU Zugang zu billiger Mode und Lebensmitteln haben. Dies ist jedoch für Deutschland, einem der reichsten Länder der Welt, völlig inakzeptabel. Als Konsumenten können wir bewusst entscheiden, was wir kaufen und durch unser Verhalten können wir entweder die Situation der vielen Kinderarbeiter weltweit verschlechtern oder dazu beitragen, dass durch fairen Handel mehr Kinder die Möglichkeit bekommen, eine Schule zu besuchen und wirklich Kind zu sein.

  1. Stern: Wie Flüchtlingskinder als billige Arbeitskräfte missbraucht werden: Veröffentlicht am 19.01.2017 [] [] [] [] []
  2. Zeit online: Kinderarbeit ist ein großes Problem in der Türkei: Veröffentlicht am 25.10.2016 [] []
  3. Stern: 14 Jahre, zwölf Stunden für einen Hungerlohn- aber Nuri funktioniert: Veröffentlicht am 02.07.2017 [] [] []
  4. Correctiv: Tote Kinder bei der Ernte: Veröffentlicht am 18.06.2015 [] []
  5. Der Tagesspiegel: Syrische Kinder nähten für H&M und Next: Veröffentlicht am 02.02.2016 []
  6. Contra Magazin: Kinderarbeit in der Türkei: 40 Prozent der syrischen Flüchtlingskinder gehen nicht zur Schule: Veröffentlicht am 17.03.2017 []
  7. RT Deutsch: Kinderarbeit in der Türkei: Über 1000 Fake Schwimmwesten für syrische Flüchtlinge sichergestellt: 08.01.2016 []
  8. Mail Online: Child slaves making uniform for ISIS: Inside the turkish sweatshop where children as young as nine work 12 hours a day stitching combat gear used in battle by Islamic State: Veröffentlicht am 06.06.2016 []

Über Benita / earthlink

Ich arbeite ehrenamtlich in den Projekten „Fluchtgrund“ und „Aktiv gegen Kinderarbeit“ mit. Studiert habe ich African Studies with Development und World Heritage Studies und arbeite seit Ende meines Studiums in der Flüchtlingshilfe.

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